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Aus dem Buch: Hrsg. Helga Sadowski - Märchenglobus
 
Der Junge, der die Flöte spielte
Lena Kreuzmeier

Zu alten Zeiten, als Schottland noch voller Wälder war, lebte dort eine Hexe mit ihren drei Kindern. Ihr ältestes Kind, eine wunderschöne Tochter namens Leevia, besaß die Fähigkeit, sich in eine schlanke Birke mit zarten Blättern zu verwandeln.
Auch Genoe, das zweite Kind, war ein hübsches Mädchen. Sie war von kräftiger Statur, und ihre Kunst bestand darin, sich in einen großen Stein zu verwandeln.
Das dritte und jüngste Kind der Hexe, ein Junge mit Namen Bow, war klein, dünn und die Kunst der Verwandlung war ihm versagt. Stattdessen besaß er eine Flöte aus Eibenholz. Für ihn gab es nichts Schöneres auf der Welt, als mit ihr zu musizieren.
Doch nicht nur liebliche Musik entlockte er seinem Instrument. Der Junge verstand sich vortrefflich darauf, mit ihm die Gesänge der Vögel, die Geräusche der Natur und allerlei andere Klänge nachzuspielen. Seine Mutter lauschte dem Flötenspiel ihres Sohnes sehr gerne. Doch die Schwestern verspotteten ihn, weil er keinen einzigen Zauber beherrschte. Manchmal machte ihm das Kummer und der Knabe holte die Flöte heraus. Er spielte dann auf ihr ganz leise eine traurige Melodie, nur für sich alleine.
Eines Tages schickte die Hexe ihre drei Kinder zum benachbarten Loch ? so werden die Seen in Schottland genannt ? um dort Steine zu sammeln.
"Bringt mir drei Eimer voller Uferkies", verlangte sie, "damit ich heute Nachmittag meinen Steinzauber üben kann. Ich werde währenddessen das Mittagessen zubereiten."
Die Kinder machten sich auf den Weg. Die Schwestern unterhielten sich über Zauberei, während Bow auf seiner Flöte den Gesang einer Lerche erklingen ließ.
"Hör dir unseren Bruder an!", spottete die ältere Schwester. "Wenn er immer nur flötet, wird er nie einen Zauber lernen."
"Genau", antwortete die jüngere. "Er wird höchstens die echten Vögel verscheuchen.
Kichernd steckten die Mädchen ihre Köpfe zusammen und machten sich weiter lustig über den Bruder, der ihnen traurig hinterherschlich.
Bald erreichten sie ihr Ziel, einen langen schmalen See, der zwischen den Hügeln schimmerte. Auf der Wasseroberfläche spiegelten sich die Wolken und die ihn umsäumenden sanften Bergkuppen.
Die Mädchen begannen, die Eimer mit Uferkies zu füllen. Bow aber setzte sich auf einen Stein am Rand des Sees und begann, mit geschlossenen Augen auf seiner Flöte zu spielen. Neue Melodien erfüllten die Luft.
Nach einiger Zeit kräuselte sich das Wasser des Lochs und kleine Wellen tanzten im Kreis. Aus dessen Mitte tauchte geräuschlos ein glatter, grauer Kopf auf. Ihm folgte ein langer Hals, viel länger als der einer Giraffe. Das Geschöpf hatte große gelbe Augen, die sich neugierig umsahen. Es war eines der legendären Seeungeheuer Schottlands!
Ihr müsst wissen, solche Wasserwesen verstecken sich vor den Menschen. Seit mehr als hundert Jahren hatte man im ganzen Land keines mehr gesehen.
Als Leevia, die ältere Tochter der Hexe, nun das Untier entdeckte, erschrak sie fürchterlich. In Windeseile verwandelte sie sich in eine Birke, denn sie hoffte, dass sich Wasserwesen nicht für Bäume interessieren. Genoe, die jüngere Tochter, erschrak ebenso. Blitzschnell wurde sie zu einem großen Stein. Nun war sie für das Biest bestimmt viel zu schwer.
Ihr Bruder jedoch hatte von all dem nichts mitbekommen und spielte immer noch mit geschlossenen Augen auf seiner Flöte.
Da stupste ihn das Seeungeheuer mit dem Maul an. Bow öffnete erschrocken die Augen, und beinahe wäre ihm die Flöte aus den Händen gefallen. Er konnte sie gerade noch abfangen und hielt sie jetzt gut fest.
"Hallo", rief der Junge zaghaft. "Bist du gefährlich?" Das Seeungeheuer wiegte den Kopf.
"Du verstehst wohl meine Sprache nicht", meinte Bow.
Unbemerkt schlängelte sich das Ungeheuer nahe ans Ufer. Blitzschnell tauchte es noch weiter aus dem See heraus, packte den Jungen vorsichtig mit dem Maul und zog ihn mit sich unter Wasser.
Vor Schreck atmete Bow einen Mund voll Wasser ein. Und, oh Wunder: Er konnte unter Wasser atmen!
"Ich kann es!", schoss es ihm durch den Kopf, als er begriff, dass das Magie war."
Doch konnte es ihm in dieser Situation auch nützen? Er sah sich um: Es gab Wasserpflanzen, die sich in der Strömung wiegten, und glitzernde Fische tummelten sich um ihn und das Seemonster herum. So gut, wie es aus Bows Position möglich war, betrachtete er das Wesen.
Sein langer Hals wuchs aus einem grauen Körper mit vier kräftigen Flossen und einem kurzen Schwanz. Gerade eben blubberte es neben dem Jungen aus dem Maul, und kleine Wasserperlen kitzelten ihn in der Nase.
Sie sanken tiefer und es wurde zunehmend dunkler.
Das Seeungeheuer ließ Bow los, blubberte noch einmal und tauchte weiter hinab.
"Soll ich mit dir kommen?", blubberte nun auch der Junge, denn unter Wasser sprechen klingt eben so. Das riesenhafte Flossentier wandte sich kurz um. Es schien dem Jungen, als würde es nicken. Wild entschlossen, sich auf das Abenteuer einzulassen, begann Bow mit den Füßen zu strampeln. Eigenartig, er hatte nie schwimmen gelernt, und doch fiel es ihm ganz leicht.
Um dem Wasserungeheuer folgen zu können, musste er sich an den Schwanz des Wesens klammern und gelangte mit ihm bis an den Grund des Sees. Hier war es so dunkel wie bei Nacht im Wald. Wo immer sich die Wasseroberfläche befand, der Junge vermochte es nicht zu sagen; er hatte die Orientierung verloren. Aber es machte ihm keine Angst.
Das Seeungeheuer begann eine Melodie zu blubbern.
"Du kannst auch schön singen", stellte Bow fest, setzte seine Flöte an den Mund und spielte mit.
Von dem Instrument ging hier unten ein Schimmern aus, sodass die Dunkelheit etwas abgemildert wurde. Unter Wasser klang sein Instrument noch zauberhafter als an der Luft. Die liebliche Melodie lockte Fische an, große wie kleine, bunt schillernde und unscheinbare. Auch Krebse krochen herbei und bewegten ihre Scheren im Takt der Musik. Sie alle kamen, um dem Flötenspiel zu lauschen.
Eine Weile spielte Bow für die Wasserbewohner seine schönsten Weisen. Dann fielen ihm seine Schwestern ein. Sicher machten sie sich große Sorgen!
Er beendete sein Spiel und blubberte dem Seeungeheuer zu: "Ich muss jetzt gehen."
Die Augen des riesigen Wasserbewohners wurden traurig. Bow bemerkte es und versprach: "Ich komme wieder."
In die Augen des Seeungeheuers kehrten Glanz und Freude zurück. Es begleitete seinen neuen Freund bis zur Wasseroberfläche. Noch ein letztes Blubbern, ein kräftiger Schlag seiner Flossen, und das Wesen kehrte zurück an den Grund des Sees.
Bow tauchte aus dem Wasser auf und kurzzeitig blendete ihn das helle Tageslicht.
Er hörte das Jammern und Weinen seiner Schwestern und rief ihnen zu: "Hallo, hier bin ich! Habt keine Angst, mir ist nichts passiert!"
Mit ein paar kräftigen Schwimmstößen erreichte er sicher das Ufer und stieg aus dem Wasser. Er schaute erstaunt an sich herunter: An seiner Haut perlten die Wassertropfen glitzernd ab.
Leevia und Genoe liefen zu ihrem Bruder.
"Wir sind so froh, dass es dir gut geht!", bekräftigten sie abwechselnd und drückten ihn vor Erleichterung und Freude.
Staunend bemerkten sie, dass seine Kleider nicht durchnässt waren und ein silberner Schimmer auf seiner Haut lag ...


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