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Aus dem Buch: Hrsg. Detlef Klewer - Horror Cocktail
 
Anja Bahle
Der Phlegmatoid

Es war eine dieser stockdunkeln Nächte, in der man kaum die eigene Hand vor Augen erkennen konnte. Der Mond, der einer magersüchtigen Sichel glich, hatte sich hinter eine dicke Wolkenschicht verzogen. Im nahen Wald rief ein Käuzchen, in den Zweigen knackte und raschelte es bedrohlich. Wahrscheinlich nur ein paar Mäuse oder ein Igel, die in der Deckung der Nacht versuchten, Beute zu machen. Seine Hand hätte Olli dafür allerdings nicht ins Feuer gelegt.
Skeptisch lauschte er der unheimlichen Melodie der Finsternis, als er aus seinem maroden Bungalow trat, der einsam und verlassen an einem See lag. Gut, der Bungalow war eher eine Gerätehütte, notdürftig zum Wohnen umgerüstet, und der See mehr ein Tümpel, mit morastigem Ufer und einer mickrigen Seerose, die trotzig an ihrer Existenz festhielt.
Bei den Weibern machte "Bungalow am See" aber mächtig was her, deshalb verwendete Olli gerne diese Umschreibung. Stiegen sie erst einmal aus seinem klapprigen Golf und entlarvten seine Schwindelei, erübrigten sich ihre Meckereien sowieso: Wie sollten sie dieser Einöde schon entfliehen? Eine Bushaltestelle mit stündlicher Anbindung befand sich jedenfalls nicht vor der Haustür. Nach anfänglichem Nörgeln ergaben sie sich meist ihrem Schicksal und ließen sich auf seinem schmalen, klammen Bett vögeln. Manche räumte ihm am nächsten Tag sogar die Bude auf. Aber momentan konnte sich Olli nicht an seinen Frauengeschichten erfreuen. Ihn plagte zurzeit ein ganz anderes Problem.
Aus seinem Keller kamen Geräusche, die einem nicht nur in dieser lackschwarzen Nacht eine bleibende Gänsehaut auf die Haut tackerten. Ein dumpfes, röchelndes Gurgeln drang aus der Tiefe, in unregelmäßigen Abständen durchbrochen von einem infernalischen Schrei, der selbst einem gestandenen Mann das Mark in den Knochen hätte gefrieren lassen. Schlotternd näherte sich Olli der Kellertreppe.
Er war kein gestandener Mann.
Eher das Gegenteil.
Die dicke Hornbrille besaß denselben Farbton wie sein bereits dünner werdendes, senfgelbes Haar. Zu seiner schüchternen Art gesellte sich ein modisches Unvermögen, das jedem Stilberater die Tränen in die Augen treiben würde.
Angesichts seines Aussehens machte das aber auch nicht mehr viel aus, manchmal fand er sogar, seine Outfits verliehen ihm etwas Verwegenes. Ähnlich einer Narbe oder eines Holzbeins.
Im Moment fühlte er sich allerdings kein bisschen verwegen. Seine schmalen Schultern beugten sich unter der Last der schweren Tasche, die er Richtung Keller schleppte. Langsam, beinahe in Zeitlupe, setzte er einen Fuß vor den anderen, gelähmt nicht nur von dem Gewicht auf seinen Schultern, sondern auch von der Angst vor dem Wesen, das ihn im Keller erwarten würde.
Die moosbewachsene, glitschige Außentreppe, die zu dem kleinen Kellerraum führte, lud schon bei Tag zu einer Schlitterpartie ein. Nur allzu leicht konnte man ausrutschen und in die Tiefe segeln. Nachts allerdings prangte auf den zum Teil morschen und brüchigen Holzstufen in blinkenden Großbuchstaben das Wort LEBENSGEFAHR.
"Ich werde mir mein verdammtes Genick brechen", fluchte Olli und schlich weiter, begleitet vom Röcheln und Gurgeln des Biests.
Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte er den staubigen Vorraum des Kellers. Dort angekommen, wuchtete er die voll beladene Tasche auf den Boden und begann, sie auszupacken. Olli förderte ein Silbertablett, einen gut sechs Kilo schweren Laib Appenzeller, drei fette weiße Ratten und fünf Mangos in das trübe Licht einer flackernden Glühbirne, die nackt an einer altersschwachen Fassung baumelte. Er drapierte die Speisen auf dem Silbertablett und atmete tief durch.
Panik stieg in ihm auf. Das Röcheln und Gurgeln aus dem Raum nebenan legte sich wie eine Schlinge um seinen Hals, die sich immer enger zog. Obwohl es kalt war, brach ihm der Schweiß aus und sein Körper begann vor Aufregung zu zittern. Aber es half alles nichts.
Der Phlegmatoid musste gefüttert werden, sonst würde das Monster komplett außer Kontrolle geraten und ihn bei lebendigem Leib auffressen. Olli atmete tief durch und öffnete dann die Tür.
Der bestialische Gestank, der ihm entgegenschlug, ließ ihn fast ohnmächtig werden. Aus dem Röcheln und Gurgeln wurde sofort ein schauriges Gebrüll, das direkt aus der Hölle zu kommen schien. In das akustische Inferno mischte sich das schleimige Schmatzen der Bewegungen des hyperaktiven Viehs, die den Höllenschleim, der es wie ein Schutzschild umgab, durch das komplette Zimmer schleuderten. Angewidert wischte sich Olli eine Portion der glitschigen Masse von der Wange. Nur mühsam konnte er unterdrücken, auf den Boden zu kotzen.
Der Käfig stand in der hintersten Ecke des Kellerraums. Durch das irre Gebaren des Phlegmatoiden schwankte er heftig hin- und her. Die feuerroten Augen der Kreatur tanzten dabei wie gefährliche Irrlichter durch das dämmrige Licht.
"Bitte halte, bitte halte, lieber Gott, mach, dass er hält", betete Olli stumm, während er sich dem Käfig näherte. Bis vor kurzem gehörte er nicht zu den gläubigen Menschen. Aber bis vor kurzem befand sich auch noch kein Phlegmatoid in seinem Besitz.

Es war ein Abend, wie jeder andere Abend auch. Olli saß in seiner Stammkneipe und spielte Karten. Er stand ziemlich in den Miesen, weil seine Pechsträhne bereits verflixte drei Monate anhielt. Nach erneutem Ausspielen eines grottenschlechten Blattes, erreichte er schließlich diese verdammte Zahl. 10.000. In Worten "Zehntausend". Verfluchte Scheiße, jedes kleine Kind wusste, dass bei 10.000 Euro der Spaß aufhörte. Sie würden nun nicht mehr zusehen, wie er munter weiter verlor. Sie würden sich ihre Kohle zurückholen. Und Holtenkamps Männer rühmten sich dafür, nicht zimperlich zu sein. Verfluchte Scheiße noch mal! Olli schüttete verzweifelt sein Bier hinunter.
"Hey Olli, nächste Runde, biste dabei?" Der dürre Torsten mit den Segelohren und den blutunterlaufenen Augen sah ihn herausfordernd an.
"Nein, spielt kurz ohne mich weiter, ich glaube, ich muss an die frische Luft. Und ein neues Bier brauch? ich auch." Um sich keine Schwäche anmerken zu lassen, rülpste Olli laut und schrie beim Hinausgehen "noch eins" Richtung Tresen, wobei er mit dem Finger erst auf die Bierflasche und dann auf seinen Platz deutete.
Olli trat aus dem Lokal. Die kalte Nachtluft empfing ihn mit eisiger Umarmung. 10.000 Euro! Alter Schwede, wie konnte das passieren? Und was sollte er jetzt tun? Abhauen? Fehlanzeige! Dafür mangelte es an Geld. Außerdem würden ihn Holtkamps Leute finden, hundertpro. Mit Schaudern erinnerte er sich an Poker-Toni, den sie aus irgendeiner Schleuse der Donau angelten. Ihm fehlten Zunge, zwei Finger und der linke große Zeh. Olli zweifelte daran, dass Fische oder andere hungrige Tiere die Übeltäter waren, wie die Medien berichteten. Warum hätten die nur zwei Finger und einen Zeh fressen sollen?
Toni schuldete ihnen 25.000, hieß es.
"Fuck, fuck, fuck! Diesmal sieht es echt übel für dich aus", versicherte sich Olli selbst und starrte resigniert in den Sternenhimmel.
"Lust auf ein Spielchen? ", fragte plötzlich eine sanfte Stimme hinter ihm.
"Shit, sie sind schon hier, wie konnte das so schnell gehen? ", dachte Olli in Panik. Er wagte es nicht, sich umzudrehen.
"Ähm, eher nicht", murmelte er vorsichtig. Zur Salzsäule erstarrt wartete er auf den Knüppel, der auf seinen Kopf sausen oder die Hand, die seine Kehle zudrücken würde.
"Sicher? Ein Spiel kann Ihr ganzes Leben ändern. Ihr Einsatz ist gering, Sie können nur gewinnen." Die sanfte Stimme hatte nun einen schmeichelnden Ton angenommen.
Langsam drehte sich Olli um. Er blickte in die seltsam stechenden Augen eines komplett in schwarz gekleideten Mannes, dessen Haut weiß wie eine frisch gekalkte Wand leuchtete.
Der Fremde streckte ihm die Hand entgegen. "Natas Lefuet, sehr erfreut."
Die Hand fühlte sich komisch an. Es schien Olli, als greife er hindurch. Trotzdem ging eine eisige Kälte von ihr aus, die seinen Körper erschaudern ließ.
"Verdammt unheimlich, der Kerl", dachte Olli, "aber was soll ich tun? Mit den verfluchten Spielschulden sind meine Tage gezählt, ich muss mein Glück wenigstens versuchen." Fragend sah er den Fremden an. Der redete munter weiter, als könnte er Gedanken lesen.
"Ah, ich sehe, Sie sind bereit für unser kleines Spiel. Das freut mich. Lassen Sie mich kurz die Regeln erklären", säuselte die Stimme vertrauensvoll.
Olli nickte langsam. Obwohl er wusste, dass ihm keine andere Möglichkeit blieb, fühlte er sich so schlecht wie nie zuvor. Mit diesem Typen stimmte etwas ganz und gar nicht. Lefuet, Lefuet ... - irgendwoher kam ihm der Name bekannt vor, aber es wollte ihm nicht einfallen, woher.
"Also, wie gesagt, Sie können nur als Sieger aus der Sache hervorgehen." Der Mann grinste diabolisch. "Wenn Sie das Spiel gewinnen, sind Sie Ihre Spielschulden los. Wenn ich mich nicht irre, handelt es sich um 10.000 Euro, nicht wahr?" Sein Lächeln wirkte noch eine Spur teuflischer.
"Woher in Gottes Namen wissen Sie ..." Olli konnte den Satz nicht beenden, mit einer herrischen Geste gebot ihm der Fremde Einhalt. Beim Wort "Gott" zuckte er sichtlich zusammen, fing sich jedoch sofort wieder.
"Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf, ich weiß es einfach. Aber zurück zu den Regeln, wie gesagt, Sie können nur gewinnen", schmeichelte er. "Denn selbst, wenn Sie verlieren, sind Sie all Ihre Spielschulden los." Lefuets Augen funkelten begeistert, so als hätte er Olli gerade die Vorzüge des neuesten All-Flat-Handytarifs zum Mega-Sparpreis erklärt.
"Ähm, und wo ist der Haken an der ganzen Geschichte?", erkundigte sich Olli ein bisschen begriffsstutzig.
"Haken, Haken! Es gibt keinen Haken, ich sagte doch, Sie können nur gewinnen! Gut, wenn Sie das Spiel verlieren, hätte ich eine kleine - nun, nennen wir es Betreuungsaufgabe - für Sie. Keine große Sache. Wissen Sie, ich bin nicht mehr der Jüngste und ich habe da ein - ähm, etwas pflegebedürftiges Haustier - das ich gerne in gute Hände abgeben würde." Der Mann schaute ihm ruhig und selbstsicher in die Augen.
"Aha", sagte Olli, "kann ich das Tier mal kurz sehen? Also nur so, zur Sicherheit? Nicht, dass Sie mir da einen tollwütigen Waschbären oder Ihre Schwiegermutter unterjubeln wollen." Olli kicherte dümmlich.
Lefuet sog zischend die Luft zwischen die Zähne. "Also mein Angebot gilt nicht ewig. Entscheiden Sie sich."
Olli dachte an die 10.000 Euro und die fehlende Zunge von Poker-Toni. Außerdem wünschte er sich bereits lange einen Hund - und um was sollte es sich sonst schon handeln? Gut, eine Katze wäre auch o.k.
"Deal, ich bin dabei", schlug er in die Wette ein und sah Lefuet dabei zu, wie er behände die Karten mischte.


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