Making of – Horror-Cocktail

Die Grusel-Mischung macht’s

“Keine Wonne kommt der des Grauens gleich”, behauptet Kultautor Clive Barker – und trifft damit den Nagel auf dem Kopf seines Cenobiten.

„Wie allgemein bekannt, ist Angst und in seiner Potenz Horror ein von Urinstinkten gesteuertes unwillkürliches Gefühl des Menschen als Reaktion auf reale Bedrohungen, (noch) nicht erklärbare bzw. verständliche Ereignisse und Phänomene oder irreale Wahrnehmungen, die den Anschein von Gefahr erwecken (möglicherweise nur im eigenen Gehirn). In allen Kulturkreisen gibt es Mythen, die sich mit derartigen Erscheinungen befassen. Häufig werden dabei besonders ausgeprägte Ängste auf spezielle Wesen projiziert, wie Monster und Dämonen, und so für den menschlichen Verstand begreifbar gemacht“, erklärt B.B.Beard – Autor der Geschichte „Rache“ – seine Sicht der Horror-Dinge.

Tatsächlich lebt die Horrorgeschichte von dem, was unter der Oberfläche des Lebens brodelt.

„Pagliaccio“-Autor, Simon Heiser, denkt: “Das Horror-Genre ist mitunter eines der packendsten. Gut gemacht, lässt eine Geschichte oder ein anderes Medium den Gourmand des Grusels nicht wieder los. Ich liebe die Konzentration, das Mitfiebern, das bei Horror entsteht – man lebt im Moment und vergisst alles um sich herum. Zudem glaube ich, dass man mit dem Konsum von Horrorliteratur auch so manches über sich selbst lernen kann: Wie würde ich selbst in der einen oder anderen Extremsituation reagieren, wenn ich der Protagonist einer dieser Geschichten wäre?“

Patricia Dolejsi, die den „Roten Applaus“ beisteuert, ergänzt: „Horrorgeschichten bieten Platz für Realität und dunkle Fantasie, und je mehr sie in unserer angreifbaren Welt vorstellbar sind, umso schrecklicher und faszinierender sind sie. Ich habe in meiner Geschichte den Schauplatz eines Jahrmarkts gewählt, die Stimmung kann hier sehr schnell kippen, hervorragend für ein Horrorszenario.“

Die zahlreichen Einsendungen zu unseren Horror-Ausschreibungen bestätigen das alles ebenso eindrucksvoll, wie die Bandbreite der makabren Themen. Und die haben es in sich.

Die Ambivalenz des Bösen etwa treibt Marco Callari um: „Mich hat schon immer die Art von Kampf fasziniert, in dem eine Gruppe von Menschen gegen etwas übernatürliches Böses antritt. Selbstverständlich gewinnen immer die Menschen, und wir Zuschauer/Leser lernen, wie das Böse zu besiegen ist. Davon angetan nahm ich Stift und Papier zur Hand und schrieb meine eigenen (Horror-) Geschichten nieder, in denen es genau darum geht: wie das rein Gute gegen ein rein böses Wesen kämpft. Doch je älter ich geworden bin, desto erschreckender stellte ich fest, dass es nichts Übernatürliches bedarf, um das Böse darzustellen. Der Mensch selbst ist böse genug und schreckt vor keinen grauenvollen Taten seinen Mitmenschen gegenüber zurück. Weshalb ich in meinen aktuelleren Geschichten, wie auch in Der Herzensbrecher, gern den Spieß umdrehe und einen Kampf beschreibe, in dem nicht ganz ersichtlich ist, auf welcher Seite Protagonist und Antagonist stehen – denn nicht immer sind die übernatürlichen Wesen (wie grauenvoll sie auch aussehen mögen) die Bösen, und nicht immer ist der Mensch der Gute.“

Mythen und Legenden sind weitere Triebfedern, um die schaurige Fantasie in Gang zu setzen.

„Als besonders reizvoll erscheinen mir persönlich einige mythische Kreaturen der nordamerikanischen Indianervölker: Wendigo, der werwolfähnliche Gestaltwandler, weitverbreitet in den nördlichen Regionen des amerikanischen Kontinents, Baykok, ein fliegender Zombie, der das Gebiet um die Großen Seen, z. B. bei den Ojibwe, unsicher macht, Piasa, ein menschenfressender Drachenvogel im Mississippi Delta bei den Chahta Völkern oder Achiyalatopa, ein mordlustiges Vogelwesen bei den Zuni im Südwesten der USA“, erzählt B.B.Beard. „Für die hier vorliegende Story „Rache“ habe ich Piasa ausgewählt, da er mit seinem ungewöhnlichen Erscheinungsbild: Vogelkopf, bunt gefiederter Drachenkörper, Fischschwanz sowie seiner abgrundtiefen Bosheit (Lieblingsspeise: Menschenfleisch) ein ideales Objekt darstellt im Spannungsfeld zwischen Gut und Böse. Was geschieht, wenn ein kleines unbedarftes Indianermädchen einem derartigen Monster Empathie entgegen bringt und ihm das Leben rettet? Was geschieht, wenn skrupellose Verbrecher die Familie des Kindes ermorden und so das Böse in sein Bewusstsein heben? Was geschieht, wenn sich nach vielen Jahren der Ruhe die erwachsene Frau getragen von der eigenen Wut und unterstützt vom befreundeten Piasa für Rache entscheidet? Horror!“

Nicht zu unterschätzen sind auch die Einflüsse der literarischen Vorbilder. Clive Barker wurde schon zitiert, Edgar Allen Poe ist ein „Muss“ und besonders H.P. Lovecraft, der 1937 verstorbene Einsiedler aus Providence, gilt als einer der Urvater des Horrors. Letzterer ist dann auch Ideengeber für die Sarturia-Anthologie „Der schwarze Gott des Wahnsinns“ gewesen, in der zehn Autoren ihrer Horror-Ikone Tribut zollen. Mit dabei in dieser erfolgreichen Kurzgeschichtensammlung waren schon Karsten Beuchert, der diesmal mit „Im Fluss der Ermittlungen“ vertreten ist und Hans Jürgen Hetterling, dessen „Wenn dich der N‘anthook holt“ in diesem „Cocktail“ ebenfalls Lovecraftschen Spirit atmet.

Doch seine Einflüsse gehen noch weiter: „Horror fasziniert mich buchstäblich von Kindesbeinen an. Bilder, Comics (wer von den ‚Altfans’ erinnert sich nicht an das ‚Seltsam? Aber so steht es geschrieben’ am Ende einer Story…), Hefte, Bücher, Filme und deren Plakate, Schaustellermalerei auf Geisterbahnen. …Was habe ich die ‚Großen’ gelöchert, die sich schon gewisse Filme anschauen durften, was genau da passiert, und warum. Unvergesslich, als mir eine Nachbarin nach dem Besuch von Polanskis ‚Tanz der Vampire’ auf meine Frage, wie genau die Vampire denn aussehen, sagte: ‚Ihre Haut ist so bleich wie das Mondlicht.’ Wow!! … und so begann ich, lange vor der Beschäftigung mit Psychoanalyse, Tiefenpsychologie etc. meine Träume aufzuschreiben. Wahre Fundgruben für meine Fabulierlust! Auch begann ich bald die Spuren alter Überlieferungen, Sagen und Legenden in den modernen Geschichten zu erkennen … So wurden Vampire und Werwölfe, Mumien und künstliche Menschen meine ständigen Begleiter, später auch die ‚Großen Alten’ der erfundenen Mythen. Beim Schreiben verspürte ich nun das Bedürfnis, etwas zu kreieren, das so noch nicht da war. Ein Wesen, weder Gestaltwandler , noch Blutsauger, noch Bewohner einer fernen Dimension, zwar all das, aber eben anders. Da dachte ich an eine frühe Vorstellung von mir, dass Kinoleinwände, Plakate etc. Tore zu Reichen darstellen, die sie zweidimensional repräsentieren. Portale zu Welten hinter der Welt, voller Schrecken und dunkler Geheimnisse. Eine Art Paralleluniversum, in der unsere schlimmsten Gedankengeburten und Alpträume wahr sind. Und was nun, wenn es möglich wäre, jene Tore zu passieren, oder, weitaus schlimmer noch, die bizarren und überaus tödlichen Bewohner jener fremden Dimension einen Weg fänden, zu uns zu kommen … Was würde passieren, was würden diese Kreaturen mit uns anstellen …? Das war die Geburt des N’anthook …“

Ein Name darf natürlich nicht fehlen, der seit der Erstausgabe von „Carrie“ Generationen aufstrebender Horrorautoren inspiriert: Stephen King.

„Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich als sieben jähriges Mädchen mit den Kindern aus der Nachbarschaft, meinen ersten Horrorfilm gesehen habe“, berichtet Jasmin Mödlhammer. „Es war kein anderer als Stephen Kings ES. Der Film hat mich damals so traumatisiert, dass ich dank des Meisters des Horrors, seither eine Coulrophobie habe. Nachdem ich dann älter wurde – ich weiß es steht im Widerspruch – hat sich meine Neigung zu Horror immer mehr verstärkt und ich kam erneut mit Stephens Geschichte des bösartigen Clowns in Berührung.
Seitdem ist Stephen King mein Lieblingsautor und hat mich zum Schreiben meiner eigenen Geschichten inspiriert. Wie die Ausschreibung bei Sarturia dann aufkam, wollte ich es wagen und meinen eigenen bösartigen und mordenden Clown erschaffen. In meiner Geschichte ‚Cirque d’horreur – Varieté des Schreckens’ spielt der Clown ‚Empoté’ als Freund und Spaßmacher der Kinder eine zentrale Rolle. Doch sobald er das Vertrauen der Kinder für sich gewonnen hat, zeigt er ihnen sein wahres Gesicht.“

Und Sonja Schirdewan, die uns mit der Geschichte „Das böse Erbe“ gruselt, erklärt: „Angefangen hat es bei mir mit den Gruselgeschichten durch die Stephen King Bücher meines großen Bruders und die damals aktuellen Film-Reihen wie z.B. Halloween und Nightmare on Elmstreet. Wenn man sich also von früher Jugend an mit Gruselgeschichten auseinander setzt, ist es wohl eher unwahrscheinlich, dass man selbst über Romantik schreibt, wenn man irgendwann anfängt selbst Geschichten zu verfassen! Die Idee zu dieser kam mir – wie so manch andere Inspiration auch – tatsächlich beim Joggen, dabei kann ich richtig abschalten und den Kopf frei bekommen. Ich lief also um den See herum und sah auf einer Bank am Strand eine junge Frau sitzen, die offensichtlich gerade ganz in Gedanken versunken den Sonnenuntergang genoss. Der Anfang war gemacht und alles andere kam dann nach und nach dazu.“

Manchmal kommen die Ideengeber aber auch von einer gänzlich unerwarteten Seite. Etwa beim Anblick des „Manns“ – oder besser – des „Clowns im Mond“. So wie bei Sophia Roppes „Mondbabys“: „Wenn ich nachts zum Mond hinauf schaue, sehe ich schon seit einer Weile dort oben einen hageren Clown, der in bleichem Licht durch die karge Landschaft wandert und etwas ausheckt. Ich habe beschlossen, ihn auf die Erde zu lassen um herauszufinden, was er vorhat.“

Auch ein simples Fahrrad kann Initiator einer Erzählung sein. So bei Simon Heiser: „Ein guter Freund von mir – Andreas C. – nahm mit seinem Fahrrad oftmals beträchtliche Wege auf sich, um zu mir heim zu gelangen, sodass wir gemeinsam mit Freunden Filme anschauen konnten. Irgendwie spukte mir seither eine Inspiration einen Meldereiter oder Boten betreffend im Kopf herum – jemand, der größere Reisen und sicherlich auch Gefahren auf sich nimmt, um an einen bestimmten Ort zu gelangen oder einen bestimmten Auftrag zu erfüllen.

Als dann noch das Thema „Böse Clowns“ aufkam (für das die Story ja ursprünglich gedacht war), stellte ich sofort eine Verbindung her: Was wäre, wenn diesem einsamen Boten die Wirren seiner Reise plötzlich zuviel würden? Wenn man so lange alleine ist und durch unbewohnte Landschaften reist, bekommt man es dann vielleicht mit den Abgründen des eigenen Verstandes zu tun? Oder noch schlimmer: Was, wenn jemand dem Boten vor seinem Aufbruch einen Fluch angehängt hätte, um ihn in den Wahnsinn zu treiben (wie es in meiner Erzählung letztlich ja geschah)?“

Oder der Horror entsteht im Seelenleben einer Hausfrau – wie bei Eva Mühlbergers Story.

„Der seelische Morast meiner Protagonistin verbirgt sich im Schein ihrer Hausarbeit“, sagt sie. „Jedenfalls ist ihr Leben ‚Kein Kindergeburtstag’! Nach und nach verschwinden Kinder auf mysteriöse Weise. Doch wer ist für die bestialischen Morde verantwortlich?“

Anja Bahle, die Autorin unserer Siegergeschichte „Der Phlegmatoid“, erzählt, dass sie normalerweise keine Horrorgeschichten schreibt und auch nicht besonders gerne Horrorfilme sieht:  „Warum? Weil ich viel zu ängstlich bin. Die gelesenen Stephen Kings meiner Jugend wirken heute noch nach …Trotzdem bin ich überzeugt, dass jeder Mensch seinen ganz eigenen ‚Horror’ mit sich herumträgt. Das kann der Job sein, der Partner oder die Angst, einen Vortrag vor vielen Menschen zu halten. Oder eben ein Phlegmatoid. Dieses Schauerwesen verfolgt mich bereits seit meiner Kindheit, zum Glück bisher nur in meinen Träumen. Dafür immer und immer wieder. Eigentlich müsste ich dem Wesen dankbar sein, denn es zeigt mir an, wenn ich nicht so lebe, wie ich eigentlich leben sollte. Mein Unterbewusstsein, meine Seele, mein Hirn, was weiß ich – schickt mir dann den Phlegmatoiden vorbei. Und ich wache schweißgebadet auf. Nun habe ich ihm einen eigenen Platz zugeteilt, eine Geschichte, in der er sein Unwesen treiben darf. Wer weiß, vielleicht lässt er mich jetzt ja in Ruhe?“

Horror als Katharsis? Auch das ist eine Möglichkeit. Oder die Verarbeitung von Albträumen.

„Wenn man sich entscheidet eine Geschichte zu schreiben, dann stellt man ein paar grundsätzliche Fragen“, glaubt Verena Kreutz. „Zu Beginn geht es dabei um Gefühle, die untergründig ein Thema sein sollen. Will man über Liebe, Mut oder Angst und Grauen schreiben. Meine Arbeiten sind in vielen Genres zu finden und handeln von noch mehr Gefühlen. Die Begeisterung sich mit Angst zu beschäftigen wird im Genre Horror bis an die emotionalen Grenzen des Autors aufgearbeitet, in einen ansprechenden Text eingewoben und bis auf eine kernige Struktur verdichtet. Am Ende ist das Ziel den LeserInnen eine aufregende Geschichte zu bieten, doch auch der Autor durchlebt einen gewissen Nervenkitzel. Ich lasse mich ungern erschrecken, aber forciere gerne Angst und Spannung. Die Idee für die Geschichte ‚Der Graphitmann’ entstammte einem Alptraum, der selbst anders ausging. Dieser wiederum wurde von einem Science-Fiction Film initiiert … Die Erzählung beschäftigt sich nicht mit dem Thema Gut und Böse. Sie handelt vielmehr von einer gewissenslosen und personifizierten Dunkelheit, die sich zu einer gefräßigen Bedrohung entwickelt. Meines Erachtens lautet in einer Horrorgeschichte die gestellte Aufgabe an die Darsteller nicht das vermeintlich Böse zu besiegen, sondern einen Weg zu finden mit der eigenen Angst fertig zu werden und das Beste aus der bedrohlichen Situation zu machen. Daher wird man nicht erfahren wer der Graphitmann ist oder woher er kommt, es geht um die Protagonistinnen und wie sie die Begegnung mit ihm meistern.“

Science-Fiction ist, nicht zuletzt seit Ridley Scott in Zusammenarbeit mit H.R.Giger sein Horroralien auf die Filmzuschauer losgelassen hat, ebenfalls ein Betätigungsfeld der grausigen Visionen.

Ein Crossover bietet Karsten Lorenz, der sich eigentlich im SF-Bereich zu Hause fühlt: „… genauer gesagt, in der unmittelbaren Zukunft, die schon fast von der Gegenwart eingeholt worden ist. Bei der ‚Blutabgabe’ wird es besonders deutlich, dass Zukunftsvisionen sehr beängstigend sein können. Zum Horror werden sie, wenn man diese Zukunft möglicherweise bald selbst erleben wird und nichts gegen diese Entwicklung tun kann. Dass die allgemeine DNA-Erfassung in wenigen Jahren schon Realität sein wird, ist sehr wahrscheinlich. Es ist wohl meine Art, mit dieser Angst umzugehen, indem ich den erkennbaren Trend aufgreife, ihn bis ins Absurde überhöhe und damit wiederum Abstand gewinne. Ich sperre meinen ganz persönlichen Horror in die Geschichte ein.“

Und meist geht die Lust am Horror bis in die Kindheit zurück. So auch bei Thomas Williams, der die Feengeschichte „Operation Halitosis“ beisteuert.

„Schon als Kind war ich begeistert von Monstern. Ganz besonders in Filmen. Ich konnte mich gar nicht sattsehen an Godzilla, King Kong und den Ray Harryhausen Filmen. So kam ich auch über Umwege zu Horrorgeschichten. Es macht mir Spaß sie zu schreiben, weil ich so meinen Phantasien Leben einhauchen kann und mich dabei vollkommen frei fühle. Es macht mir Spaß in diese Welt hinabzutauchen und den Alltagsstress für ein paar Stunden zu vergessen.“

Meine erste Begegnung mit dem Unheimlichen fand während eines Kindergeburtstags statt. Die ältere Schwester des Geburtstagskindes gab im abgedunkelten Wohnzimmer Gruselgeschichten zum Besten und erklärte gerade mit Grabesstimme: „… und der Geist trat durch die Tür …“, als sich tatsächlich die Zimmertür knarrend öffnete. Natürlich handelte es sich nur um die Mutter, die zum Abendessen bitten wollte, aber das durchdringende Gekreisch entsetzter Sechsjähriger konnte man vermutlich noch drei Straßen weiter vernehmen …

Nun, mein Grundstein für die Liebe zum Genre wurde hier gelegt und es bereitet mir große Freude, diese Affinität zum Horror als Herausgeber mit anderen zu teilen. Das Kindheitserlebnis wurde später auch Teil einer autobiografisch angehauchten Kurzgeschichte mit dem Titel „Stadtgespenster“. Gier allerdings ergänzt um reale Geister, denen ich aber bisher (leider?) noch nicht „in realitas“ begegnet bin.

Eigene Gesundheitserfahrungen sind auch in Florian Krenns Geschichte „Der Herr der Fieber und Plagen“ eingeflossen, obwohl er sich an alle Einzelheiten, die zu dieser Geschichte führten nicht mehr erinnern kann. „Fakt ist jedoch, dass ich früher in Wien in dieser Gegend gewohnt habe und oft (auch im Regen) mit der U-Bahn von der Station Michelbeuern/AKH nach Hause gefahren bin. Zudem plagten mich in der Zeit in dieser Wohnung gesundheitliche Probleme, Asthma und Bluthochdruck wurden diagnostiziert. Beim Schreiben visualisierte ich unser Wohnhaus und die Wohnung. Während der Zum Glück war mein Ziel nicht das Krankenhaus, sondern die Wohnung eines Freundes, in der wir regelmäßig Pen and Paper Rollenspiele gespielt haben. Hauptsächlich böse Gruppen mit hohem Dämonenanteil – ein weiteres Puzzelstück. Pazuzu, ein assyrisch-babylonischer Gott ist mir schon wesentlich früher begegnet: mit dreizehn Jahren begann ich Metal zu hören, hauptsächlich Death und Thrash. Eine meiner Lieblings-CDs war ‚Altars of Madness’ von Morbid Angel, die Pazuzu auf dem Album das Lied ‚Lord of all fevers and plague’ widmeten. Dieses Lied hat mich sehr inspiriert, wenn mir auch erst im Nachhinein bewusst geworden ist, wie gut die zweite Strophe des Liedes passt. Weiterhin ist Pazuzu auch Bestandteil des Lovecraftschen Mythos, welcher mich sehr fasziniert, vertreten. Im Sammelband ‚Das Necronomicon / Die Goetia / Der kleine Schlüssel Salomonis’ wird er unter anderem mit den bekannten Namen wie Azathoth, Cthulu oder Shub Niggurath genannt.Und das ist es, was für mich das Schreiben von Horrorgeschichten ausmacht: die Verschmelzung persönlicher Ängste und Erfahrungen mit der Fiktion, die den Faden aufnimmt und weiterspinnt. Die realen Ängste in die Fantasie abschieben. Stephen King schrieb in ‚Danse Makabre: die Welt des Horrors’, dass Horror in Zeiten realer Angst – in seinem Beispiel Amerika während des Korea und Vietnam Kriegs – immer besonders boomt und eine willkommene Abwechslung ist. Das Schreiben von Horrorgeschichten wirkt bei mir manchmal ähnlich, nur im kleinen Rahmen, auf persönlicher Ebene.Ebenso schreibt King, dass die Angst vor dem Ungewissen, die Größte ist. Lovecraft war ein Meister darin, nur anzudeuten und dem Leser genug platz für seine persönlichen Dämonen und Vorstellungen zu lassen. Unter diesem Gesichtspunkt verhält es sich mit gutem Horror wie mit einem guten Cocktail: sind die Zutaten perfekt aufeinander abgestimmt, ist das Ganze mehr als die Summe seiner Teile und die Wirkung kann sicht voll entfalten.“

Wie wahr: Das Ganze ist mehr, als die Summe seiner Teile und so lebt auch unser „Horror-Cocktail“ von der Vielfalt der enthaltenen Geschichten. Unser Autor Ben Riebel gibt uns den Barkeeper des Morbiden – vielleicht inspiriert von Stephen Kings Lloyd aus ‚Shining’: „Werter Dame, werter Herr, was kann ich Ihnen anbieten? Empfehlung des Hauses ist heute ein Stephen King. Zergeht auf der Zunge. Nein? Wie wäre es mit einem Dean Kootz? Mal etwas anderes? Joe Hill ist recht neu, während Lovecraft an die klassischen Geschmäcker appelliert. Alles schon bekannt? Dann lassen sie mich Ihnen einen Cocktail mixen, der aus bekannten etwas Neues erschafft. Es ist eine Eigenkreation von der ich hoffe, dass sie Ihnen gefällt. Probieren Sie es aus. Sie müssen es sich nur wagen nicht ganz verlassene Burgen und finstere Wälder zu besuchen, sowie sich in die Geheimnisse einer Familie einführen zu lassen.“

Der „Horror-Cocktail“ ist nun – nach „Der schwarze Gott des Wahnsinns“ und „Böse Clowns“ –  meine dritte Anthologie. Sie entstand aus den Einsendungen zu den „Bösen Clowns“, die alle Erwartungen übertroffen hatten.

Da ein guter Teil der eingereichten Geschichten mehr dem Krimi-, als dem Horrorgenre zuzuordnen war, übernahm die damalige Sarturia-Krimiherausgeberin einen Teil der Geschichten für die Anthologien „Humor ist, wenn man trotzdem stirbt“ und „Lachender Tod“. Einige sehr gute Geschichten, die aus unterschiedlichen Gründen nicht für die „Bösen Clowns“ ausgewählt wurden, mussten aber unbedingt ihren Weg zwischen zwei Buchdeckel. Sie waren einfach zu gut, um unberücksichtigt zu bleiben. Und so finden sie die geneigten Leserinnen und Leser, ergänzt um einige weitere lesenswerte Geschichten, nun in dieser Anthologie.

Frederik  Elting, der seinen durch väterliche Gewalt missgestalteten Protagonisten auf eine Horrorreise schickt,  fast es treffend zusammen: „Cocktails und Bücher zeigen einige Parallelen. Je nach Vorliebe wählt man nach einigen Versuchen die Geschmacksrichtung, die man bevorzugt. Mancher mag es süß, der andere scharf oder auch bitter. Dazu kommt dann noch das Talent des Bartenders. Ich mochte stets die bitteren Geschmackstöne des Horrors am liebsten. Der Rausch kann kommen.“

Beschließen wir unseren Streifzug durch die Entstehung unseres Horror-Cocktails mit der Aussage der Autorin Ina-Alexandra Dünkeloh: „Für mich ist Horror die Möglichkeit, tief in die Seele/ Psyche der Menschen zu blicken. Angst, Macht, Lust und Begehren: Ein betörender Cocktail und hoch explosiv. Boom.“

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Ausgenommen ein paar Danksagungen vielleicht. Natürlich gilt mein Dank an dieser Stelle allen beteiligten Autorinnen und Autoren, ohne deren großartige Geschichten – und ihrer unvoreingenommenen Bereitschaft dennoch hart daran zu arbeiten – diese Anthologie gar nicht möglich gewesen wäre.

Meiner Lektorin Iwo, die in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit den Verfasserinnen und Verfassern, das Optimum aus den Storys herausgeholt hat.

Und Florian und Hans Jürgen, die nicht nur zwei tolle Geschichten beigesteuert haben, sondern auch durch ihren unermüdlichen Einsatz das Erscheinen dieses Buches mit gewährleistet haben.

Gruseligen Spaß bei der Lektüre wünscht Euer Herausgeber
Detlef Klewer

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