Claudia Piotrowski – Orakel TV

Angela-Maria blickt in die Kamera und blendet ihr schönstes Bildschirmlächeln ein.

„Hallo liebe Zuschauer und ein herzliches Willkommen bei Orakel TV! Mein Name ist Angela-Maria, ich bin heute ihr Engelchannelmedium und ich stehe ihnen wieder eine volle Stunde für all ihre Fragen zur Verfügung. Einige von Ihnen vor dem Bildschirm werden mich aus vergangenen Sendungen bereits kennen. Dann wissen sie auch, dass sie mir ohne Scheu von ihren dringendsten Problemen berichten können. Aber bitte halten sie sich kurz, und erzählen sie mir keine Romane, denn es möchten auch noch andere Menschen Antworten von ihren Engeln erhalten. Schließlich sind sie mit ihrem Anliegen nicht alleine auf dieser schönen Welt!“

Angela-Maria wirft ihre blonde Lockenpracht über die Schultern, faltet bedächtig ihre manikürten Hände und lächelt in die Kamera.

„So, die Telefonleitungen sind geöffnet, wählen sie sich jetzt ein. Wenn sie nicht gleich zu mir ins Studio durchkommen, geben sie bitte nicht auf! Versuchen sie es einfach so lange weiter, bis sie meine Stimme am anderen Ende der Leitung hören. Jeder Anruf kostet sie lediglich einen Euro und meine Beratung ist für Erstanrufer selbstverständlich gebührenreduziert.“

Die Moderatorin lächelt bittersüß in die Kamera.

„Rrrrring …!“

„Oh … mein erster Anrufer! Guten Tag, hier ist die Angela-Maria. Mit wem spreche ich?“

Man hört lautes Rauschen in der Leitung. Angela-Maria lächelt routiniert.

„Hallohoo lieber Ratsuchender! Sie sind zu mir durchgestellt worden. Nur Mut, nennen sie mir ihren Namen!“

Die Engelexpertin zwinkert ihrem unsichtbaren Telefonpartner durch die Kamera aufmunternd zu.

„Ähem…“ Eine tiefe, männliche Stimme räuspert sich. „Hier ist der Michael.“

„Grüß dich Michael. Wie oft hast du dich eingewählt?“

„Ich glaube“, Michael zählt in Gedanken noch einmal nach, „so ungefähr dreißig Mal.“

„Was?“ Angela-Maria klingt völlig euphorisch. „Sensationell! Ganz toll gemacht, Michael! Tja, liebe Zuschauer, soooo schnell kann das gehen.“ Sie zeigt auf die eingeblendete Telefonnummer und drückt ihrem Publikum gestenreich beide Daumen. „Aber was kann ich denn für dich tun, Michael? Was möchtest du von deinen Engeln wissen?“

Kurze Pause. Dann: „Ich habe so Probleme in meinem Job. Ich hasse meine Arbeit und ich …“

Angela-Maria lässt ihren Anrufer nicht zu Ende sprechen und unterbricht ihn barsch: „Michael mein Lieber, so geht das nicht! Hass ist eine ganz üble Emotion. So ein Gefühl darfst du gar nicht an dich heranlassen. Wenn deine Gedanken derart düster sind, ist es ja gar kein Wunder, dass du Schwierigkeiten in deinem Beruf hast. Gibt es denn auch Auseinandersetzungen mit deiner Leitungsebene?“

„Mit was …?“

„Mit deinem Chef!“ Angela-Maria rollt mit den Augen.

„Ach so … Ja! Total! Immer muss ich alles machen, was er sagt. Es ist, es ist …“, Michael ringt nach Worten, „es ist, als hätte ich gar keinen freien Willen. Mmmh … genau. Als wäre ich ein Roboter, der die ganze Drecksarbeit machen muss.“

„Na, na, na, Michael! Schon wieder so harte Worte. Du hast eine ganz falsche Einstellung zu deinem Beruf. Schau mal, die Engel zum Beispiel haben doch auch keinen freien Willen. Im Grunde sind es genau so arme Seelen wie du. Die müssen alles machen, was die Menschen von ihnen erflehen. Aber sag mal, Michael. In welchem Bereich arbeitest du denn?“

Das blondgelockte Engelchannelmedium lehnt sich etwas vor, so als würde sie ihrem Ratsuchenden durch den Bildschirm vertrauensvoll näher kommen wollen.

„Security …!“, klingt die Antwort leise durch das Rauschen.

„Oh Michael“, antwortet Angela-Maria scheinbar betrübt, „das tut mir aber leid. Das ist ja ein ganz gefährlicher Beruf mit sehr schlechter Bezahlung und auch noch mit völlig unregelmäßigen Arbeitszeiten. Schichtdienst und so, richtig? Mensch, du musst dich in solchen Fällen immer nach unten orientieren. Du musst dir sagen, dass es noch Menschen gibt, die einen noch mieseren Job haben als du. Dixi Klo Reiniger zum Beispiel wäre so ein Beruf, der mir in diesem Zusammenhang ganz spontan in den Sinn kommt. Aber wollen wir nun mal versuchen, Kontakt zu deinem ganz persönlichen Engel herzustellen?“

„Was?“, kommt es aus der Leitung. „Ich habe einen Engel, der nur für mich persönlich zuständig ist?“

Michael klingt sehr erstaunt über diese Nachricht.

„Aber sicher doch …!“ Der Ausspruch von Angela-Maria klingt, als hätte sie im Geiste ‚du dumme Nuss’ hinzugefügt. „Ausschließlich und ganz exklusiv nur für dich!“ Die Engechannelmoderatorin lacht dabei aufgekratzt in die Kamera. Der aufmerksame Zuschauer kann förmlich ihre Gedanken lesen: ‚Wie kann jemand nur so dermaßen beschränkt sein?’ Sie denkt das natürlich nur still und heimlich, denn sagen tut sie etwas anderes: „Okay Michael! Jetzt müssen wir beide aber ganz schön still sein, denn ich werde gleich versuchen, deinen persönlichen Engel zu erreichen. Demonstrativ legt sie ihren Zeigefinger auf den Mund und macht „Schsch…“

Dann scheint sie so richtig in Fahrt zu kommen. Als Engelexpertin muss sie natürlich eine rosa Kerze anzünden. Rosa deshalb, weil dieser sanfte Farbton die Liebesschwingung im Studio erhöht. Hernach schließt sie die Augen und wartet.

Und wartet.

Geheimnisvoll grinst sie in sich hinein während sie scheinbar auf ein ganz bestimmtes Zeichen wartet. Vielleicht auf das Ticken der Uhr für die Telefongebühren, oder etwa tatsächlich doch auf den Kontakt mit dem Engel?

Plötzlich zuckt sie zusammen und ihre Augäpfel huschen unter den geschlossenen Lidern auffallend unruhig hin und her. Ihre Lippen bewegen sich, und ihr Kopf scheint den Gesten einer für ihren Klienten nicht wahrnehmbaren Kreatur zu folgen. Für die Zuschauer sieht es natürlich so aus, als führe sie ein stummes Gespräch mit einem unsichtbaren Wesen. Doch schlagartig erwacht Angela-Maria aus ihrer Trance. Mit hastigen Zügen trinkt sie aus dem für sie bereit gestellten Wasserglas. Sichtlich benommen blickt sie in die Kamera. „Sag mal, Michael, hörst du mir noch zu?“

Ein Knacken in der rauschenden Leitung. Dann: „Klar, ich bin noch am Apparat.“

Die Engelexpertin räuspert sich umständlich, doch dann schein sie wieder ganz bei sich und spricht mit klarer, energischer Stimme: „Michael, ich hatte Kontakt zu einem Engel namens Metatron.“

Ihr Klient wirkt sprachlos: „Mit Metatron? Echt?“

„Aber ja!“ Angela-Maria wirkt plötzlich überlegen. „Wenn ich es dir doch sage. Er sagte, er …“

„Metatron“, unterbricht Michael sie forsch, „ist doch der Seraph der ersten Sphäre. Ich meine, er ist der Fürst der Triade der oberen Engelchöre!“ Der Klient der Engelchannelexpertin scheint auf einmal ganz entzückt und klatscht sich scheinbar begeistert und ausgelassen auf die Oberschenkel.

„Ich glaub‘s ja nicht! Der Metatron …! Mann, der spricht doch sonst mit keinem aus der Triade der unteren Engelchöre! Der quatscht doch sonst nur mit dem Chef da oben; ist sich zu schade für das einfache Fußvolk, der feine Herr Metatron!“

Angela-Maria scheint sichtlich irritiert. „Ich bin erstaunt, wie gut du dich mit den Engelhierarchien auskennst. Sehr beeindruckend, Michael.“ Sie lächelt etwas verunsichert und gibt sich keineswegs mehr überlegen.

„Ach was“, meint Michael beschwichtigend, „ich bin bloß lange genug im Geschäft.“

„In der Security?“, fragt die Engelexpertin verwirrt.

„Jawohl!“, antwortet ihr Anrufer prompt. „Aber was hatte Metatron denn nun für eine Botschaft für mich?“

Angela-Maria gewinnt zusehends wieder Oberwasser. „Nun, wenn ich es richtig verstanden habe, dann sollst du dir nicht immer alles so zu Herzen nehmen. Weißt du, das ist ja immer so eine Interpretationssache mit den Engelantworten.“ Sie hüstelt verlegen.

„Und konkret?“, erkundig sich der Anrufer. „Was soll ich genau machen, um meine Situation zu verbessern?“ Man spürt, dass er sich vor Ungeduld kaum noch beherrschen kann. Aber man versteht ihn auch, denn die Lösung seines Problems liegt ja schließlich so nahe.

„Ach Michael“, seufzt Angela-Maria ergeben, „du solltest einfach kündigen. Entfalte dich stattdessen kreativ, mach mal Urlaub und lass die Seele baumeln. Es ist gar nicht so schlecht, wenn dein Arbeitgeber zu spüren bekommt, was er an dir hatte!“

„Wow!“, kommt es aus der rauschenden Leitung. „Das klingt ja echt cool. Metatron ist wirklich ein weiser Seraph, auch wenn er für die Menschen nicht sehr viel übrig hat. Er hat einfach zu wenig Zeit in deren Nähe verbracht. Hat stattdessen immer mit dem Boss ‘rumgehangen.“

Michael klingt erleichtert, das kann Angela-Maria deutlich heraus hören. „Ja, also …“, sagt sie, weiß aber dann offensichtlich nicht mehr weiter.

„Kündigen …“, sinniert Security-Michael laut, „… äh, da wäre ich nie im Leben selber ‘drauf gekommen.“ Er wirkt äußerst nachdenklich. Dann rafft er sich auf. „Ach, Angela-Maria“, erkundigt er sich neugierig, „wer wird denn dann meinen Job übernehmen?“

Die Engelchannelexpertin hat ihre Sprache wiedergefunden. „Michael“, drängt sie ein wenig ungeduldig, „du musst lernen loszulassen! Gib doch einfach mal irgendeinem deiner anderen Kollegen die Möglichkeit, sich von ganz unten bis zu deiner Position hoch zu arbeiten.“

„Ja, okay.“ Der Anrufer scheint nachzugeben. Dann rafft er sich doch noch mal erneut auf. „Aber hat Metatron denn nicht gesagt, wer als mein Nachfolger auserkoren sein wird? Ich meine, welchen meiner Kollegen soll sich denn in meinen Aufgabenbereich einarbeiten?“ Man spürt, dass Michael gebannt lauscht, während er die Engelexpertin über den Fernseher beobachtet.

„Michael“, antwortet diese beherrscht, „sei völlig unbesorgt. Ein Herr Luzifer wird künftig deinen Job übernehmen!“

Erst Schweigen! Dann: „Au Backe …!“

Die gespannten Zuschauer können mitverfolgen, wie er überhastet die Verbindung kappt. Und endlich … endlich hört auch der Gebührenzähler auf, zu ticken.

Claudia Piotrowski ist Stammautorin bei Sarturia und Leiterin der Abteilung für Öffentlichkeitsarbit. Neben ihren regulären Aufgaben greift sie neu hinzugekommenen Autoren hilfreich unter die Arme und sorgt dafür, dass sie ihre Ziele verwirklichen können.

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