DER FRISIERER — Go East — von Dirk Harms

DER FRISIERER — Go East (Beste Geschichte in der Kat­e­gorie Sar­turia sucht das Super­tal­ent)

© 2011 – Dirk Harms

Karl Richard Ish­na aus Hin­ter­wellin­gen hat­te neben einem außergewöhn­lichen Namen auch das eben­so außergewöhn­liche Tal­ent, über­all gut abzuschnei­den. Ish­na sollte daher auch Friseur wer­den, wie schon sein Vater. Aber im Unter­schied zu Wal­ter Ish­na, frisierte Karl Richard nicht nur Men­schen, son­dern auch Autos. Mit lei­den­schaftlich­er Hingabe schraubte er an Motoren herum und tunte alles, was ihm unter den Maulschlüs­sel kam.

Seinem Vater war es jedoch nicht ger­ade ein­er­lei, ob sich sein Sohn nun für Kurbel­wellen oder für Dauer­wellen, für die Autowracks ‘im’ Schup­pen oder für das Sham­poo ‘gegen’ Schup­pen inter­essierte – und so sah der Friseurmeis­ter Wal­ter Ish­na mit bangem Erwarten der Entschei­dung seines Sohnes entgegen.

Als Stepp­ke wusch Karl Richard anfangs nur die Haare, und die Kund­schaft war, durch die Bank, voll des Lobes über den fleißi­gen Sohn des Friseurs. Bald schon kon­nte er erste ein­fache Haarschnitte vornehmen, ohne die Kund­schaft allzu unglück­lich zu machen – sie waren fast immer mit dem Ergeb­nis zufrieden, immer­hin war Karl Richard ja noch ein Junge. Vor Stolz strahlend, nahm er sein Trinkgeld ent­ge­gen und genoss die Anerkennung.

Man schrieb die späten fün­fziger Jahre des let­zten Jahrhun­derts, als Karl Richard sich zum Wohlge­fall­en seines Vaters Wal­ter entsch­ied, in dessen Fußstapfen zu treten – soweit diese trotz der abgeschnit­te­nen Haare am Boden zu sehen waren. Leichter, sich einen Namen als Friseur zu machen, als Auto­mechaniker zu ler­nen und erneut die Schul­bank zu drücken.

Als Karl Richard zu seinem achtzehn­ten Geburt­stag vom stolzen Vater das neue Namenss­child für den Salon über­re­icht bekam – zum Zeichen, dass er nun Ver­ant­wor­tung übernehmen kon­nte und sollte – kam dem nach­den­klich drein­schauen­den K.R. die Auf­schrift dann allerd­ings doch etwas merk­würdig vor. Seine Vor­na­men hat­te der Vater aus Platz­grün­den abkürzen lassen, und so stand da nun:
„SALON HAARE K.R.ISHNA“

Wohl infolge dieser etwas unglück­lichen erscheinen­den Wort­wahl, kam auf Karl Richard eine wahre Dauer­welle zu. Aber sie unter­schied sich von der ihm bekan­nten Dauer­welle: Geheimnisvoll wirk­ende Leute mit Bet­t­lak­en um die Schul­tern und befremdlich wirk­enden Reden besucht­en seinen kleinen Salon, umringten ihn palav­ernd und verneigten sich sog­ar vor ihm. Sie san­gen in merk­würdi­ger Weise den Namen seines Salons und schaut­en mit vor Staunen offe­nen Mün­dern Vater und Sohn beim Frisieren zu.

Wal­ter Ish­na wusste nun nicht so recht, ob diese merk­würdi­gen Leute nicht am Ende doch gefährlich sein mocht­en. Sein Sohn aber kan­nte keine Berührungsäng­ste und ging unbeküm­mert auf sie zu. Geschäft­stüchtig sah Karl Richard in ihnen poten­zielle Kun­den und kon­nte tat­säch­lich einen der Män­ner auf den Frisier­stuhl lock­en. Wun­schgemäß schnitt er ihm eine Glatze und cremte diese hin­ter­her ein, sodass sie glänzte wie eine frisch lack­ierte Motorhaube.

Nun gab es kein Hal­ten mehr für die Übri­gen, alle woll­ten sie ein so glänzen­des Haupt – und Karl Richard musste schließlich den Vater hinzu­bit­ten, um vor Ein­bruch der Dunkel­heit fer­tig zu wer­den. Die neu gewonnenen Kun­den vergöt­terten Karl Richard, bedank­ten sich immer wieder über­schwänglich bei ihm und über­häuften ihn und seinen Vater mit guten Wün­schen, sodass den Bei­den beina­he schwindelig wurde. Immer wieder san­gen sie ihr selt­sam anmu­ten­des Dankeslied über den Friseur­sa­lon: “Haar e K.R. Ish­na, Haar e, Haar e …“

Wal­ter Ish­na fand die Leute mit­tler­weile auch sehr nett, denn sie bracht­en vor allem leicht ver­di­entes Geld in die Kasse. Was sich noch zu steigern schien, als Karl Richard sich im Verkauf von Zusatzartikeln wie Cremes, Lack, Bril­lan­tine und haar­wuchs­fördern­den Mit­telchen zum Meis­ter qualifizierte.

Alles hätte gut sein kön­nen, doch nach dem Mauer­fall im Jahre 1989 bran­nte K.R. mächtig darauf, ein­mal zu schauen, ob er nicht noch mehr solch pflegele­ichter Kun­den für sich gewin­nen kön­nte. Denn, so ganz neben­bei, hat­ten ihm seine Bet­t­lak­enkun­den vom „Fer­nen Osten“ erzählt, aus dem sie alles kom­men wür­den. Das roch nach zusät­zlichen Kun­den, und so machte sich K.R. als mobil­er Land­friseur auf den Weg nach Bran­den­burg. Bran­den­burg lag ja im Osten.

Dort angekom­men staunte er nicht schlecht, denn nicht nur die ver­jün­gen­den Cremes und die angenehm duf­ten­den Wässerchen, nein, sog­ar sein altes, klap­priges Auto wollte man ihm dort abkaufen. Natür­lich hat­te er ein gutes Herz, denn als er hörte, was ein­er der net­ten jun­gen Män­ner bere­it war, ihm für das Auto zu bezahlen, da gab er ihm — völ­lig selb­st­los und uneigen­nützig — einen kosten­losen Haarschnitt oben­drein. Glatze natürlich.

K.R. wit­terte sofort das große Geschäft. Post­wen­dend tauchte er unter und am näch­sten Tag mit dem näch­sten klap­pri­gen Auto aus dem West­en wieder auf. Und tat­säch­lich: Wie ein Lauf­feuer ver­bre­it­ete sich die Kunde von dem tollen Friseur, der tolle Autos verkaufte. Und so war K.R. begeis­tert vom ‘Fer­nen Osten’. Vielle­icht war er sog­ar der erste Monatskartenbe­sitzer für den Nachtzug von Bran­den­burg zurück nach Hinterwellingen.

Nach­dem er so manche Kopfhaut frei- und etliche Karossen tiefer­gelegt hat­te, schaffte er sich vom Erlös eine kleine Werk­statt an, mit Büro und einem Warter­aum, der aus­sah wie ein Friseursalon.

Das war cool. Bran­den­burgs Jungvolk zählte bald schon zum Kun­denkreis des frisieren­den Auto­mechanikers oder des autoverkaufend­en Friseurs – ja, was genau Karl Richard von Beruf war, das erschloss sich den kahlköp­fi­gen Aut­o­fahrern Bran­den­burgs nicht wirk­lich. Aber, obwohl er ihnen oft während des Haarschnei­dens eines sein­er klap­pri­gen Autos verkaufte, oder ihnen während der Motor­wäsche auch gle­ich die passende Kopfwäsche ver­passte, sie standen ser­vice­hun­grig wie sie waren, bald schon wieder bei ihm auf der Matte.

Nun ja, Glatzen­träger sind von Natur aus nette Men­schen, das wusste Karl Richard ja aus Erfahrung, auch wenn sie ihm nicht so offenkundig huldigten oder sich gar ver­beugten wie die Bet­t­lak­en­träger damals in Hin­ter­wellin­gen. Sie hat­ten halt ihre eige­nen Meth­o­d­en: Ihm zu Gefall­en fuhren sie regelmäßig mit ihren Karossen gegen Bäume, sodass ihm sein Einkom­men so sich­er war, wie den Glatzköpfen der näch­ste Haarschnitt.

Die Unfall­rate war jedoch nach einiger Zeit in der Tat erschreck­end hoch, und Karl Richard machte sich bere­its Sor­gen um seine Zukun­ft. Wovon sollte er leben, wenn es kaum noch Män­ner gab, die Autos kauften und Köpfe zum Glatzeschnei­den – oder intak­te Alleen­bäume, gegen die man zur Huldigung fahren konnte?

‚Der kluge Mann baut vor’, hat­te K.R. irgend­wo gehört. Und so begann er zu spenden, was das Zeug hielt: Samen für den einen und Jung­bäume für den anderen Zweck. Leis­ten kon­nte er sich das inzwis­chen, denn seit kurzem prangte ein neues Fir­men­schild über seinem großen Gebäude: „SALON AUTOS + HAARE K.R.ISHNA

Wie es weit­erg­ing, nach­dem die Sek­ten­beauf­tragten den Laden unter die Lupe genom­men hat­ten, das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte …!

Dirk Harms, der Autor dieser humor­vollen Minigeschichte, die Sar­turia hier gerne präsen­tiert, zeich­net sich auch ver­ant­wortlich für das Kinder­buch “Gespen­ster sind nicht Feige, welch­es im Shop des Sar­turia Ver­lag erhältlich ist.

Gespenster sind nicht feige

Dirk Harms ist Autor und PR-Beauf­tragter bei Sar­turia, sowie aktives Mit­glied im gemein­nützi­gen Fördervere­in Sar­turia Autoren­schule e.V. Wir haben die Genehmi­gung, seine Mini-Short-Sto­ry zu publizieren.

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