Jurek P – Drachenarschkarte

Dragomur lag vor der versteckten Felsenhöhle und ließ sich genüsslich die Sommersonne auf den Wanst scheinen. Jetzt, zum Ende seiner Schicht, war er nun doch etwas müde. Und gelangweilt, weil auch noch Doppelschicht. Ausnahmsweise. Wegen Dragomax, der wohl krank war oder so. Krank! Ein Drache! Lächerlich!
Eine Normalschicht dauert ja nur einen Sonnenzyklus lang, also schlappe elf Jahre, die sitzt du locker auf einer Drachenarschbacke ab. Aber Doppelschicht ist dann doch schon ziemlich öde auf die Dauer. Passiert ja kaum was auf dieser Erde. Die Höhle ist gut versteckt und der Schatz darin wahrscheinlich sowieso längst vergessen. Schließlich war schon seit Jahrhunderten kein Ritter mehr aufgetaucht, der ihn entdecken wollte.
Na ja, nur noch ein knappes Jahr, dann würde Dragomira ihn ablösen, so war’s vereinbart. Oder Dragomax, falls der dann wieder „gesund“ sein sollte. Na, ihm, Dragomur, konnte es egal sein. Hauptsache Ablösung.
Mit seiner Kralle polkte er ein Stück Totholz aus dem Waldboden vor ihm, spielte damit ein bisschen herum, hielt es sich dann vor die gespitzten Lippen und entzündete ein Ende vorsichtig. „Siehste, so feiern Drachen Weihnachten“, fuhr ihm durch die Gedanken und er musste kichern. Alberne Ideen. Na ja, Doppelschicht. Sorgfältig löschte er das Flämmchen wieder. Muss ja nicht sein. Waldbrandwarnstufe drei zurzeit, das wusste er natürlich.
Und keine Abenteurer oder Ritter weit und breit. Kannste vergessen. Früher, ja, da waren hier manchmal welche. Auch nicht oft, aber eben doch manchmal. Mit denen konnte man wenigstens ein bisschen spielen. Die gebärdeten sich mitunter wild und kriegerisch und fuchtelten mit ihren lächerlichen Schwertern herum. War schon lustig.
Dragomax hatte auch mal erzählt, dass vor – dreihundert? – vierhundert? – na vor etlichen Jahren nun auch schon – ein Trupp mit einer Kanonenlafette aufgetaucht wäre, um ihn zusammenzuschießen. Die Blödmänner! Mit Schwarzpulvervorrat direkt in Dragomax‘ Atemreichweite. Was haben sie Tränen gelacht damals, als er das erzählt hatte.
Später dann hatten die Menschen tatsächlich schon ein paar Waffen entwickelt, mit denen sie den Drachen hätten gefährlich werden können. Dragomick hatte von verschiedenen Trupps von Menschen berichtet, die durchs Gelände gebrochen waren; mit so großen, schweren, eisernen Selbstfahrern, die auch gehörig Krach machen und ziemlich gewichtige Projektile verschießen konnten. Wäre schon problematisch geworden, wenn die damit direkt die Höhle angegriffen hätten. Dragomick hatte damals schon ein bisschen gezittert, hat er gesagt. Nur – die wollten die Höhle gar nicht, die haben sich gegenseitig umgemetzelt, mit ihren komischen fahrbaren Waffenburgen und zu Fuß auch. Und immer mit so einheitlichen Anzügen an, die eine Seite grau, die andere Seite erdbraun, dass sie einander offenbar gut auseinanderhalten konnten. Und immer auch mit so halbkugelförmigen Eisenmützen auf den Köpfen und Knatterstöcken in den Händen. Wie gesagt, die waren der Höhle nie zu nahe gekommen und hatten auch ziemlich mit sich selbst zu tun. Was soll’s, hat damals Dragomick gedacht, lass sie toben. Normal sind sie sowieso nicht.
Die Erdbraunen müssen damals wohl gewonnen haben. Jedenfalls waren die in den nachfolgenden Jahren die Einzigen, die dann noch im Gelände unterwegs waren. Haben aber nicht mehr richtig gekämpft, sondern irgendwie nur rumgespielt. Und immer nur junge Männer und immer nur in diesen Einheitsanzügen. Komisches Volk. Na, einem Drachen kann das aber letztlich egal sein.
Dann später, als Dragomur seine Schicht antrat, vor über zwanzig Jahren nun schon, aber das mit der Doppelschicht hat er damals ja noch nicht gewusst, hatte sich nur für elf Jahre eingerichtet – damals also, als Dragomur die Szene betrat, waren diese Menschen dann auch wieder verschwunden. Praktisch von einem Tag auf den anderen. Und er hatte sich doch schon gefreut auf das Kaspertheater, das da immer mal stattfinden sollte. Aber nichts. Gar nichts. Dragomur hatte wieder mal Pech. Drachenarschkarte.
Jahrelang ließ sich dann überhaupt niemand mehr in der Gegend blicken. Alles vollkommen verwildert. Also, ist ja in Ordnung so, wenn keiner nach dem Schatz sucht, hast du eben keine Arbeit weiter. Aber eben auch keinerlei Abwechslung. Nicht die Spur! Jahre später und auch da extrem selten kamen dann vereinzelt ein paar filzige Typen, die sich aber einen feuchten Dreck um die Höhle und den Schatz und auch um den Drachen gekümmert hatten und nur fortwährend die angebliche Unberührtheit der Natur in dieser Landschaft lobpriesen. Die hatten doch echt was an den Strickmützen. Unberührte Natur. Und hier wächst alles zu und versperrt einem anständigen Wachdrachen vollkommen die Sicht.
Dragomur seufzte tief. Eigentlich sollte man den ganzen Wildwuchs hier einfach mal abfackeln. War doch wohl kein Zustand so, oder was? Einfach mal kräftig angehaucht, das ganze Buschwerk, dann wäre wieder für eine Weile Luft. Ja, okay, Waldbrand und so. Aber Mann, Schwund ist schließlich überall. Und wächst ja auch bald wieder.
Dragomur erhob sich, holte tief Luft, verharrte noch einen Moment so – und pustete schließlich einen gezielten Feuerstrahl zwischen das Unterholz. Von links nach rechts. Ein schöner gleichmäßiger Streifen. Gut gemacht, mein Alter, dachte er sich und legte sich wieder hin. Das lassen wir jetzt ein bisschen knistern und dann sieht das alles auch wieder einigermaßen übersichtlich aus. Zufrieden mit sich schloss der Drache für ein Weilchen die Augen.
War er eingenickt? Was war das? Ein Geräusch, ein unangenehmes.
Ein Brummen! Grässlich!
Dragomur hob den Kopf und starrte entsetzt auf eine Riesenmotte, die genau auf ihn zu flog. Ein Riesenvieh, ganz aus Eisen wohl, mit quirligen Propellern an den ausgestreckten Armen. Gefährlich grummelnd schoss das Vieh genau auf den Drachen zu, wollte sich auf ihn stürzen, ihn zermalmen mit seiner Masse! Aber nein. Kurz vor ihm zog die Motte nach oben und Dragomur wollte schon erleichtert aufatmen, da traf ihn ein riesiger Schwall Wassers. Der im Grunde gefährlichsten Substanz für jeden Drachen. Mit rasant schwindenden Sinnen registrierte Dragomur noch, dass die Motte kehrt machte und erneut auf ihn zu hielt. Aber als sie den Ort erreichte, hatte er sich schon aufgelöst.

Jurek P ist Stammautor bei Sarturia, Herausgeber von Gegenwartsliteratur sowie Coach und Mastercoach im Bereich der markengeschützten Sarturia® Autorenschule. Neben seinen regulären Aufgaben greift er neu hinzugekommenen Autoren hilfreich unter die Arme und sorgt dafür, dass sie ihre Ziele verwirklichen können.

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