Making of – Feuerblumen

Dass ‚Feuerblumen’ ein Erfolgsroman werden würde, konnte zunächst keiner ahnen. Am wenigsten der Autor selbst. Das Manuskript entstand nämlich in der Folge eines literarischen Studiums alter Meister, deren Know-how ja von unschätzbarem Wert für jeden angehenden Schriftsteller sein kann. Das Manuskript von Feuerblumen war in der Tat – wenn man ehrlich sein will – ursprünglich überhaupt nicht zur Publikation vorgesehen.

Dieter König erzählt:

Es klingt im Nachhinein wirklich witzig, aber ich wollte nur mal ausprobieren, wie es sich anfühlt, wenn man den prägnanten und eindringlichen Stil etwa eines Ray Bradbury oder eines Philip K. Dick zu Papier bringen will. Dass ein völlig eigener Schreibstil dabei herauskommen würde, war im Grunde gar nicht beabsichtigt. Aber neben dem cool wirkenden Wissenschaftler Arthur C. Clarke, mit seinen akribisch genau begründeten Ausführungen, hatten mich gerade Bradbury und Dick besonders beeindruckt.

Selbstredend faszinierte mich auch die ‚Schreibe’ unserer deutschen Autoren, vor allem ihr klarer und direkter Stil. So hatte ich Walter Ernsting (Clark Darlton) und Waldemar Kumming persönlich kennengelernt und mit ihnen zusammen Blaupausen des Andromeda-Fanzins für die Heftform zusammengelegt. Unvergesslich! Von ihnen erhielt ich die ersten Schreib-Tips. Die beiden Autoren gelten ja mithin als Väter der Perry Rhodan Heft-Reihe.

Aufgrund der Gespräche bit den beiden Koryphäen wollte ich auch etwas Spannendes schreiben, und zwar etwas, das die Lektoren der Großverlage überzeugte. Die Flucht Pierre Freitags aus dem unterirdischen Bunker-Gefängnis kann also de facto als mein erstes, kommerziell ausgerichtetes Projekt gelten. Und tatsächlich, dieser literarische Gewaltversuch war in der Tat der Beginn eines aufregenden und grandiosen Abenteuers, das mich in die Reihen der Erfolgsautoren und schließlich sogar hinter den überfüllten Schreibtisch eines erfolgreichen Verlegers brachte.

Science-Fiction zu schreiben bedeutete damals noch im ursprünglichen Sinn: „Die künftigen Möglichkeiten der Wissenschaft vorauszusehen“. Kein Mensch hatte damals eine Ahnung von sogenannten Virtuellen Realitäten. Filme wie Welt am Draht, Matrix oder das Holo-Deck in Star Treck waren seinerzeit noch nicht einmal angedacht. Mich aber faszinierte allein die Vorstellung der Möglichkeit, dass irgendwer eines Tages – im nächsten logischen Schritt nach den bewegten Bildern auf der Kinoleinwand – virtuelle Welten erschaffen könnte..

Damals war der Kalte Krieg noch das Schreckgespenst in schlaflosen Nächten. Jedermann  kannten die Bilder der erschreckenden Feuerblumen aus dem Fernsehen, die wie mächtige Pilze über dem Bikini Atoll emporwuchsen. Hämisch drohend. Beängstigend. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis wir zu lernen hatten, in einer radioaktiv verseuchten Welt zu überleben.

Ich informierte mich also über Themen wie Gammastrahlung und Halbwertszeiten sowie um die Auswirkungen auf den Stoffwechsel biologisch aufgebauter Lebewesen. Und wie ich da so in den Naturwissenschaften schmökerte, da hatte ich eine aberwitzige Idee, wie ich den Protagonisten Pierre Freitag an die radioaktive Umgebung anpassen könnte.

ZITAT:
„Wir senken Ihre Bluttemperatur“, kam es leise von ihren schmalen Lippen. „Wir senken sie ab, bis auf 289 Kelvin, das entspricht etwa 16 Grad Celsius.“
„Um Gottes willen …!“ Freitag gab sich erschrocken.
„Ihr Hämoglobin“, fuhr sie unbeeindruckt fort, „erhält einen Schwanz aus CH-, CH2- und CH3-Molekülen, es ähnelt dann dem Chlorophyll der Pflanzen. Ihr Blut lebt ab diesem Zeitpunkt von der Energie Ihrer Umwelt. Sie werden eine bewegliche Pflanze sein, eine lebendige und eine radioaktive dazu.“
ZITAT ENDE

Mein späterer Lektor bei Heyne, der Kurd-Laßwitz-Preisträger Wolfgang Jeschke, fragte mich zu dieser Passage, ob ich denn Naturwissenschaften studiert hätte. „Autodidaktisch“, antwortete ich spontan. „Aus Büchern! Nur aus Büchern. Aber in den verschiedensten Büchereien …!“ (Kommentar überflüssig)

Mein Protagonist, Pierre Freitag konnte also auf einer radioaktiv verseuchten Oberfläche agieren und Abenteuer erleben. Dazu musste er natürlich auch Transportmittel zur Verfügung haben, die in den verwüsteten Landstrichen und den verbliebenen Ruinen gänzlich ohne Straße auskommen. Eine Art Panzer erschien mir logisch. Im Roman lasse ich die Handelnden im Gespräch erwähnen, wie ein postulierter Mesonenreaktor funktionieren könnte, damit diese Monstertraktoren über das Land fahren konnten. Witziger erschien mir die Idee einer Mechanischen Spinne, die mir als eine Art Moto-Cross-Fahrzeug der Zukunft besonders interessant erschien.

Aber auch die anderen Techniken sollten eine wissenschaftlich fundierte Grundlage haben. Die Beleuchtung zum Beispiel, die ich über den Ausgrabungsstätten aus jener Vergangenheit vor dem Supergau schweben lasse, entwickelte ich aus der Vorstufe zur Kernfusion, wie sie beispielsweise im Stellarator versucht wird. Die Voraussetzungen dafür gibt es ja längst, man zeigt es hier und da im Fernsehen. Die kontrollierte Kernfusion im nächsten Schritt jedoch, die will einfach noch nicht klappen. Nicht wirklich.

Den Traktorstrahl, den die Zwergmenschen verwenden – der Leser möge mir dies verzeihen – habe ich mir allerdings von anderen Schriftstellern und Drehbuchautoren ausgeliehen. In Wirklichkeit habe ich keine Ahnung wie solch eine Technik funktionieren sollte. Aber es las sich immer so schön und schaut auch bei ‚Raumschiff Voyager’ richtig toll aus, wenn man damit ganze Raumschiffe in Schlepp nehmen kann …!

Das Interessanteste im Roman ist meiner Meinung nach das skizzierte U-Boot, das völlig ohne herkömmlichen Antrieb auskommt. Als Freund von erfahrenen Segelfliegern und Flugzeugerbauern drängte es mich förmlich, einen wirklich genialen Unterwasserantrieb zu erfinden. Sie wissen ja: Ein Kanister Wasser mehr im Ballasttank und das U-Boot sinkt. Ein Kanister weniger, und es steigt. Auf diese Weise stylte ich mein U-Boot zu einem Unterwasser-Gleit-Flugzeug, das in der Lage war, unvorstellbare Tiefen zu erreichen.

‚Der Spiegel’ berichtete lange Jahre später – ich glaube, es war Mitte 2002 – dass die Ingenieure der amerikanischen Webb Corporation einen Unterwassergleiter genau nach diesem Modellprinzip entwickelt und vor den Bermudas getestet hatten. Einziger Unterschied zu meiner Variante, sie benutzten Wachsstäbe, die sich beim Schmelzen ausdehnen und beim abkühlen verfestigen und wieder schrumpften um ‚genau auf die gleiche Weise’ Auf- oder Abtrieb zu erzeugen. Für mein eigenes U-Boot in ‚Feuerblumen’ ließ ich die Technokraten jedoch komprimiertes Helium verwenden. Aber ich freute mich natürlich über diese späte Bestätigung meiner Ideen.

In punkto Raumschiffsantriebe hieß das damalige Reizwort ‚Antimaterie’. Dabei handelt es sich um eine Art Materie mit gegensätzlicher Polung zu jener Materie, die wir kennen. Treffen zwei gleichartige Atomteilchen mit gegensätzlicher Polung aufeinander, vernichten sie sich gegenseitig in einem Lichtblitz purer Energie, ohne irgendwelche Rückstände. Die Energieentwicklung einer Fusionsbombe scheint dagegen zu wirken wie ein Glühwürmchen mitten im Abendrot.

Aber kein Mensch hatte damals eine Ahnung, wie man größere Mengen Antimaterie herstellen könnte. Nun hatte ich aber bei meinen Recherchen in den Büchereien herausgefunden, dass es angeregte Isotope gibt, die sporadisch Alphateilchen aussendeten, also Protonen mit positiver Ladung. Bekannt waren aber auch Isotope, die Protonen mit konträr gepolter, also negativer Ladung emittierten. Ich erlaubte mir deshalb kurzerhand, diese beiden materiellen Kontrahenten in einem extrem starken Magnetfeld aufeinander loszulassen. Man sollte mir jedoch zugute halten, dass ich damit entscheidend weniger weit in die Zukunft vorausgegriffen hatte, als Star Trek und Co.

Frohgemut schickte ich also mein Erstlingswerk an die bekanntesten Verlage, und der Wilhelm Heyne Verlag in München – heute eine Random House Tochter – war der erste, der mir nach langer Wartezeit endlich antwortete. Der zuständige Herausgeber, Wolfgang Jeschke, teilte mir kurz und bündig mit, dass Heyne das Manuskript nicht nehmen würde, weil es hundert Seiten zu lang sei und langweilige Dialoge aufweisen würde.

„Siehst du“, sagte meine damalige Angetraute, „ich habe dir gleich gesagt, dass das nichts wird.“

Das Folgende ist für alle angehenden Autoren interessant, zeigt es doch, wie man Hürden übewinden kann. Denn ich bin wirklich nicht der Typ, der so schnell aufgibt. Mein ganzes Leben war mit Widrigkeiten gepflastert, und ich bin trotzdem nie auf den Gedanken gekommen, irgendwann irgendwo einfach aufzugeben.

Unter den sich häufenden Vorwürfen einer gestrengen Lebensgefährtin schaffte ich das Kunststück, den richtigen Umgang mit Dialogen zu erlernen und mein abgespecktes Manuskript damit aufzuwerten. Und dann schickte ich mein Werk zurück an Wolfgang Jeschke. Tja, man wird es mir kaum glauben, aber ein paar Tage später klingelte tatsächlich das Telefon …!

Feuerblumen erreichte – als Erstlingswerk wohlgemerkt – eine Auflage von 10.000 gedruckten Exemplaren, die auf Anhieb allesamt verkauft und von einer wohlgesinnten Leserschaft verschlungen worden waren. ‚Betondschungel’ – das Nachfolgewerk – kostete mich schon weniger Mühe; ich hatte ja bereits dazugelernt.

Und dann wechselte ich für lange Jahre ins Profilager. Ich verdingte mich bei einem Wirtschaftsverlag im Taunus und schrieb wissenschaftliche Bücher über Geld, Häuser und Managementwissen.

Feuerblumen war längst vergriffen. Doch im Jahre 2011 wurde es erweitert und neu aufgelegt. Es ist inzwischen weltweit, in jedem Buchladen erhältlich. Und auch die erweiterte Version verkauft sich erfreulich gut, sodass wir bereits eine dritte Auflage in Planung haben. Aber, wie Wolfgang Jeschke mir seinerzeit sagte: Schriftsteller sind Dienstleister für ihre Leser. Und so, liebe Freunde, bleibe ich stets in Ihren Diensten!

In diesem Sinn viel Spaß bei der Lektüre!

Ihr Dieter König
Verleger und Vorstandsmitglied des gemeinnützigen Förderverein Sarturia Autorenschule e.V.
 

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