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Aus dem Buch: Hrsg. Detlef Klewer - Böse Clowns
 
Naemi Berner
Emmas Clown
Für Niki

Grau, grau, grau. Ein Himmel grau wie Asche. Dichte Wolken fingen das Licht ein und schienen es als tausend kleine Regentropfen auf die Erde rieseln zu lassen, während der stetige Nordwind sie über das Land blies. Weiter und immer weiter trieb er sie bis auf den unendlichen Ozean hinaus.
Kopfschüttelnd wandte sich Ann Rossfield vom Fenster ab und setzte sich auf den quietsch- grünen Polstersessel, der ebenso schrecklich farbenfroh wirkte, wie die bunt geblümte Tapete des Therapieraums. Raum 13 entsprach einfach nicht ihrem Geschmack. Seufzend ordnete sie die Papiere auf dem niedrigen Tischchen zwischen ihrem Sessel und seinem orangefarbenen Ebenbild gegenüber. Ihr Blick wanderte wieder zum Fenster, grau, grau, grau - Wie Asche, meldete sich ein Stimmchen in ihrem Hinterkopf. Sie ignorierte es und schenkte zwei dampfende Tassen Früchtetee ein. Auf der billigen Keramik tollten kleine Kätzchen über eine grüne Wiese. Sie starrte auf die tickende Uhr und versuchte die Stille zu genießen.
Es gelang ihr nicht.
Eine seltsame Unruhe quälte sie, seit sie die Akte der neuen Patientin auf ihrem Schreibtisch hatte liegen sehen. Emma Johnson; sechs Jahre alt; Ankunftszeit 8 Uhr abends; ruhige Nacht; erste Therapiesitzung 16 Uhr; zuständige Therapeutin Ann Rossfield; führende Pflegekraft Mary Lou; ACHTUNG: EXTREM LABIL - die letzten Worte in dicker roter Schrift.
Ann schloss für einen Augenblick die Augen. Sechs Jahre alt; extrem labil. Sie hatte diesen Beruf gewählt, um Menschen zu helfen, ihnen die Lebensfreude zurückzugeben - und sie erledigte ihren Job gut, sehr gut sogar. Aber es gab Fälle, die einen verzweifeln ließen, Fälle die einen in den Abgrund stürzten - ja es gab Fälle, die einen selbst in den Wahnsinn treiben konnten. Irgendwie erfasste sie bei diesem speziellen Fall ein ungutes Gefühl, eines, das sie nicht in Worte fassen konnte, oder wollte. Mein Gott, das kleine Mädchen hatte versucht sich zu erhängen! Allerdings - sie könnte diesen Fall noch abgeben, ihn jemand anderem zuweisen. Sie musste diese Patientin nicht übernehmen, nicht wirklich. Andererseits konnte sie nicht ewig vor schwierigen Fällen davonlaufen. Sofern sie diese Klinik eines Tages leiten wollte, musste sie aus sich herauskommen und beweisen, was in ihr steckte.
Ihre Nackenhaare stellten sich auf, als sie das Quietschen der Schwesternschuhe auf dem Linoleum vor der Tür vernahm. Ann öffnete die Augen und setzte ihr freundlichstes, strahlendstes Willkommenslächeln auf. Die Tür öffnete sich.
"Guten Tag, Schwester Lou", hörte sich Ann sagen - erschüttert, wie beschwingt ihre Stimme klang, vielleicht hätte sie Schauspielerin werden sollen.
"Guten Tag", grüßte die ältere Dame, "ich bringe Ihnen Emma, Doktor Rossfield."
Plötzlich stand es im Zimmer - das kleine Mädchen. Ann fielen zuerst seine außergewöhnlich blauen Augen unter dem blonden Lockenkopf auf. Sie blickten leer, ausdruckslos.
"Hallo Emma", sagte sie immer noch lächelnd. "Ich bin Doktor Ann, komm doch herein und setz dich. Ich habe uns Tee gekocht."
Das Mädchen blickte kurz zu Schwester Lou, die ihr aufmunternd zunickte. Dann überwand sie die letzten Meter bis zu dem orangefarbenen Sessel und ließ sich hinein sinken, als sei sie erleichtert nun nichts mehr tun und entscheiden zu müssen. Schwester Lou schloss leise die Tür. Das kaum hörbare "Klick" der einrastenden Scharniere hallte ohrenbetäubend laut in Anns Kopf.
"Möchtest du Tee, Emma?", fragte sie das Mädchen und musterte es aufmerksam.
Emma trug ein rosafarbenes Kleidchen, weiße Strumpfhosen und kleine Lackschuhe. Vermutlich gingen ihre Eltern gut bezahlten Jobs nach und nahmen sich nur selten Zeit für ihr Kind. Um den Hals des Kindes wand sich ein alter Wollschal, der nicht so recht zu ihrem restlichen Aufzug passen wollte. Er verbarg die dunkelvioletten Blutergüsse mehr schlecht als recht. Hämatome von der Schlinge, die sich tief in ihren Hals gegraben hatte, als Emma von dem Dachbalken baumelte. Ein kleiner Körper hilflos schwebend in der Luft -
Beruhige dich, ermahnte sich Ann. Du kannst das.
Sie hob ihre eigene Tasse und nippte an der dunkelroten Flüssigkeit. Dunkelrot wie Blut. Angestrengt versuchte sie nicht das Gesicht zu verziehen. Der Tee war viel zu süß. Zögernd streckte jetzt auch Emma ihre Hand aus und schloss ihre kleinen Finger um die Tasse. Ann nahm noch einen weiteren Schluck. Emma ließ sich wieder in ihren Sessel zurücksinken. Ann überlegte so fieberhaft, wie sie nun beginnen sollte, dass sie unwillkürlich zusammenzuckte, als Emma etwas sagte: "Er mag sie."
Ihre leise Stimme klang noch rau, das Sprechen musste ihr Schmerzen bereiten, aber sie sprach - und kam sofort zum Thema. Nun gut, warum nicht gleich mit dem Problem beginnen?
"Du meinst den Clown, Emma?" Emma nickte.
"Chip sagt, er mag sie, weil sie Angst haben."
Anns Herz machte einen Satz.
"Ich habe keine Angst", widersprach sie automatisch.
"Jetzt lacht er", sagte Emma. "Ich mag nicht, wenn er lacht - nicht mehr. Sein Lachen ist jetzt so anders - so ... böse."
Anns Kehle war plötzlich ganz trocken. So hatte sie sich das nicht vorgestellt, das Mädchen schien von seinen Halluzinationen ja vollkommen gefesselt! Ann hatte nicht erwartet, diese jetzt schon offenbart zu bekommen. In drei, vier Sitzungen vielleicht, wenn sie besser darauf vorbereitet wäre ...
"Sie sind nervös", flüsterte Emma.
"Sagt er das auch - der Clown?"
"Nein", antwortete Emma. "Aber Sie verschütten Ihren Tee."
"Oh!" Peinlich berührt wischte Ann sich mit einem Taschentuch den Tee von ihrem Rock und stellte ihre Tasse vorsichtshalber auf den Tisch. Die rote Flüssigkeit schwappte hin und her.
Professionalität, zischte sie sich innerlich zu. "Nun gut ...", setzte sie an.
"Darf ich noch einen Tee haben?", platzte Emma heraus.
"Was?" Ann starrte auf Emmas, noch zu drei Vierteln gefüllte, Tasse. Das Mädchen zuckte mit den Achseln.
"Chip hat in meinen Tee gespuckt."
Dann füllten sich die ausdruckslosen Augen des Mädchens plötzlich mit Tränen und es wurden mehr und mehr. Ann konnte sie nur völlig perplex anstarren, ehe sich die Tropfen wie schimmernde Perlen aus Emmas Augenwinkeln ergossen und von einem herzzerreißenden Schluchzer begleitet, über ihre Wangen rollten. Das kleine Mädchen stellte seine Tasse ab und krümmte sich zusammen. Ann bemerkte, wie sich kleine Knochen durch blasse Haut bohrten.
Oh Gott, wann hat dieses Kind das letzte Mal etwas gegessen, durchzuckte es Ann.
"Emma, Emma, beruhige dich, es ist alles gut", sagte sie sanft, wobei der beruhigende Ton ein wenig verloren ging, da sie beinahe schreien musste, um das Schluchzen des Mädchens zu übertönen.
"Nein, nein, nein, nein", stammelte Emma. "Es wird nie wieder gut werden, nie, nie, nie, NIE! Er wird nie wieder fortgehen!"
"Emma, ich ...?"
"Er macht mich verrückt, verrückt!", schrie die Kleine, einen irren Glanz in den Augen. "Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr!"
Oh nein, gleich ruft jemand den Sicherheitsdienst, dachte Ann. Sie sprang auf, lief entgegen ihrer üblichen Vorsätze, um den Tisch, packte das hysterisch "Nein, nein, nein!" schreiende Mädchen an den Handgelenken und zwang es, ihr in die Augen zu blicken.
"Emma, beruhige dich! Ich kann dir helfen! Ich werde dir helfen!"
Einen schrecklichen Moment lang überflutete sie das Gefühl, nichts ausrichten zu können, Emma nicht mehr erreichen zu können. In Gedanken sah sie bereits Schwester Mary-Lou das Sicherheitspersonal rufen, das sofort ins Behandlungszimmer gestürmt käme. Man würde ihr die kleine Emma als Patientin nehmen, das Kind vielleicht in eine geschlossene Anstalt verlegen. -
Aber dann schien ein Schatten, etwas wie ein dunkler menschlicher Umriss aus Emmas Pupillen zu weichen. Ann überlief eine Gänsehaut. Im nächsten Moment erschlaffte das Mädchen und sank zurück in seinen Sessel. Einbildung! Bloße Einbildung? Schatten in Augen, so ein Unsinn - einfach alles zu viel für einen Tag!
Langsam kehrte Ann auf ihre Seite des Tischchens zurück und reichte Emma eine Packung Taschentücher. Das Mädchen nahm sie, saß da, als sei nichts geschehen und schnäuzte sich die Nase.
"Emma, wir werden jetzt ein bisschen reden, wie zwei Freundinnen, okay?"
Das Mädchen nickte. Erleichtert begann Ann ihr Programm. Alles unter Kontrolle, menschliche Schatten in Augen? so ein ausgemachter Unsinn!
"Was bedrückt dich Emma", fragte Ann.
"Chip", kam es wie aus der Pistole geschossen.
"Chip ist der Clown, der dich verfolgt, Emma, nicht wahr?"
Sie schüttelte den Kopf: "Chip verfolgt mich nicht. Er begleitet mich überall hin - immer und überall hin. Er ist auch in meinen Träumen da."
Emma stoppte, hielt für eine Sekunde inne und sah Ann prüfend an, ehe sie fortfuhr: "Mama und Papa und alle anderen können ihn nicht sehen, aber ich weiß, dass er echt ist."
Das hört sich endlich nach einer analysierbaren, nicht allzu außergewöhnlichen psychischen Krankheit an, dachte Ann erleichtert.
"Wie sieht Chip denn aus, Emma?"
"Das kann ich nicht richtig erklären, ich bin noch nicht in der Schule und Mama sagt, dass ich wahrscheinlich nie auf eine normale Schule gehen kann."
"Aber nein Emma, du wirst bestimmt eine richtige Schule besuchen können", widersprach Ann. "Bist du dir da sicher?", zweifelte ihre innere Stimme leise.
"Schau mal, du kannst ihn doch einfach mal für mich malen." Ann deutete auf Zeichenblock und Buntstifte auf dem Tischchen.
"Ich kann es versuchen", murmelte Emma unsicher. "Unterhalten wir uns dann trotzdem weiter, ja? Damit Sie mir helfen können?", erkundigte sich die Kleine. Ein Hoffnungsschimmer lag nun in ihren Augen.
"Wenn du es jetzt versaust, Ann", hallte ihre innere Stimme in ihrem Kopf, "wenn du es jetzt versaust, dann wird sie sich nie wieder auf so etwas einlassen."
"Natürlich unterhalten wir uns weiter, Emma. Solange du willst", erklärte sie.
Emma schnappte sich die Stifte und das Papier, lehnte sich in den Sessel zurück, stellte ihre Knie auf, legte den Block auf ihre Oberschenkel und begann - für Ann nicht sichtbar - zu malen. Die erste Farbe, die sie wählte, war schwarz.
"Woher kommt Chip denn", fragte Ann und drückte heimlich den Knopf des Diktiergeräts. Das hatte sie bei der ganzen Aufregung vollkommen vergessen.
"Er kam aus der Chipsdose, die ich vor unserem Haus gefunden habe", begann Emma, während sie zeichnete. "Mama sagt immer, dass ich keinen Müll aufheben soll, aber auf der Packung war so eine kleine Sammelfigur - ein Plastikclown - und da habe ich nachgesehen, ob sie noch drin ist."
"Und war sie noch darin?"
"Ja, ich habe sie eingesteckt, aber niemals wiedergefunden", berichtete Emma ernst. Sie legte den schwarzen Stift beiseite und streckte ihre Hand nach dem Roten aus - nach dem Blutroten. Ann schauderte.
"In der Nacht ist dann Chip zu mir gekommen."
"Wann war das, Emma?"
"Vor zwei Monaten."
"Zwei Monate!", entfuhr es Ann.
Emma stoppte und blickte sie über ihre Knie hinweg an.
"Ja", erzählte sie weiter. "Aber am Anfang war er noch ganz nett. Er hat mir Witze beigebracht und mir Kunststücke vorgeführt. Aber ich hatte trotzdem Angst vor ihm."
"Wieso hattest du Angst, Emma?" Das Mädchen schwieg.
"Du kannst mir alles sagen", drängte Ann sanft.
"Er hatte ganz schwarze Augen. Und immer, wenn er gelacht hat, ist mir ganz kalt geworden."
Ann zog ihre Jacke fester um sich. Täuschte sie sich oder war es auch hier im Zimmer gerade einige Grad kälter geworden?


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