Janos Teleki: Vergebung!

So sah also das Ende aus. Ein kleiner Hinterhof, in den kein einziger Sonnenstrahl fiel. Doch der helle Stern hatte sein Haupt bereits über den Horizont erhoben. Das erkannte Robert Malada an dem rötlichen Licht über der Ostmauer. Ein schwacher Trost.

Sie hatten sich nicht einmal die Mühe gemacht, eine Henkersbühne zu errichten. Der Verurteilte musste sich auf die feuchte Erde knien. Um ihn standen nur zwei gelangweilte Gefängniswärter, der hämisch grinsende Direktor, der Henker mit dem beeindruckenden Beil und der Priester, der einen dümmlichen Gesichtsausdruck zur Schau trug. So wie meistens.

Wahrlich, jemanden, der vier junge Mädchen auf bestialische Weise ermordet, der die Londoner Polizei mehr als zwei Wochen lang in Atem gehalten hatte, hätte man zu seinem Abgang ehrenvoller behandeln können. Der schwergewichtige Malada war ehrlich enttäuscht.

Zu allem Überfluss musste es ausgerechnet der einfältige Priester sein, mit dem er die letzten Worte in seinem irdischen Dasein wechseln sollte.

„Bereust du deine Tat, mein Sohn?“, fragte der Priester den Knienden. Der vierfache Mörder sah mit treuherzigem Blick auf. „Ich bereue, Vater. Ich bereue von ganzem Herzen.“

Der Kirchendiener erteilte mit gleichgültiger Miene die Absolution. Dann wollte er sich schon abwenden, doch die Neugierde war stärker. Er bat den Henker noch zu warten und richtete eine letzte Frage an den Mörder:

„Sag mir, bevor du deinem Schöpfer gegenüber trittst, wieso hast du diese Morde begangen?“

Dankbarkeit lag in den Augen der Bestie von Westham. Er hatte schon gedacht, der Priester würde nie fragen. Freudig antwortete er ihm:

„Weil ich Vergebung suchte. Aber wie sollte mir Gott vergeben, wenn ich nichts Böses getan habe, Pater? Ich mordete, ich bereute und mir wird vergeben. So ist es doch, Pater, nicht wahr? Ich bin ein guter Christ. Ich fürchte mich nicht vor dem Jüngsten Gericht. Denn Gott ist barmherzig.“

Mit reinem Gewissen legte Robert Malada sein Haupt auf den mit vertrocknetem Blut besprenkelten Pflock.

Janos Teleki ist Absolvent der Sarturia®-Autorenschule und sowohl Autor als auch geprüfter Coach.
Er hilft auf Wunsch hoffnungsvollen Autoren bei der professionellen Überarbeitung ihrer Manuskripte.
 

Dieser Beitrag wurde unter Minigeschichten veröffentlicht. Setzen Sie ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.