Jurek P.: Furcht

Sie kön­nen mich nicht sehen, zum Glück nicht. Ich sie schon. Und ich beobachte sie genau aus meinem Ver­steck, die drei Män­ner und zwei Mäd­chen auf dem Mark­t­platz. Die Sonne ste­ht hoch und schüt­tet den Som­mer über ihnen aus.

Mir wird beileibe nicht warm, ich habe Furcht vor denen.

Die fünf sind schon ein biss­chen angetrunk­en an diesem Nach­mit­tag, haben Bier­dosen dabei, rauchen, geben sich lock­er, fröh­lich. Ich kenne sie. Und sie ken­nen mich und ich weiß, dass sie mich nicht mögen, deshalb bleibe ich bess­er unsicht­bar, auch wenn ich mich dadurch vor­erst nicht weg­be­we­gen kann. Bin gefan­gen in meinem Versteck.

Ängstlich.
Feige?
Ja, das auch.

Zwei der Män­ner haben rasierte Köpfe, auf­fäl­lige Tätowierun­gen alle drei, Pierc­ings. Eins der Mäd­chen genau so, sie passt zu den Jungs. Sie trägt kurze Shorts und ein knappes und gut gefülltes Oberteil. Lacht, raucht, trinkt mit den anderen, nimmt auch Anzüglichkeit­en der Män­ner hin.

Das andere Mäd­chen, im grü­nen Som­merkleid, ein Engelchen, scheint nicht recht in diese Runde zu gehören. Sie ver­sucht, wie ver­schüchtert, sich den Annäherungsver­suchen des größeren der bei­den Glatzen wider­set­zen zu wollen. Der zeigt sich davon unbeein­druckt, tatscht sie an. Han­no heißt der, ich kenne ihn, seit der Grund­schule schon, wir waren sog­ar Fre­unde damals, als alle Kinder noch gle­ich waren, oder doch jeden­falls ähn­lich. Vor­bei. Lange her. Ich has­se ihn. Und er mich, allein schon sein­er jet­zi­gen Gesin­nung wegen.

Wut und Feigheit. Ich würde am lieb­sten auf ihn zustür­men, ihn umschmeißen, ihm die fiese Fresse polieren, aber das wäre Wahnsinn. Er ist ein großer, schw­er­er Kerl, seine Kumpels sind bei ihm und sie sind gewalt­tätig, alle drei, Springer­stiefel, Schla­gringe dabei, ich weiß das. Keine Chance für mich.

Kalte Wut und läh­mende Feigheit und er lässt natür­lich nicht lock­er und bedrängt das Mäd­chen weit­er. Die anderen haben ihren Spaß, lachen. Komm schon, hab dich nicht so, Engelchen! Ihr wird das inzwis­chen zu dumm, sie will da jet­zt weg. Aber Han­no lässt sie nicht. Und die anderen lachen.

Mein Engelchen. Das Mäd­chen, in das ich ver­liebt bin, ganz lange schon. Aber sie weiß davon nichts, ich traue mich nicht, sie zu fra­gen. Traue mich gar nicht in ihre Nähe, ich würde wohl auch gar nicht zu ihr passen, denke ich. Manch­mal folge ich ihr heim­lich, verzehre mich, lei­de und genieße doch das Einen­gende in der Brust, die Erre­gung, wenn ich sie sehe. Mein Engelchen!

Jet­zt hat Han­no sie am Ober­arm gepackt, wird grob, sie wird einen bösen blauen Fleck auf ihrer hellen Haut davon­tra­gen. Dieser Grob­sack! Und ich hocke in meinem Ver­steck, will auf­sprin­gen, die Beine zuck­en, aber es geht nicht, es wäre Wahnsinn.

Das Handy, die Polizei rufen! Aber weswe­gen denn? Blauer Fleck auf dem Ober­arm? Lächerlich!

Freilich wenn ich dort hin­stürme, das wäre dann mit Sicher­heit etwas für die Polizei.

Es zer­reißt mich schi­er, ich will, ich muss raus aus meinem Ver­steck, hin­stür­men, ein­greifen. Aber vorher die Polizei rufen: Hal­lo! Hil­fe! Da sind drei Rechte im Begriff, einen Mann tot zu prügeln. Drei Schläger­typen, die dabei sind, einen jun­gen Mann bru­tal zusam­men zu schla­gen, seine dun­kle Haut in das Straßenpflaster zu treten.

Drei Nazis gegen einen Schwarzen.

Jurek Laet­zsch ist reg­uläres Mit­glied im Autoren­fo­rum Sar­turia. Er hat bere­its seine Ein­willi­gung dafür bekun­det, hoff­nungsvoll auf­streben­den Autoren hil­fre­ich unter die Arme zu grefen.
 
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