Felicitas Brandt — Die Spur des Drachen

 

Er war den Spuren schon seit Tagen gefol­gt. Durch die Hügel der Sil­ber­berge und über die glitzern­den Seen der Nymphen. Er hat­te dem bren­nen­den Eis­re­gen getrotzt und dem gifti­gen Nebel, den die Ein­hörn­er um ihr Reich leg­en, um in Sicher­heit zu leben.

Er war gelaufen, immer weit­er und weit­er. Bei jedem Schritt war er dankbar für die Geschick­lichkeit sein­er treuen Gattin.

Salome!

Sie hat­te ihm diese Stiefel gefer­tigt. Aus dem Led­er eines Katzen­bären, das allem wider­stand. Gefüt­tert waren sie mit dem Fell eines Wind­hasen; etwas Weicheres gab es nicht auf dieser Welt.

Salome!

Ihr Bild war stets vor seinen Augen: Langes Haar in der Farbe der Mit­ter­nachtsson­nen. Leucht­en. Lodernd zuweilen wie das Feuer in ihren Augen. Ihr Kör­p­er schlank und hochgewach­sen mit heller, beina­he durch­scheinen­der Haut. Sie war das schön­ste Wesen, das er je gese­hen hatte.

Ihr bei­der Leben war glück­lich gewe­sen. Glück­lich und zufrieden. Bis zu jen­em Tag, an dem der Drache gekom­men war.

Die Men­schen in den Nach­bardör­fern lebten in Angst und Schreck­en. Aber er, der Jäger aus dem Clan der sieben Sterne, er war geschickt wor­den dieses Mon­ster zu töten.

Salome, seine geliebte Frau, hat­te geweint. Sie hat­te ihn ange­fle­ht, er solle nicht gehen. Nachts in seinen Armen, hat­te er ihr Zit­tern spüren kön­nen. Sie fürchtete den Drachen. Er wusste es, hat­te sie ihm doch erzählt, dass ihre Eltern einst bei ein­er Drachen­jagd ums Leben gekom­men waren. Aber ger­ade darum war er aufge­brochen. Nichts durfte atmen, was sie ängsti­gen oder bedro­hen könnte.

In Wahrheit war er noch nie einem Drachen begeg­net. Er kan­nte nur die Geschicht­en: Größer als der größte Ochse, mit weichen schillern­den Schup­pen. Das Blut der Drachen war dem­nach nicht rot, son­dern schwarz wie Onyx. Und wenn ein Drache weinte, dann weinte er blutig-schwarze Onyx Tränen.

Als der Jäger den Berg zur Hälfte erk­lom­men hat­te, ging sein Atem schw­er. Doch die Spuren im Erdre­ich waren frisch. Seine Hand fasste an das Schw­ert in seinem Gür­tel. Natür­lich würde er siegen, und aus den Schup­pen der Bestie kon­nte Salome sich einen Umhang fer­ti­gen, wie ihn son­st nur die Gemahlin­nen der Könige trugen.

Nahezu laut­los pirschte er weit­er, die Spur und die Umge­bung stets im Auge, die Ohren gespitzt. Acht­sam lauschte er jedem Geräusch.

Der Fels in der Höhe wurde sandig, knirschte ver­rä­ter­isch unter seinen Füßen. Ein warmer Wind wehte ihm ent­ge­gen. Doch die Spur war frisch. Hier oben gab es uner­forschte Höhlen. Sollte die Bestie hier ihren Unter­schlupf gefun­den haben …?

Als er aus dem Schat­ten eines Felsens trat, ent­deck­te er sie. Flam­mend ging die Sonne unter. Glutrotes Feuer schien sich über dem Fel­splateau zu ergießen. Der vom Wind hier­her getriebene Sand endete vor ein­er der mon­strösen Höhlen. In den Aus­läufern der Sandwe­hen die let­zten Reste sein­er Spur. Der Abdruck der Tatzen schien weitaus größer als die Spanne ein­er Män­ner­hand. Vier scharfe Klauen formten ein dro­hen­des Muster. Rasier­messer­scharf. Ihre Abdrücke ver­liefen zur Höh­le hin. Doch kurz davor ver­wan­del­ten sie sich in weiche, zier­liche Fußspuren …!

Er sah sie vor der Höh­le ste­hen. Ihr langes Haar leuchtete im Abend­schein wie flüs­siges Gold. Das luftige, weizen­far­bene Kleid umspielte ihre Gestalt wie fließen­des Wasser.

Sein Atem stock­te, denn eine dun­kle Träne rann aus ihrem Auge.

Eine onyx­far­bene Träne.

Felic­i­tas Brandt ist reg­uläres Mitlied im Autoren­fo­rum Sar­turia. Sie nimmt regelmäs­sig und erfol­gre­ich an den Train­ingsauf­gaben teil.

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