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 Betreff des Beitrags: Raumwale, Fußball und höhere Ideale
BeitragVerfasst: Do 4. Jan 2018, 14:48 
Tintenfass-Nutzer
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Registriert: Di 16. Sep 2014, 07:33
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Man hätte Y als das schwarze Schaf der Familie bezeichnen können. Hätte. Wenn seine Familie jemals ein Schaf gesehen hätte. Denn Y gehörte der Rasse der M an, einer Spezies, die bereits uralt gewesen war, als die ersten Sonnen innerhalb der Milchstraße zu leuchten begannen.
Auch möge mir der geschätzte Leser verzeihen, dass ich Y einfach einen Buchstaben als Namen zugeteilt habe. Aber die genaue Übersetzung würde eine ganze Enzyklopädie füllen, da jede Bezeichnung der M voll mit Geschichte, Eigenschaften und Beschreibungen ist. Oder können Sie von sich selbst behaupten, bei der Erwähnung eines Jussuf oder einer Maria keine Gedankenassoziationen zu hegen? Um diesen Umstand zu vermeiden, nenne ich daher unseren Protagonisten einfach Y und hoffe, der aufmerksame Leser dieser Geschichte wird darin ein wenig von der Fremdartigkeit dieses Wesens erkennen.
Als nämlich die M erkannten, dass ihre Population ständig abnahm und keiner von ihnen mehr den Drang verspürte, sich zu teilen, sahen sie es als ihre Aufgabe an, die aufkeimenden Völker unserer Galaxis zu einen und zu einem gedeihlichen, friedfertigen Zusammenleben zu führen.
Oft war nämlich dieses neue Leben von Habgier, Hass und Krieg erfüllt, und die M suchten einen Weg, diesen Wesen den Gedanken eines höheren Ideals einzupflanzen.
Y dagegen ließ sich mit einer Herde Raumwale treiben, gab sich ihren melodischen, knapp über dem absoluten Nullpunkt liegenden Gesängen hin und sah zu, wie diese interdimensionalen Kreaturen die dunkle Materie abweideten und somit sämtliche Gesetze der Physik ins Wanken brachten.
Die M berieten lange und ausgiebig. Einige Sonnensysteme entstanden und vergingen auch wieder während ihrer Konferenz, doch schließlich kamen sie zu einer Lösung: Sie teilten Y einer kleinen, unbedeutenden Welt zu, auf der sich gerade ein paar Kohlenstoffmetabolismen zu selbständigen Kolonien zusammengefügt hatten.
Y widersprach nicht – wohl auch aus dem Grunde, dass es innerhalb der M noch nie zu Kontroversen gekommen war. Die Missachtung einer Weisung war für diese Rasse so ungewöhnlich wie der Gedanke eines Fisches, als Adler über schneebedeckte Berge zu fliegen.
Er – man möge mir diese geschlechtsbezogene irdische Ausdrucksweise verzeihen – begab sich sofort auf den Weg. Während seiner Reise quer durch unsere Milchstraße beschäftigte er sich jedoch mit der Komposition von Walgesängen und so hatte er zwar eine unglaublich künstlerische Symphonie vollendet, als er sein Ziel erreichte, aber so gut wie gar nichts über die ihm zugeteilte Welt in Erfahrung gebracht.
Eine ganze Weile trieb er über dem herrlichen, blau schimmernden Planeten dahin und fügte seinem Werk noch vier Kantaten hinzu, deren Wellenbereich von der Schönheit der azurglänzenden Ozeane inspiriert wurde.
Danach besann er sich seiner Aufgabe und widmete sich den Kohlenstofflern, die sich über die gesamte Oberfläche ausgebreitet hatten. Instinktiv ekelte es ihn zwar vor ihnen – überwucherten sie doch einem Parasiten gleich die Kontinentalmassen – doch da er ganz und gar ein M war, fühlte er sich ihnen auch wieder verpflichtet.
„Erde“ nannten sie einfallslos ihre Welt – und in der gleichen Einfallslosigkeit vermehrten sie sich auch.
Instinktiv fühlte Y, dass sich eine offizielle Einmischung nicht förderlich auf eine Zusammenarbeit auswirken würde. Er beschloss, sich unauffällig in eine der größeren Kolonien einzubringen.
Es war ein ovales, nach oben offenes Gebäude, in dem sich die Individuen versammelten und sich dabei so eng aneinander pressten, dass beinahe Körper an Körper klebte.
Y, der die Unendlichkeit des Alls gewohnt war, empfand Befremden. Diese Zusammenballung von Leibern konnte nur bedeuten, dass hier eine weitere Entwicklungsstufe vorbereitet wurde. Einige Einzelwesen tummelten sich auf einem relativ freien Platz in der Mitte, rannten von einer Seite auf die andere und traten gegen ein rundes Ding – offenbar Unentschlossene, die sich noch zu keinem Entschluss durchringen hatten können.
Y kugelte sich ein und imitierte die Sphäre, die bar jeglicher Logik von einem Kohlenstoffler zum anderen hüpfte. Sofort kam auch eines der Wesen auf ihn zu.
„Meinen bescheidenen Gruß …“, begann Y in einer Mischung der vier gängigsten Dialekte, die gerade in seiner Umgebung gesprochen wurden, da traf ihn ein Stoß, der ihm sofort das Bewusstsein raubte. Der klägliche Rest eines Fluchtreflexes katapultierte ihn gerade noch mit einem müden Hüpfer über die Menge, doch da war er bereits zu jedem Gedanken unfähig.

Auf der gesellschaftlichen Karriereleiter saß Jeremias unterhalb der ersten Sprosse. Tiefer ging es nicht. Seit er Job und Wohnung verloren hatte, besaß er nicht mehr als das zerschlissene Zeug, welches früher einmal ein Anzug gewesen war.
Jetzt, im Sommer, schlief er unter einer Brücke. Dort blieb er vor neugierigen Blicken verborgen und musste mit niemandem reden. Später, wenn es zu frieren begann, würde er wohl oder übel ins Heim übersiedeln. Dort gab es zwar Essen und einen Schlafplatz, aber leider auch Mitbewohner. Jeremias hasste Menschen, und Menschen, die ihn auch noch ansprachen, ganz besonders.
Einmal hatte er in der Notschlafstelle neben einem ehemaligen Opernsänger gelegen. Bereits nach ein paar Schlucken Alkohol – und die gab es immer in solchen Einrichtungen, offiziell zwar verboten, aber dafür im florierenden Schwarzmarkt – hatte dieser Arien zum Besten gegeben.
Jeremias wunderte sich nicht, dass der Mann sein Engagement verloren hatte. Seinen Liedern fehlte jeglicher Elan, auch eigneten sie sich überhaupt nicht zum Mitsingen.
Um endlich Ruhe zu haben, hatte ihn Jeremias verprügelt. Leider konnte er sich nicht mehr an den Früchten seines Einsatzes erfreuen, da man ihn hinauswarf. Ihn – Jeremias! Und nicht den unmusikalischen Störenfried!
Seither mied er die Menschen mehr denn je.
Sein Problem blieb jedoch die Ernährung. Um ans Essen zu kommen, musste er notgedrungen in die Stadt, und auch wenn er nachts nur die Mülltonnen durchwühlte, bestand immer die Möglichkeit, dass er entdeckt und angesprochen wurde.
Getränke waren noch unerreichbarer. Natürlich gab es einige Brunnen. Doch dort badeten die Kinder und Jeremias wusste, dass diese bis zu einem gewissen Alter keine Bedenken hatten, sich dort zu erleichtern.
Auch der angeblich so reine Fluss, der nach Medienberichten seit etlichen Jahren Trinkwasserqualität besaß, bescherte ihm einige Tage heftigen Durchfall.
So hatte er begonnen, sich auf Tauschhandel zu verlegen. Man glaubt ja gar nicht, wie sorglos manche Leute im Umgang mit ihren Wertsachen sind! Hier eine Geldbörse auf einer Anrichte hinter einer unversperrten Türe, dort ein wenig Schmuck – alles erzielt einen gewissen Preis. Besonders beliebt sind Motorradhelme, die einfach auf den Sätteln der Maschinen liegen gelassen wurden – sie sind leicht erreichbar und taugen für mehrere Flaschen Wein.
An jenem denkwürdigen Nachmittag machte sich Jeremias wieder auf den Weg, um seine Besorgungen zu erledigen.
Zuerst wollte er in der Nähe des großen Fußballstadions Ausschau halten, ob dort nicht etwas zu holen war. Menschen, die in Ekstase auf Bildschirme starren, sorgen sich weniger um ihre Wertsachen als um den Spielstand. Und so rechnete Jeremias, bei jedem Tor fündig zu werden.
Leider stand die Partie Null zu Null und die Zuschauer murrten unzufrieden. Und dann kam es endlich zu jenem Zwischenfall, der Jeremias drei Portemonnaies bescherte: Irgendein Idiot warf einen zweiten Ball aufs Spielfeld! Der Kapitän der Gastmannschaft – ein dunkelhäutiger, muskulöser Athlet mit kahlgeschorenem Kopf – trat auch sofort dagegen und schoss ihn quer über alle Zuschauerränge weit hinaus aus dem Stadion, eine Glanzleistung, die ihm einen gebrochenen Mittelfußknochen bescherte.
Der Tumult war unglaublich. Während der Verletzte versorgt wurde, nutzte ein Spieler die Gelegenheit und kickte den – echten – Ball ins gegnerische Tor, eine sinnlose Aktion, die der Schiedsrichter auch sofort mit einer gelben Karte bestrafte, da er die Partie ja unterbrochen hatte.
Einigen Zuschauern gefiel das gar nicht und so entstanden an mehreren Stellen kleinere Rangeleien, die schließlich in eine umfassende Prügelei mündeten. Sicherheitskräfte, Sirenen und Wasserwerfer versuchten, dem Hexenkessel Herr zu werden, doch die allgemeine Anarchie siegte.
Jeremias beschloss zu verschwinden, bevor der Aufruhr auch seine Umgebung erreichte. Zu seiner grenzenlosen Freude fand er zwischen den Beinen der brüllenden Menschen den Ball, der das Chaos heraufbeschworen hatte. Dieses Souvenir würde in den nächsten Tagen eine ganze Stange Geld einbringen, wenn er es an der richtigen Stelle veräußerte.
So rasch er konnte eilte er zurück zu seiner Brücke. Zuallererst vergrub er den Ball im trockenen Sand, danach kontrollierte er seine Ausbeute: Mehrere hundert Euro, einen abgebrochenen Zahn – wer, zum Teufel, trägt abgebrochene Zähne mit sich herum! -, ein paar Rechnungen und diverse Bilder von nicht unbedingt hübschen Kindern. Und Plastikkarten für alle Lebenslagen, sogar eine fürs Rotlichtmilieu.
Jeremias widerstand der Versuchung, eine Bankomatkarte mit fein säuberlich notiertem Code zu behalten. Unauffällig bleiben war seine Devise und mit der Polizei wollte er sich nicht anlegen. Nicht bevor er seinen Schatz verwertet hatte.
Er behielt nur das Geld, alles andere übergab er dem Fluss. Dann legte er sich zufrieden zurück und hörte zu, wie sich sämtliche Polizeisirenen der Welt ein Stelldichein gaben.
Das Chaos musste unbeschreiblich sein.
Jeremias hatte nie verstanden, warum man sich für Fußball begeistern konnte. Einem einzelnen Ball nachzurennen erschien ihm schizophren, genauso wie die allgemeine Hysterie, die damit immer verbunden war. Er genoss seine Einsamkeit, die trockene Erde unter sich und die Gewissheit, genug Geld für einen Vollrausch zu besitzen.
Eine Bewegung am Rande seines Blickfeldes irritierte ihn. Streunende Hunde und Katzen besuchten ihn öfter, aber wenn sich ein Mensch anschlich, musste er vorsichtig sein. Unter einer Brücke herrschte das Gesetz des Stärkeren. Vorsichtig spähte er aus den Augenwinkeln zur Seite – und sprang erschrocken auf: Der Fußball hatte sich aus seinem Versteck befreit und hing einen Meter über dem Boden in der Luft.
Jeremias dachte eine Weile angestrengt nach, dann machte er seiner Empörung Luft und fluchte herzerfrischend.
„Ihr verdammten Drecksäcke habt einen ferngesteuerten Ball gebastelt!“, knurrte er nach seinem Ausbruch und blickte sich um, ob er irgendwo jemanden mit einer Steuerkonsole entdecken konnte.
Das Flussufer blieb bis auf ein paar anspruchslose Stauden Unkraut und den unvermeidlichen Müll leer.
Der Ball schwebte und rührte sich nicht.
Jeremias hatte nicht vor, seinen wertvollen Besitz so schnell wieder abzugeben. Er packte das Ding mit beiden Händen und zerrte daran.
Der Ball schwebte weiter und rührte sich nicht. Jeremias hätte gleich gut einen Stahlklotz umarmen können. Er presste die Zähne aufeinander, knirschte einen relativ ordinären Fluch hervor und versuchte sein Glück ein zweites Mal.
Es änderte sich nichts: Der Ball schwebte, Jeremias keuchte vor Anstrengung und der Lärm von Polizei, Rettungswagen und brüllenden Menschen lieferte die Hintergrundmusik.
„Wenn deine Worte als Frage zu werten sind“, schnarrte das fliegende Ding plötzlich mit einem seltsamen Akzent, „dann kannst du mich Y nennen. Mein richtiger Name würde deine intellektuellen Fähigkeiten überfordern.“
Jeremias packte die Eisenstange, die er vor einigen Wochen von einer unbeaufsichtigten Baustelle vorsorglich mitgenommen hatte – nur zur Selbstverteidigung, versteht sich - und schlug auf seinen sturen Widersacher ein.
„Überaus primitiv“, stellte sein Gegner unbeeindruckt fest. „Ich frage mich wirklich, wie es eure Spezies geschafft hat, sich nicht vollkommen auszulöschen.“
Jeremias wischte den Schweiß von seiner Stirn, brachte noch ein paar halbherzige Hiebe an und warf die nutzlose Stange auf den Boden.
„Ich bin nicht dein Spezi!“, zischte er etwas außer Atem. „Und ich schwöre dir: Wenn ich dich und deine verfluchte Fernsteuerung in die Hände bekomme, bist du reif für den Notarzt!“
Anstelle einer Antwort ertönten dumpfe, langgezogene Töne, untermalt von lauten Bässen, die jeden jugendlichen Autofreak in Entzücken versetzt hätten. Jeremias war allerdings dem Alter des ungezähmten Musik- und Geschwindigkeitsrausches längst entwachsen, fand die Darbietung nervig und packte wieder seinen eisernen Prügel.
Eine Joggerin, die das Flussufer entlanggetrabt war, blieb in sicherer Entfernung stehen, überlegte kurz und lief ihren Weg wieder zurück.
„Du unterliegst einem Gedankenfehler“, meldete sich der Ball auch schon wieder und wich einem eher halbherzigen Hieb aus. „Ich bin vom anderen Ende der Milchstraße gekommen, um der Menschheit die Möglichkeit zu geben, eine höhere geistige Ebene zu erreichen.“
Jeremias spuckte verächtlich aus.
„Und ich war mit Captain Kirk in Galaxien, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“ Er grinste plötzlich. „Was für ein Gift habt ihr euch eigentlich eingeworfen?“
Y legte eine Pause ein, um zu meditieren. Die Sprunghaftigkeit dieser Kohlenstoff-Verbindungen erschien ihm nicht nur unerklärlich, sondern auch im höchsten Maße gefährlich. Außerdem besaßen sie augenscheinlich kein Gefühl für gehobene Musik.
Y versank in tiefe Konzentration. Der Planet drehte sich, die Sonne wanderte über das Firmament und Jeremias verwendete den schwebenden Ball als Kleiderständer.
Endlich – das Jahr neigte sich bereits seinem Ende zu und die Nächte wurden empfindlich kalt – kam Y zum einzig logischen Schluss seiner Überlegungen: Diese Welt war für jedes höhere Ideal unempfänglich.
Y beklagte sich nicht, Emotionen sind den M schon immer fremd gewesen. Dennoch komponierte er eine kleine Symphonie, die mit ihren seufzenden Klängen an dieses Gefühl ziemlich nahe herankam.
Danach schüttelte er die Decke und die vielen Kleidungsstücke ab, die seine Oberfläche bedeckten, legte um das Sonnensystem einen undurchdringlichen Sperrgürtel und machte sich wieder auf die Reise zu seinen Raumwalen.
Die riesigen Teleskope suchten weiter den Himmel nach Signalen von Außerirdischen ab, Jeremias vermisste schmerzlich seinen Kleiderständer, Italien gewann die Fußballweltmeisterschaft und nur wenige Lichtjahre entfernt tobte eine Raumschlacht, die jedes Leben innerhalb eines ganzen Quadranten der Milchstraße auslöschte.
Aber das ist eine andere Geschichte.


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 Betreff des Beitrags: Re: Raumwale, Fußball und höhere Ideale
BeitragVerfasst: Do 4. Jan 2018, 16:06 
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Registriert: Mi 29. Jun 2011, 08:50
Beiträge: 5002
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Göttlich!
Du bist wieder da!
Ganz, ganz dickes Küsschen
:D
Drachi

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