Dieter König — Neo Tauridae

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Wer eine typ­is­che Geschichte sucht, die mich per­sön­lich charak­ter­isieren kön­nte, der ist vielle­icht mit dieser Sto­ry hier gut bedi­ent. Sie erschien im Sam­mel­band der gle­ich­nami­gen Sci­ence-Fic­tion Antholo­gie “Neo Tau­ri­dae” unter meinem Namen.

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Neo Tau­ri­dae

Dieter König

Die Ver­hand­lun­gen waren vorüber und es stand uns frei zu gehen wohin wir woll­ten. Ich stand mit Mireille auf einem der tausend Balkone des zen­tralen Wohn­hügels der Tau­ri­den, und wir schaut­en durch die mächtige Glaskup­pel hin­aus auf die zerk­lüfteten Klip­pen des Mon­des Aimarai Taiam Daualin. Vor uns ent­fal­tete sich eine Land­schaft, die in ihrer frem­dar­ti­gen Schön­heit alle Holo­gramm­filme, die ich kan­nte, weit in den Schat­ten stellte. Hoch am Him­mel thronte die Anker­welt Ris­tikat­ulin. Der Plan­et füllte fast ein Vier­tel des Him­mels. Mit seinen sieben Ringkränzen erin­nerte mich das himm­lis­che Kunst­werk an den Sat­urn, dem sech­sten Plan­eten im heimatlichen Solar Sys­tem. Sog­ar der dun­kler erscheinende Ring der Cassi­ni Tren­nung schien die gle­iche Ent­fer­nung zum Plan­eten aufzuweisen wie das Vor­bild im heimis­chen Raumsektor.
Die frap­pierende Ähn­lichkeit ließ mich immer wieder zurück­denken an die Wochen vor dem Start der USS Foma­l­haut auf dem Sat­urn­mond Titan. Der einzige, offen­sichtliche Unter­schied, ver­glichen mit dem Raumhafen auf Titan, waren die mächti­gen Wohn­hügel der Tau­ri­den, und die frag­il wirk­ende Kon­struk­tion der Schutzkup­pel. Das in allen Regen­bo­gen­far­ben schim­mernde Kunst­werk sollte sowohl unsere Gast­ge­ber als auch uns vor der Methanat­mo­sphäre des Mon­des und der immensen Radios­trahlung des beringten Gas­gi­gan­ten am Him­mel schützen.
Mireille Rebérac, Botschaf­terin von Ter­ra und Assis­tentin mein­er Wenigkeit, sog hör­bar den Atem ein.
„Man sollte meinen“, äußerte sie leise, „dass man all die Annehm­lichkeit­en, dass man die Fre­unde und die Bekan­nten ver­mis­sen würde, die so weit hin­ter dem Glitzer­vorhang der Sterne auf unsere Rück­kehr warten.“
Ich hat­te das Gefühl, sie wäre noch nicht zu Ende mit ihrer Rede, und so schwieg ich. Sie hob die Schultern.
„Dem ist nicht so“, fügte sie hinzu, und ich reg­istri­erte ein nahezu unmerk­lich­es Staunen in ihrer Stimme. „Ich glaube, ich wäre imstande und ließe mich hier nieder, wenn ich mich mein­er Ver­ant­wor­tung entledi­gen könnte.“
Ich nick­te leise.
„Ja“, gab ich zurück. „Ja, ich kann Sie vol­lkom­men ver­ste­hen. Ich wün­schte mir, wir kön­nten die Leben­sart der Tau­ri­den, ihre Ein­stel­lung zum Uni­ver­sum, ihre Ein­stel­lung anderen Rassen gegenüber mit nach Hause nehmen. Aber das scheint wohl nicht gut möglich.“
„Wir kön­nten es“, erin­nerte sie mich. „Die tech­nis­chen Möglichkeit­en sind vorhan­den und das Risiko kalkulier­bar. Stellen Sie sich nur vor, Joshua, keine Kriege, keine Hunger­snöte, kein Hass und keine Zeitver­schwen­dung mehr.“
Ich schnitt eine Grimasse.
„Sie wis­sen es so gut wie ich: Die Men­schheit, mit ihren jet­zi­gen, gesellschaftlichen Struk­turen, ist keineswegs reif für einen solchen Schritt.“
„Und wann wird sie es sein?“
Ich hob die Schul­tern, wandte mich ihr zu.
„Nehmen wir ein­fach mal an“, sin­nierte ich laut, „wir kom­men mit unseren neuen Ansicht­en zurück und ver­suchen all die guten Ideen zu propagieren. Kön­nen Sie sich den Auf­schrei vorstellen, der durch die ver­schiede­nen Gesellschaftss­chicht­en gehen würde, bis hin­auf zu den Mächti­gen, die noch vor dem Früh­stück über das Wohl und Wehe gesamter Völk­er entscheiden?“
„Aber der Lohn“, drängte sie. „Bin­nen weniger Jahrhun­derte, oder sagen wir Jahrtausende kön­nte die Men­schheit in die Riege der Herrsch­er unser­er Galax­is aufgestiegen sein.“
„Kön­nte …!“ es klang ein wenig sarkastisch. „Verzei­hen Sie Mireille, ich würde mir nichts sehn­lich­er wün­schen, als dass wir mit unseren Vorschlä­gen Gehör find­en. Aber sobald wir ver­lan­gen, dass irgen­dein Men­sch seine liebge­won­nen Eigen­heit­en zugun­sten ein­er größeren Idee opfern möge, erschaf­fen wir den ersten Vorkämpfer ein­er mas­siv­en Widerstandsbewegung.“
„Es muss doch eine Chance für Verbesserungswillige geben, oder zumin­d­est jeman­den, der bere­it ist zuzuhören …!“
„Glauben Sie?“ Meine Worte klan­gen reich­lich zynisch. „Die men­schliche Natur ste­ht dem geistigem Fortschritt im Wege. Der let­zte Verbesserungswillige wurde vor ein paar Jahrtausenden ans Kreuz genagelt. Men­schen ler­nen erfahrungs­gemäß nur dann, wenn sie selb­st die Idee haben, dass es ihnen einen Vorteil bringt. Wenn wir einem Alko­ho­lik­er erk­lären, dass es bess­er für ihn ist, dem Alko­hol abzusagen, lacht er uns aus und erk­lärt uns, dass es ihm dur­chaus nicht bess­er gehen kön­nte. Nehmen wir einen Man­ag­er aus der Finanzwelt. Er wird sich niemals erk­lären lassen, dass es bess­er für ihn und seine Klien­ten wäre, wenn er die Geldgeschäfte nieder­legen und stattdessen ein Gemein­schaft­spro­jekt zur Förderung der Über­leben­schan­cen aller Humanoiden unter­stützen würde. Obwohl es genau das ist, was uns einem recht­mäßi­gen Platz in der galak­tis­chen Führungsriege näher brin­gen würde.“
Die zart­gliedrige Lady an mein­er Seite, mit dem schim­mern­den Diplo­maten­stern am Revers, schwieg. Sie ver­fol­gte das erre­gende Schaus­piel eines mächti­gen Gasaus­bruchs, weit draußen in der Ebene hin­ter den schar­fkanti­gen Klip­pen. Die Fontä­nen stäubten glitzernde Eiskristalle ins schwache Licht der bei­den weit ent­fer­n­ten Son­nen, welche sich zu bewegten Bild­mustern verwoben.
Mireille atmete nicht mehr so leicht wie noch kurz zuvor. Ihre dunkel­braunen Augen schim­merten feucht.
„Ach, Joshua“, kam es seufzend von ihr, „ich wün­schte, es gäbe ein paar Lebe­we­sen auf unserem Heimat­plan­eten, denen wir die Wichtigkeit ein­er, sagen wir mal ‚Galak­tis­chen Ver­nun­ft’ nahe­brin­gen könnten.“
Ich suchte nach Worten, während ich meinen Blick hinüber zum Raumhafen schweifen ließ, auf dem die Fähre gewartet wurde, die uns zurück in die zehn­tausend Meilen hohe Umlauf­bahn zur USS Foma­l­haut brin­gen sollte.
„Men­schen mit Ver­trauen in die Zukun­ft sind sel­ten gewor­den“, ließ ich dann ver­laut­en. „Wir hät­ten wenig­stens Tausend Jahre früher zurück­kehren sollen. Damals gab es noch Tropen­wälder am Ama­zonas und den let­zten ger­ade neu ent­deck­ten Stamm frei leben­der Indi­an­er. Sie glaubten noch, dass sie sich als Wesen weit­er­en­twick­eln und eine höhere Ebene erre­ichen kön­nten. Inzwis­chen sind allzu viele Jahre ver­gan­gen, die Enkel dieses ehe­mals freien Einge­bore­nen­stammes liegen heute in biol­o­gis­chen Zwei­thau­tanzü­gen unter blitzen­den Mentalkom­mu­nika­toren und steuern den Geld­fluss ihrer im indus­triellen Net­zw­erk navigieren­den Auf­trags­fir­men, und der einzige Auf­stieg, den sie sich vorstellen kön­nen, ist der, zu einem clev­eren Kopfgeld­jäger, der sie meist­bi­etend an suchende Fir­men verleiht.“
Mireille Rebérac seufzte hörbar.
„Wir haben an eine große Chance geglaubt, als sie uns in die Umlauf­bahn von Titan schossen. Wir waren der fes­ten Überzeu­gung, dass wir Tech­nol­o­gis­ches Wis­sen zurück zur Erde brin­gen wür­den. Tech­nol­o­gis­ches Wis­sen, welch­es uns allen das Leben leichter machen würde. Wir haben tat­säch­lich Tech­nol­o­gis­ches Wis­sen gefun­den, allerd­ings in ein­er Qual­ität, die sich kein Men­sch hätte erträu­men lassen. Nun sollen wir trotz­dem mit leeren Hän­den zurück­kom­men und den Leuten zu Hause erk­lären, dass sie nicht reif für dieses Geschenk sind?“
„Und was wäre Ihrer Mei­n­ung nach die Alternative?“
Mireille Rebérac nick­te. „Das ist die Frage“, äußerte sie leise. „Genau das ist die Frage …!“

Abschied vom Mond Aimarai Taiam Daualin. Abschied von unseren neu gewonnenen Fre­un­den! Wir drück­ten den Tau­ri­den die Hände, oder das, was man bei ihren insek­tengliedri­gen Extrem­itäten Hände nen­nen kon­nte. Ein Händ­e­druck war nicht ihre Art, sich zu ver­ab­schieden, es war die unsere. Aber diesen Wesen wohnte die Bere­itschaft inne, sich auf die Gewohn­heit­en ander­sar­tiger Rassen einzu­lassen, ohne in irgendwelche Reak­tio­nen zu ver­fall­en, wie wir sie von der men­schlichen Spezies her kan­nten. Reak­tio­nen wie Frem­den­hass, Unter­legen­heits­ge­füh­le, Über­he­blichkeitswahn oder ähn­lich­es. Solch­es waren fremde Begriffe für sie. Diesen zer­brech­lich wirk­enden Lebe­we­sen fehlten all jene Attribute, die es uns Men­schen auf der Erde unmöglich macht­en, wirk­liche Kom­mu­nika­tion miteinan­der zu führen.

Unser Pro­tokoll geri­et durcheinan­der, als Mireille Rebérac fest­stellte, dass drei Besatzungsmit­glieder fehlten. Dies war ein unduld­bar­er Ver­stoß gegen das Regle­ment, denn jedes einzelne Mit­glied des Diplo­ma­tis­chen Corps war kor­rekt über den Abreiseter­min unter­richtet wor­den. Jed­er Einzelne hat­te den Emp­fang der Nachricht offiziell bestätigt.
Ger­ade war ich im Begriff einen Suchtrupp zusam­men­stellen zu lassen, da langte ein­er der Ältesten der Tau­ri­den bei unser­er Del­e­ga­tion an und wandte sich direkt an mich.
„Ihre Fre­unde haben sich“, erk­lang es aus meinem Trans­la­tor, „aus ein­er höheren Erken­nt­nis her­aus entsch­ieden, gegen Pflicht und Ord­nung zu ver­stoßen. Sie lassen Ihnen, als offiziellem Leit­er der Del­e­ga­tion, aus­richt­en, dass sie im Bogen der sin­gen­den Orchidee ein­er per­sön­lichen Aussprache entgegensehen.“
Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Ein solch­es Ver­hal­ten war unduld­bar. Es kön­nte ern­ste Diplo­ma­tis­che Ver­wick­lun­gen nach sich ziehen.
Aber plöt­zlich liefen meine Gedanken nicht mehr im Kreis. Sie bün­del­ten sich, strebten einem gemein­samen Höhep­unkt zu und gipfel­ten dort in ein­er einzi­gen Erken­nt­nis: Unter den gegebe­nen Umstän­den hat­te ich nicht die Macht diese drei Abtrün­ni­gen zu ein­er Rück­kehr zu bewe­gen, selb­st dann nicht wenn ich ver­suchte, sie mit Waf­fenge­walt zu zwin­gen. Sie hat­ten in den Tau­ri­den die ide­ale Schutztruppe gefun­den. Eine Schutztruppe, die zwar jegliche Gewal­tan­wen­dung ablehnte, die ihrer­seits jedoch bere­it war, unter Ein­satz ihres eige­nen Lebens, Gewalt von Ver­bün­de­ten abzuhalten.
Ich steck­te also tief in der Klemme; denn wenn es nicht die eigene, freie Entschei­dung der drei Corps-Mit­glieder war, ord­nungs­gemäß mit uns zurück­zukehren, dann würde ich es sein, der nach der Lan­dung auf Titan den Kopf für ihre Eigen­willigkeit hin­hal­ten musste.
Ich ließ mir ein weit­eres Mal alle uns zur Ver­fü­gung ste­hen­den Möglichkeit­en durch den Kopf gehen, rech­nete erneut die Chan­cen durch und bezog dabei sog­ar Inter­stel­lare Ver­wick­lun­gen und mil­itärische Auseinan­der­set­zun­gen in die Rech­nung mit ein.
Keine Chance. Selb­st dann nicht. Gewal­tan­wen­dung war hier weniger denn je eine Lösung.
Mireille Rebérac wandte sich mir zu.
„Ich würde gerne mit den Herrschaften reden“, schlug sie vor. „Ich bin, wie es scheint, die einzige Per­son, die ein engeres Ver­hält­nis zu ihnen hat; wir waren einst zusam­men auf der Diplo­maten­schule. Wenn ich es nicht schaffe, sie zu überzeu­gen, dann fürchte ich, müssen wir uns tat­säch­lich auf dem Heimweg eine Erk­lärung zusammenbasteln.“
Ich schaute sie lange an. Sie war schön und tüchtig, aber auch verletzlich.
„Sie wis­sen was auf dem Spiel ste­ht?“, erkundigte ich mich bei ihr. „Es geht nicht allein um den kühlen Kopf unseres Präsi­den­ten. Es geht vor allem um die Hitzköpfe der Allianz, deren wichtig­stes Argu­ment sich bis­lang im Ern­st­fall stets auf den Wert ein­er adäquat­en Mil­itärische Abschreck­ung bezo­gen hat.“
Sie schenk­te mir den Anflug eines Lächelns.
„Ich danke Ihnen, Joshua. Auch – und vor allem – dass Sie sich Sor­gen um mein Woh­lerge­hen machen. Das ist gut gemeint. Aber noch habe ich nicht mit unseren drei Herrschaften gesprochen. Und selb­st im Ern­st­fall … ich werde zu argu­men­tieren wissen.“
Es dauerte länger als eine Stunde. Aber als Mireille Rebérac zurück­kam, trug sie den Kopf auf­fal­l­end hoch. Ich ent­nahm zum einen ihrer Kör­per­hal­tung, dass sie ihre Fre­unde wohl nicht hat­te überzeu­gen kön­nen, und zum anderen beschlich mich das untrügliche Gefühl, dass dieser Zwis­chen­fall noch lange nicht zu Ende war, ja dass die Weigerung der drei Diplo­mat­en gar der Auf­takt zu einem wirk­lich drama­tis­chen Zwis­chen­fall sein könnte.
Und ich hat­te Recht.
Kurz nach dem voll­ständi­gen Bericht von Mireille Rebérac trat­en aus der Pha­lanx reise­bere­it­er Diplo­mat­en nacheinan­der drei Frauen und fünf Män­ner her­aus, nick­ten mir zu und stell­ten sich hin­ter die Tau­ri­den. Ich brauchte sie gar nicht erst zu fra­gen, was diese stumme Geste zu bedeuten hat­te. Ihre Blicke begeg­neten dem meinen ohne Scheu und ohne jegliche Zurück­hal­tung. Ein­er von ihnen hob wenig­stens halb­wegs die Schul­tern, blieb aber trotz­dem hin­ter den Tau­ri­den stehen.
Mireille Rebérac wandte sich mir unver­mit­telt zu und schaute mich direkt an. Ihr Kopf war immer noch hoch erhoben. Ihre wun­der­schö­nen, dunkel­braunen Augen aber waren so klar wie nie zuvor. Ich wusste schon Augen­blicke bevor sie den Mund öffnete, was sie nun zu mir sagen würde. Ich wusste es, noch ehe sie es artikuliert hat­te. Aber ich kon­nte mich gegen das Kom­mende ein­fach nicht zur Wehr set­zen, weil ein großer Teil in mir mit ihren Gedankengän­gen übereinstimmte.
Endlich schöpfte sie Atem.
„Tut mir leid, Joshua“, äußerte sie, und irgen­det­was, das sich in ihrem Hals fest­ge­set­zt hat­te, ließ ihre Stimme befremdlich klin­gen. „Es ist nur bed­ingt eine per­sön­liche Entschei­dung. Wir wis­sen bei­de, dass die Men­schheit – so wie wir sie ken­nen – keine Chance auf Akzep­tanz in der Inter­galak­tis­chen Gemein­schaft hat, und die anderen Diplo­mat­en wis­sen es auch. Es sei denn, jemand, der fähig genug ist, set­zt sich für die men­schliche Rasse ein. Eine Gruppe, die bedin­gungs­los bere­it ist, zu ler­nen. Eine Gruppe, die sich ihrem anges­tammten Ein­fluss entzieht, die aber groß genug wäre, um selb­st zu überleben.“
Sie schaute sich um und schien die Abtrün­ni­gen zu zählen, ehe sie sich zurück an mich wandte.
„Wir sind im Augen­blick nur zwölf Per­so­n­en, die bere­it sind, sich selb­st für den leisen Schim­mer ein­er Hoff­nung zu opfern. Sicher­lich zu wenige, um eine eigene Kul­tur zu erschaf­fen. Aber wenn wir es nicht wenig­stens ver­suchen, lassen wir es zu, dass wir den Anschluss an die über­lebens­fähi­gen Völk­er der Galax­is ver­lieren und – vielle­icht für immer – in Quar­an­täne bleiben.“
Sie deutete hin­ter sich, wo die fünf Frauen und Män­ner aufrecht hin­ter den Tau­ri­den standen. „Ich habe mich entschlossen“, fuhr die Ex-Diplo­matin fort, „meine Dien­ste den ersten elf Neo Tau­ri­dae anzu­bi­eten. Eine einzige Per­son mehr oder weniger, kön­nte mein­er Mei­n­ung nach über das Wohl und Wehe der neuen Rasse entscheiden.“
Was sie sagte, ver­set­zte mir einen Stich. Ich hätte etwas ent­geg­nen müssen. Sicher­lich gab es dur­chaus Argu­mente. Aber während ich über­legte, trat­en mehr und mehr Leute aus den Rei­hen unser­er Diplo­mat­en her­aus, ver­ließen die Pha­lanx und stell­ten sich, ein­er nach dem anderen, hin­ter die Tau­ri­den. Ich schüt­telte benom­men den Kopf und ver­suchte aber­mals Argu­mente gegen diesen Wahnsinn zu äußern, aber Mireille kam mir zuvor.
„Ich weiß“, sagte sie, „dass wir alle unsere men­schlichen Werte aufgeben müssen. Aber Werte wie die Unan­tast­barkeit ein­er ehe­lichen Beziehung oder die Vorstel­lung von per­sön­lichem Besitz sind für den Kampf des Über­lebens als neue Rasse nicht länger von Bedeu­tung. Vor allem wer­den wir ler­nen müssen, einan­der rück­halt­los zu ver­trauen, und das ist eine neue Fähigkeit, die wir erst noch erler­nen müssen. Nun, ich bin bere­it, all diese Opfer zu brin­gen, wenn wir dafür die Chance errin­gen, als Wesen von höher­er Ver­nun­ft in die Gemein­schaft der Galak­tis­chen Völk­er aufgenom­men zu werden.“
Sie schwieg, begeg­nete aber meinem Blick mit unge­wohn­ter Festigkeit.
Es blieb still. Nur die Schritte weit­er­er Abtrün­niger waren zu hören, die ein­er nach dem anderen ihren Platz ver­ließen und sich hin­ter die Tau­ri­den stellten.
Ich schüt­telte aber­mals den Kopf.
„Ver­ste­ht ihr denn nicht“, sagte ich laut in den Raum hinein, so dass es alle hören kon­nten. „Das bedeutet den Abbruch der Diplo­ma­tis­chen Beziehun­gen! Die Ver­ant­wortlichen der heimis­chen Allianzen wer­den sich das nicht gefall­en lassen. Sie wer­den die Tau­ri­den für unseren Treue­bruch ver­ant­wortlich machen, und eine Kon­fronta­tion in dieser Größenord­nung ist genau das, was wir als Diplo­ma­tis­che Abge­sandte unter keinen Umstän­den her­auf­beschwören dürfen.“
Eine Hand legte sich von hin­ten auf meine Schul­ter. Ich wandte mich um und blick­te in das Gesicht eines grauhaari­gen Mannes. Auch er sah mich fest an.
„Es wird keine Kon­fronta­tion geben“, behauptete er knapp. „Auf den Servern der USS Foma­l­haut sind die Berichte unser­er Tre­f­fen abge­spe­ichert. Sie sig­nal­isieren die grund­sät­zliche Bere­itschaft der Tau­ri­den, die Men­schliche Rasse in die Galak­tis­che Gemein­schaft einzugliedern, und die Bedin­gun­gen sind bere­its formuliert.
Auch wenn diese Bedin­gun­gen unter den gegebe­nen Umstän­den nicht erfüll­bar sind, so ver­hin­dern sie jedoch mit Sicher­heit eine Schuldzuweisung, wenn wir uns geschickt ver­hal­ten. Geschickt eben, wie es eigentlich nur Diplo­mat­en gegeben ist.“
Ich ver­stand den Sinn sein­er Worte nicht.
„Wür­den Sie mir bitte Ihre Gedanken ein wenig erläutern?“
Mireille Rebérac fing meine Aufmerk­samkeit ein, ehe er antworte konnte.
„Wir sind doch Diplo­mat­en“, erk­lärte sie mir noch ein­mal das Offen­sichtliche, „und wir soll­ten dur­chaus in der Lage sein, eine durch­führbare, aber sichere Lösung zu erar­beit­en. Eine Lösung, die eine dro­hende Kon­fronta­tion von vorn­here­in auszuschließen in der Lage ist.“
Ich schaute von einem zum anderen, traf aber nur auf entschlossen wirk­ende Mienen. Beschwörend bre­it­ete ich die Arme aus.
„So sagt mir“, erkundigte ich mich bei den Rebellen. „bin ich wirk­lich der einzige, der als Mär­tyr­er allein die Rück­reise antreten soll?“
Mireille legte mir die Hand auf die Brust.
„Was spricht dage­gen, zu bleiben und mit uns gemein­sam den Keim für eine neue, ver­nun­ft­be­gabte und vorzeig­bare Rasse zu legen?“
Ich schöpfte tief Atem.
„Wäre ein solch­er Schritt“, erkundigte ich mich, „wirk­lich das Vernün­ftig­ste, das wir tun kön­nten? Und wenn ja, wie wür­den wir einst unseren Heimat­plan­eten aus der Quar­an­täne erlösen können?“
Ich sah die Antwort in ihren Augen:
Es gab in der Tat nicht wirk­lich eine Chance für Men­schen, die hart daran arbeit­eten, andere Leute in Armut zu hal­ten, nur damit sie selb­st Reich­tum, Ein­fluss und Macht ver­größern kon­nten. Es gab keine Chance für Kopfgeld­jäger. Und es gab so gut wie keine Chance für Straßenkinder, die gel­ernt hat­ten, das Biss­chen, das sie ihr Eigen nan­nten, mit dem blanken Mess­er zu vertei­di­gen. Es gab keine wirk­liche Chance, wed­er für die Haifis­che im Karpfen­te­ich, noch für die Unter­drück­ten und Geknechteten.
Nein, eine Chance hat­ten wohl nur die weni­gen Men­schen, deren Vorstel­lungsver­mö­gen den Gedanken an eine Ausweitung ihres Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­seins zuließen und deren Kon­to­stand aus­re­ichte, die Wel­ten der Galak­tis­chen Allianz als Ziel in einen eige­nen Nav­i­ga­tor speisen zu kön­nen. Und selb­st dann noch wür­den einige der Willi­gen scheit­ern, weil ihnen das Durch­hal­tev­er­mö­gen fehlte.
Ich löste mich aus meinen Gedanken, mit der aufkeimenden Hoff­nung im Herzen, dass es für unsere winzige Gruppe tat­säch­lich eine Chance für einen Neuan­fang geben könnte.
„Also gut!“, stimmte ich zu. „Volles Risiko! Allerd­ings brauchen wir einen wasserdicht­en Plan …“

Mireille stand mit mir auf einem der tausend Balkone eines der periph­eren Wohn­hügel der Tau­ri­den, und wir schaut­en durch die mächtige Glaskup­pel hin­aus auf die zerk­lüfteten Klip­pen des Mon­des Aimarai Taiam Daualin. Vor uns ent­fal­tete sich eine Land­schaft, die in ihrer erhabenen Schön­heit alle Vorstel­lun­gen ter­ranis­ch­er Kün­stler weit in den Schat­ten stellte. Über dem Hor­i­zont waren bere­its die ersten Ringaus­läufer der Anker­welt Ris­tikat­ulin zu erken­nen. Der Plan­et würde also bin­nen weniger Minuten seinen ver­waschen wirk­enden Globus über die Klip­pen erheben und ver­suchen, den Zenith des sternen­er­füll­ten Him­mels zu erk­lim­men, während er dabei gut ein Vier­tel des sicht­baren Him­mels verdeck­te. Über den Rin­gen, einem weit­eren Mond gle­ich, zog ein beson­ders heller Stern seine Bahn am Fir­ma­ment; die weit ent­fer­nte, von der majestätisch anmu­ten­den Anker­welt Ris­tikat­ulin in ihrer Erhaben­heit ent­trohnte Sonne dieses wun­der­baren Sternsystems.
„Wun­der­schön!“, äußerte Mireille. „Beglück­end und erhebend. Die gemein­samen Kinder unser­er neuen Rasse wer­den mit diesem Anblick aufwach­sen. Sie wer­den ihn niemals mit dem Son­nenun­ter­gang in den Rocky Moun­tains ver­gle­ichen kön­nen, aber sie wer­den die ersten Men­schen sein, die ohne Neid und Hass aufwachsen.“
Ich schaute sie lange an. Dann gab ich ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Danke“, sagte ich. „Danke, dass du mich als ersten Vater dein­er Kinder auser­wählt hast.“
Sie lächelte san­ft. „Danke, dass du bere­it bist, sie und uns alle zu beschützen. Sie wer­den dir dafür ein Denkmal set­zen, glaube mir.“
Ich wandte den Blick nach Süden, wo über den Klip­pen ein neuer Stern aufging. Das unbe­set­zte Shut­tle ver­ließ den Raumhafen, auf einem Kurs, an dessen Ende das Ren­dezvous mit der USS Foma­l­haut wartete. Doch die Fähre würde ihren Bes­tim­mung­sort nie erreichen.
Mireille hob die Hand und deutete hin­aus auf den leuch­t­en­den Schemen. Zwei Raketen­boost­er schossen die Über­leben­skapseln der bei­den Piloten aus dem Raum­fahrzeug hin­aus und hin­auf in den Orbit, wo sie in der näch­sten hal­ben Stunde von den Ret­tung­sein­heit­en der USS Foma­l­haut aufge­sam­melt wer­den wür­den. Das Shut­tle selb­st begann zu schlingern und neigte schließlich seine Bahn den südlichen Ebe­nen des Ris­tikat­ulin­mon­des Aimarai Taiam Daualin zu. Die Leucht­spur der Trieb­w­erke am Heck der Fähre erlosch. Und dann ent­fal­tete eine leuch­t­ende Blume ihre Blät­ter, über­strahlte den Glanz der bei­den blassen Son­nen und füllte den Him­mel mit einem Kalei­doskop wun­der­schön anmu­ten­der Farben.
„Ein Grab für viele Mil­lio­nen Cred­its“, kon­sta­tierte ich leise, „aber ein per­fek­tes Ali­bi für unser plöt­zlich­es Verschwinden.“
Mireille lächelte mir zu. „Und zudem ein vertret­bar­er Preis für unsere Zukun­ft­saus­sicht­en als Neo Tauridae.“
Ich nick­te ernst. „Ich hoffe, du hast Recht. Und ich hoffe, es find­en noch weit­ere Men­schen den Weg zu uns, wenn sie denn fähig sind, ihn zu erkennen.“
Sie lächelte mir erneut zu, während Ris­tikat­ulin, der Ring­plan­et, sich majestätisch langsam über den zerk­lüfteten Hor­i­zont erhob.

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