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Aus dem Buch: Manfred Basedow - Die sieben Wanderer
 
Der arme Bauer

Es war einmal ein armer Bauer, der beackerte ein Feld, das nicht mal einen Morgen groß war und konnte nur einen alten Ochsen, der kaum noch den Pflug zu ziehen im Stande war, sein Eigen nennen. War es auch nicht viel, was er besaß, so hatte er doch stets sein Auskommen gehabt. Wie immer im Frühling, betrat er an einem Montag den kleinen windschiefen Stall und schirrte den Ochsen an, um mit ihm das Land zu pflügen. Es wurde Zeit, die geringe Saat auszubringen. Das Wetter war ideal an diesem Tag.
Sie erreichten den noch im leichten Morgennebel liegenden Acker und begannen auch sofort mit ihrem Tagewerk. Bis zum Mittag hatten sie schon ein gutes Stück geschafft.
Der Bauer wischte sich mit seinem karierten Taschentuch die Stirn ab. Die Frühlingssonne hatte schon ganz schön viel Kraft. Hinter dem Pflug zu gehen war eine arge Schinderei. Immer wieder lagen Feldsteine im Weg, die er zur Seite schaffen musste, bevor er weiterpflügen konnte.
Er wollte gerade mit der nächsten Furche beginnen, als er einen kleinen Feldhamster entdeckte. Der hatte ihm gerade noch gefehlt. Denn so ein Tier sammelt viele Vorräte für den Winter. Der Bauer sah also sein bisschen Saatgut in Gefahr. Suchend blickte er sich um und wurde auch gleich fündig. Am Wegesrand lag ein dicker Knüppel, den er geschwind aufnahm.
"Warte, mein Lieber", rief er wutentbrannt, "ich werde dir den Garaus machen!"
Der Bauer hob den Knüppel über seinen Kopf, als der Hamster plötzlich schrie: "Halt ein, halt ein! Es soll dein Schaden nicht sein. Ich werde dich reich belohnen."
Verdutzt hielt der Mann inne, er glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. "Du kannst reden?", fragte er und ließ verwundert den Knüppel sinken. "Warum soll ich dir Glauben schenken? Du stiehlst mir doch nur das bisschen Saatgut weg, welches ich hier anbaue, wenn ich dich verschone. Es gibt für mich keinen Grund, dich am Leben zu lassen. Ich muss meine Familie ernähren. Wenn du mir alles wegfutterst, bleibt mir nichts, was ich im Herbst zur Mühle bringen kann. Wovon sollen wir dann leben?"
"Ich versichere dir, du wirst es nicht bereuen", beharrte der Feldhamster, der es vermochte, den Bauern so anzublicken, dass ihm der Sinn abhandenkam, ihm wehtun zu wollen. "Vertraue mir bitte, auch wenn ich dir nicht verraten kann, warum!"
"Na gut, aber wehe dir, ich werde dich finden, wenn du versuchst mich zu hintergehen. Lass deine Pfötchen von meinem Saatgut oder du wirst es bereuen."
Der Landwirt nahm seine Arbeit wieder auf, so lange bis der Tag sich dem Ende zuneigte. Morgen würde er die zweite Hälfte des Feldes pflügen.
Er machte sich mit seinem Ochsen und dem Pflug auf den Heimweg. Seine Frau wartete bestimmt schon mit einer leckeren Kohlsuppe auf ihn.
Als der Bauer seinen Hof erreichte, glaubte er zu träumen. Seine alte baufällige Scheune sah wie neu aus, der Stall für die Tiere war ordentlich gepflegt und seine Hühner scharrten friedlich nach Futter. Er kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, denn, als er die Scheune betrat, war sie bis unters Dach mit Säcken voll Weizenkörnern gefüllt.
"Wie kann das sein? Sollte das der Feldhamster bewirkt haben, weil ich sein Leben verschonte?", dachte er bei sich.
Er begab sich zum Viehstall, um den alten Ochsen in seine Box zu bringen.
Den Pflug hatte er schon vorher im Hof abgestellt. Unglaublich was er im Stall vorfand. Drei gut genährte, bunt gescheckte Kühe, zwei kräftige Pferde und drei Sauen mit jeweils acht Ferkeln. Alles sah aus, als gehörte es schon ewig hierher.
Der Bauer versorgte den Ochsen und verließ den Stall, um zu seiner Frau in die Küche zu gehen. Da blieb ihm erst recht der Mund offenstehen.
Die alte baufällige Kate hatte sich in ein solides Fachwerkhaus verwandelt. Er fragte seine Frau: "Was ist denn passiert, seit ich heute Morgen aufs Feld gegangen bin? Alles ist verändert: die Scheune, der Stall und jetzt das Haus. Es sieht aus, als wenn der Bauernhof gerade neu gebaut wurde. Dabei habe ich ihn doch schon von meinem Vater in keinem guten Zustand übernommen."
"Was weiß denn ich", konnte sie nur antworten. "Ich war gerade draußen beim Wäsche aufhängen, als sich hier alles von einer Sekunde zur anderen veränderte."
"Jetzt verstehe ich." Bei diesen Worten setzte er sich zu ihr auf die Ofenbank, nahm sie in den Arm und berichtete ausführlich von seiner Begegnung mit dem kleinen Feldhamster. Es war ein Glück, dass er auf das Tierchen gehört hatte.
"Wir müssen uns überlegen, wie wir unseren Nachbarn diesen unerwarteten, plötzlichen Reichtum erklären. Oder erwartest du, dass die dir die Geschichte mit dem Feldhamster glauben?", wandte seine Frau ein und trübte damit etwas seine Freude.
"Du hast Recht meine Liebe", gab er zu, "das wird nicht einfach, die bringen mich ins Irrenhaus, wenn ich ihnen etwas von einem sprechenden Hamster erzähle". Schließlich fassten sie nach dem Abendessen einen Entschluss, den der Bauer vierzehn Tage später in die Tat umsetzte.
Er ging am Abend in die Dorfschänke, prahlte dort lauthals: "Am Montag vor zwei Wochen zog ich mit meinem alten Ochsen vor dem Pflug neue Furchen auf meinem kleinen Acker für die Frühjahrsbestellung, und stellt euch vor was ich dabei gefunden habe?" Er machte eine Pause, um die Spannung zu erhöhen und blickte den anwesenden Männern in die fragenden Gesichter.
"Was wird da schon gewesen sein. Einen Haufen Steine wirst du da gefunden haben, zu mehr hat es bei dir armem Schlucker doch noch nie gereicht!", spottete einer seiner Nachbarn unverhohlen. Alle anderen Anwesenden begannen zu lachen.
"Ich stieß auf einen großen Krug mit vielen Goldmünzen darin! Zuhause holte ich den Scheffel hervor und glaubt es oder nicht, neun Scheffel Gold habe ich gemessen - neun Stück. Ich bin jetzt reich!" Triumph klang aus seiner Stimme. "Meinen Hof habe ich verschönern lassen. Wenn man genug Geld auf den Tisch legen kann, beeilen sich sogar die Handwerker. Ja, und meinen Acker habe ich natürlich nicht weiterbearbeitet, das habe ich ja nun als reicher Mann nicht mehr nötig. Vielleicht stelle ich mir eine Magd und einen Knecht ein."
Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals. Würden sie ihm das alles so einfach abnehmen?
Oh ja, sie wollten es nur gar zu gerne glauben. Noch in derselben Nacht schlichen sich alle Dorfbewohner heimlich auf seinen Acker und gruben diesen komplett um, in der Hoffnung dort auch einen Krug Gold zu finden.

Auch ihnen begegnete der Feldhamster. Sie wollten ihm ebenfalls ans Leben und wieder rief er: "Haltet ein, haltet ein! Verschont mein Leben, ich werde euch reich belohnen."
Doch weiter kam er nicht. Wie die Wahnsinnigen schlugen sie mit ihren Spaten, die sie zum Umgraben mitgebracht hatten, nach ihm. Doch sie erwischten ihn nicht, denn so plötzlich, wie er aufgetaucht war, verschwand er auch wieder.
Da sie zur Goldsuche hier waren, suchten sie nicht weiter nach ihm. Sie gruben auch noch den allerletzten Rest des Feldes um. Aber wie uns ja bereits bekannt ist, fanden sie natürlich nichts. Denn: Wo nichts ist, da kann man auch nichts finden.
Enttäuscht machten sich alle auf den Heimweg. Doch was mussten sie sehen als sie dort ankamen? Ihre ehemals schönen Höfe befanden sich in einem schrecklichen Zustand. Die Fenster hingen schief, die Dächer waren zum Teil abgedeckt, die Scheunen klapprig und zugig. Das Vieh völlig abgemagert und die Speicher leer. So wurden die Dorfbewohner für ihre Gier nach Gold und den Angriff auf den Hamster bestraft.
Der ehemals arme Bauer aber konnte jetzt säen und auch noch auf eine gute Ernte hoffen. Seine Nachbarn hatten ihm ja schließlich sein Feld vortrefflich umgegraben.
Jedes Jahr nach der Ernte legte der Bauer eine Garbe Weizen an die Stelle des Feldes, wo er damals dem sprechenden Feldhamster begegnet war.

"Ich hoffe, die Geschichte war ganz nach eurem Geschmack", schloss Joseph seine Erzählung. Seine Wanderfreunde blieben einen Augenblick stumm, doch dann klatschten sie begeistert Beifall für diese lehrreiche Geschichte. Alle Wanderburschen schnürten ihre Bündel neu und machten sich wieder auf den Weg. Am Abend erreichten sie ein kleines Gasthaus und übernachteten dort. Am nächsten Morgen begaben sie sich frisch und ausgeruht wieder auf die Wanderschaft.
Der Buchfink schmetterte sein lebhaftes Liedchen, um den anbrechenden Morgen auf seine Weise zu begrüßen. Die Männer ließen sich davon anstecken und stimmten ein bekanntes Wanderlied an.
Am Ende des Weges durch die Heide erreichten sie einen Wald. Zur Mittagszeit fanden sie darin eine Lichtung mit sieben Baumstümpfen darauf. Diese waren kreisförmig angeordnet und luden sie zum Sitzen ein.
Sie ließen sich nieder, öffneten ihre Bündel und nahmen jeder ein Paar Äpfel zur Stärkung heraus. Joseph rief begeistert: "Was für ein wunderbarer Platz zum Rasten!" Dann wandte er sich an Fritz.
"Nach dem Essen lass uns deine Geschichte hören", forderte er ihn freundlich auf. Als alle gesättigt waren, begann der Ausgewählte zu berichten, was sich in einem fernen Land vor sehr, sehr langer Zeit zugetragen hatte.

Der König, der sich einen Sohn wünschte

Es war einmal in einem weit entfernten Reich irgendwo im Märchenland. Dort stand in der Hauptstadt, auf einer malerisch schönen Anhöhe, ein Schloss aus reinstem Kupfer. Das musste jeden zweiten Monat aufs Neue von vielen fleißigen Helfern poliert werden. Denn Kupfer wird sonst mit der Zeit von Grünspan überzogen. Bei Sonnenschein glänzte das ganze Gemäuer derart, dass alle, die sich im Freien befanden, davon geblendet wurden. König Egbert regierte sein Reich schon viele Jahre und war bei seinen Untertanen sehr beliebt.
Eigentlich hätten er und seine Gemahlin Linda glücklich und zufrieden sein können. Aber zu ihrem vollkommenen Glück fehlte ihnen ein Kind. Doch was sie auch versuchten, es wollte einfach kein Thronerbe zur Welt kommen. Selbst bei Wahrsagern, Kartenlegern und Hexen ließ König Egbert um Hilfe ersuchen, alles schien vergebens zu sein. Verzweifelt ließ der Herrscher nach seinem Leibarzt Jakobus schicken. Nicht lange und der Herbeizitierte betrat den Thronsaal. Er ging näher und machte eine tiefe Verbeugung.
"Leibarzt, folge Er mir in meine Privatgemächer. Ich habe mit Ihm zu reden."
Der Doktor kam dem Befehl seiner Majestät nach und betrat nach ihm die gut ausgestattete Bibliothek. Nachdem ein Diener die Türe hinter ihnen geschlossen hatte und sich entfernte fragte er unterwürfig: "Eure Majestät, wie kann ich Euch zu Diensten sein?"
König Egbert wartete, bis der Lakai den Raum verlassen hatte: "Er kennt mein Problem. Was für Möglichkeiten bleiben mir, um doch noch einen Thronfolger zu bekommen?"
Jakobus überlegte eine Weile und antwortete dann:
"Ich kenne einen alten Magier mit Namen Fiesolonius, der wird Euch mit Sicherheit helfen können. Wenn Eure Majestät gestatten, werde ich persönlich zu ihm reisen und ihn um Hilfe ersuchen."
Da König Egbert jeden Strohhalm ergriff, der sich in seiner Not anbot, sandte er seinen Leibarzt mit einer Eskorte in das ferne Land Fiesolonien. Würde dieser Zauberer einen Ausweg wissen? Mit bangem Herzen verabschiedeten er und seine Frau ihre wohl letzte Hoffnung in Gestalt des alten vertrauten Arztes Jakobus.
"Möge Er", flüsterte Königin Linda, "mit guten Nachrichten heimkehren, damit wir nicht ohne einen Thronerben bleiben".
"Was soll bloß aus unserem Königreich werden, wenn wir wirklich zur Kinderlosigkeit verdammt sind?", seufzte der alte Regent.

Der Stallbursche hatte dem Doktor ein gutes Pferd gesattelt, und die Köchin gab ihm so viel Proviant mit, dass er auf der langen anstrengenden Reise nicht hungern sollte. Auch die zwei Mann starke Eskorte wurde mit allem versorgt, was nötig war, denn sie hatten gut vier Wochen Ritt vor sich. Schon im Morgengrauen machten sie sich auf in das weit entfernte Königreich. Der Magier Fiesolonius regierte es schon viele hundert Jahre, wie es sich für einen mächtigen Zauberer geziemte. Jakobus gönnte sich und seinen Begleitern keine nennenswerten Pausen, die Zeit drängte. Das Königspaar hatte schon ein stattliches Alter erreicht, niemand lebt schließlich ewig, auch kein König. Der Leibarzt war seinem Monarchen immer ein gehorsamer Untertan, zu dem sein Dienstherr mehr Vertrauen besaß, als zu seinen anderen Bediensteten.
Sie erreichten die Reichsgrenze des Magiers noch bevor die vier Wochen um waren.
Jakobus und seine Begleiter legten eine Rast ein. Der Doktor wusste, dass es nicht ganz einfach werden würde, zum Magier vorzudringen. Er überlegte sich einen Plan nach dem anderen und verwarf ihn wieder. So ging das eine geschlagene Stunde, doch nichts schien ihm sinnvoll.
Plötzlich kam ein alter Mann des Weges, den sprach er einfach an.
"Väterchen, wohin des Weges?"
"Ich muss Brennholz besorgen. Wenn der Winter kommt, ist es zu spät dafür. Also haltet mich nicht lange auf!", antwortete der Mann freundlich aber bestimmt.
"Ich bin ein berühmter Heiler", erklärte Jakobus. Schon viele Menschen habe ich von ihren Zipperlein befreit. Wisst Ihr, ob der alte Magier ein Gebrechen hat? Das wäre bei seinem hohen Alter nicht verwunderlich."
Der Alte schaute ihn misstrauisch an und meinte: "Was interessiert Euch das, werter Herr?" Man sah deutlich, wie merkwürdig er das Ansinnen des Fremden fand.
"Nun, da ich gerade da bin, könnte ich ihm sicher helfen. Wenn ihm jedoch nichts fehlt, kann ich mir den Weg zu seinem Schloss ersparen", wollte er den Mann beruhigen.
"Nun ja", lenkte dieser ein, "unser Herr leidet schon seit vielen Jahren an einem ganz schlimmen Reißen. Er hat schon alles selber versucht, was er an Zaubersprüchen, Tinkturen und Heilpraktiken kannte, nichts hat bisher geholfen. Solltet Ihr wirklich so gut sein wie Ihr sagt, kann es sicher nicht schaden, den Ärmsten aufzusuchen und zu behandeln. Solltet Ihr ihm helfen können, wird er Euch sicher reich belohnen. Schafft Ihr es aber nicht, wer weiß, was er dann mit euch tut. Ich möchte es mir nicht ausmalen."

"Vielen Dank für Eure Auskunft", verabschiedete sich Jakobus höflich und machte sich mit gemischten Gefühlen auf zum Zauberschloss. Seine Eskorte ließ er an der Grenze zurück. Nach einem halben Tagesritt erreichte er das mystisch aussehende Gemäuer. Es stand auf einem spitzen Berg mit gefährlich scharfen Zacken. Die Türme ragten aus den Gipfeln der Bergspitzen heraus, sodass das Schloss nahezu mit den Felsen verschmolz. Jakobus lief bei diesem Anblick ein Schauer über den Rücken.


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