Friedjoff Jansen — Grabesstille

Ich hat­te noch nie jemand so schnell aus dem Fried­hof ren­nen sehen wie Willem. Man kon­nte meinen, der Teufel wäre hin­ter sein­er armen Seele her. Oder hat­te der Kerl tat­säch­lich seine Seele an den Teufel verkauft?

Nun ja, Willem war unter meinen guten Fre­un­den nicht unbe­d­ingt der allerbeste. Ein naiv­er, anhänglich­er Kerl, wenn, ja, wenn er nicht ger­ade wieder mal sein Mundw­erk zu weit aufriss und sich nicht selb­st und seine Tat­en in den höch­sten Tönen beweihräucherte. Aber ger­ade das tat er freimütig bei jed­er passenden und unpassenden Gelegenheit.

Dass er damit mir und den anderen sein­er Fre­unde gehörig auf den Senkel ging, schien ihn über­haupt nicht zu stören. Mit­nicht­en. Selb­st als wir dem Groß­maul kleinere Lek­tio­nen erteilen woll­ten; schien er es gar nicht erst zu bemerken. Nein, Willem war der Größte, Willem war der Beste, Willem kon­nte alles und es gab nichts, das er nicht fer­tig­brin­gen würde.

Am Stammtisch in der Dor­fkneipe fassten wir deshalb einen makabren Plan. „Wir schick­en ihn am Fre­itag den Dreizehn­ten um Mit­ter­nacht auf den Fried­hof“, äußerte Flo­ri­an, „und dann erschreck­en wir ihn so, dass er das Frack­sausen kriegt.“

Gesagt getan. Wir besorgten uns ein paar weiße Bet­t­lak­en. Für Willem organ­isierten wir eine ein­fache Schürze sowie einen geschärften Spat­en. Er sollte die Blu­men vom Grab des ehe­ma­li­gen Büt­tels auf das Grab der Witwe Wes­solek verpflanzen, just dann, wenn die Kirch­tur­muhr Zwölfe schlug. Was für ein Spaß, wenn wir ihn dabei erschreck­en würden.

„Ich“, behauptete das Groß­maul, „habe vor gar nichts Angst. Ihr Leimtröten habt den Kas­ten Pils schon jet­zt verloren!“

Am Fried­hof war es stock­duster. Wir hat­ten Neu­mond. Die Glocke am Rathaus schlug schon dreimal an; unserem Helden blieb also nicht mehr viel Zeit. Doch in let­zter Minute tauchte Willem auf. „Und?“, erkundigte er sich grin­send. „Wo ist der Spat­en? Wo ist die Schürze?“

Wir händigten ihm bei­des aus, und er band sich die Schürze um, hob den Spat­en und ging leise vor sich hin pfeifend durchs Tor.

„Jet­zt aber rasch“, flüsterte Fitze. „Na, der wird was erleben …!

Eilig verteilte er die Bet­t­lak­en, und wir war­fen sie uns über. Und da schlug es auch schon Zwölfe.

Mit­ter­nacht!

Geis­ter­stunde!

Uns war sel­ber unheim­lich zumute. Leise schlichen wir durchs Tor und zwis­chen den Gräbern hin­durch. Auch wenn uns mul­mig war,  wir mussten mit unser­er Show begin­nen, sobald der let­zte Glock­en­schlag verk­lun­gen war. Gewis­senhaft zählten wir die Schläge mit; Acht, neun, zehn …! Weit­er kamen wir nicht. Denn noch ehe die let­zten bei­den Schläge verk­lun­gen waren, erhob sich ein Geschrei auf dem Fried­hof, so als würde jemand auf der Stelle geschlachtet. Husch: Der Schemen eines Mannes sauste an uns vor­bei. Willem, kein Zweifel.

Aber was war ihm denn passiert?

Im Licht unser­er Taschen­lampe fan­den wir nur die Schürze auf dem Grab des Büt­tels. Der scharfe Spat­en stak darin. Willem hat­te sich und seine Schürze wohl sel­ber aufge­spießt. Dabei hat­te er sich den Fet­zen wohl beim Davon­ren­nen vom Leib geris­sen. Tja, der arme Kerl musste sich wohl ganz furcht­bar erschrock­en haben.

Aber warum denn bloß?

Erst ein paar Tage später kam unser Opfer wieder zum Stammtisch. Ein wenig dus war Willem schon; die Sache musste ihm ordentlich zuge­set­zt haben. Aber erst nach dem drit­ten Pils gelang es uns, die Wahrheit aus ihm her­auszuk­itzeln: „Stellt euch nur vor“, berichtete er, „ich hat­te den Spat­en in der Hand und sagte ger­ade zu dem alten Büt­tel: ‚Schade, Mann! Jet­zt kannst du dich gar nicht mehr wehren, wenn ich dir die Blu­men klaue’. Aber wie ich den Spat­en in die Erde stoße, da greift dieses ver­mod­erte Knochengestell doch aus dem Sarg und reißt mir die Schürze vom Leib. Und da bin ich natür­lich schreiend davongerannt.“

Er hat­te sich also sel­ber aufge­spießt, was ihm hof­fentlich einen lehrre­ichen Schock ver­set­zt hat­te. Aber Pustekuchen: Schon ein paar Tage später riss Willem das Maul erneut so weit auf, dass ein Ele­fant hineingepasst hätte, und er tat dabei, als wäre nichts gewesen.

Frid­joff Janssen inter­essiert sich für die Dien­stleis­tun­gen des Fördervere­in Sar­turia Autoren­schule e.V. Wir haben die Genehmi­gung, seine Mini-Short-Sto­ry zu publizieren.

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