Making of — Aus dem Dunkeln

Hor­ror und Mys­tery sind eigentlich zwei unter­schiedliche Sparten. Der Buchau­tor Simon Heis­er hat es jedoch gewagt, sie geschickt zu ver­mis­chen. Her­aus­gekom­men ist dabei ein span­nen­der Roman, der auch Kri­tik­ern gut gefällt.

Simon Heis­er erzählt:
Der Roman “Aus dem Dunkeln” ist ganz klar inspiri­ert von lit­er­arischen Werken wie »Die Affenpfote« von William Wymark Jacobs, oder Fil­men wie Roland Emmerichs »Joey«.

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Der Titel (wom­öglich mein aller­schwierig­ster Kampf während der Arbeit an der Erzäh­lung!) soll gle­ichzeit­ig den schw­eren Weg des Pro­tag­o­nis­ten ver­mit­teln, als auch die Herkun­ft seines Gegen­spiel­ers eben ein klein wenig »im Dunkeln« lassen. Ich spiele momen­tan stark mit der Über­legung, irgend­wann eine Art Spin-Off zu erstellen, welch­es die frühe Geschichte Curopais näher beleuchtet.

In allen Werken, die mich inspiri­erten, spie­len Gegen­stände oder Mächte eine Rolle, die dem Helden über­natür­liche Kräfte ver­lei­hen. Damit es über­haupt zu einem Inter­esse an solchen Kräften kommt, muss ein vor­ange­gan­gener Schick­salss­chlag als Katalysator dienen, der die ganze Mis­ere in Gang bringt. Und eine Mis­ere kann es nur sein, son­st wäre es keine Hor­ror­lit­er­atur; die Urhe­ber der geheimnisvollen Mächte han­deln stets aus eigen­em Inter­esse her­aus und lassen sich ihre Unter­stützung einiges kosten. Bis hin zur Seele des Hauptcharakters.

Lit­er­atur, und sei sie noch so fan­tastisch, hat meist einen Bezug zum realen Leben. Ich zum Beispiel finde es höchst inter­es­sant, wie Men­schen aus ihren Fehlern ler­nen kön­nen. Eine kurzzeit­ige Verzwei­flung oder Blind­heit lässt sie Pak­te mit höheren (bösen) Mächt­en einge­hen, was sie aber nicht lange darauf meist bereuen. Geläutert set­zen sie bald darauf alles daran, diesen Fehler wieder auszumerzen. Kurz­schlussentschei­dun­gen sym­bol­isieren unsere Abhängigkeit von über­mächti­gen Gewal­ten, sei es in ein­er Geschichte oder im echt­en Leben. Wer hat nicht ein­mal zu kon­tro­ver­sen Maß­nah­men gegrif­f­en, als eine drastis­che Sit­u­a­tion dies ver­langte? So denke ich, dass mein The­ma krass aus dem Vollen des wirk­lichen Lebens schöpft – der Wieder­erken­nungswert für den Leser ist mein­er Mei­n­ung nach immens.

Ich wollte eine Erzäh­lung schaf­fen, die eine solche men­schliche Hand­lung zum Mit­telpunkt hat. Weil sie uns vor Augen führt, dass jed­er Fehler machen kann. Wie man jedoch mit den Kon­se­quen­zen dieser Fehler umge­ht, zeigt, aus welchem Holz man geschnitzt ist.

Reue und Ver­ant­wor­tung sind eben­falls bedeu­tende The­men meines Buch­es. Ich will aufzeigen, dass man sich selb­st aus tiefen Löch­ern wieder her­ausziehen kann, dass man Kräfte entwick­eln kann, von denen man nichts auch nur ahnte. Von daher ist die Sto­ry dur­chaus pos­i­tiv zu ver­ste­hen, auch wenn man sie dem Hor­ror-Genre zuordnet.

Natür­lich sind diese Inter­pre­ta­tio­nen recht hochgestochen, und wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, ob ich all dies von Anfang an vorhat­te. Let­ztlich soll ein Buch Spaß machen und unter­hal­ten. Wahrschein­lich war dies meine allererste Moti­va­tion. Ich suchte mir ein The­ma, das ich selb­st faszinierend finde. In diesem Fall »Was würde ich tun, wenn ich mir etwas wün­schen dürfte« und »was wäre, wenn diese Wün­sche aber einen bösen Urhe­ber hät­ten?«. Und dann über­legte ich, wie ich das möglichst atmo­sphärisch und gruselig rüber­brin­gen kön­nte. Denn ich will ja auch selb­st am Schreiben Spaß haben. Wenn wir nur noch für bes­timmte Trends oder Vor­gaben schreiben, sind wir endgültig im grauen Main­stream angekommen.

Vor allen philosophis­chen Über­legun­gen stand also ein­fach die Lust, ein bes­timmtes The­ma zu ver­ar­beit­en. Ein­fach so.

Dass dann später die Ein­flüsse meines sich dauernd verän­dern­den Lebens eben­falls mit ver­ar­beit­et wer­den kon­nten, war ein pos­i­tiv­er Neben­ef­fekt. Ich machte viele Fehler, im Leben und in der Geschichte. Diese auszumerzen, aus der Not eine Tugend zu machen, erweit­erte meinen Hor­i­zont und ließ mich erwach­sen werden.

Dass der Pro­tag­o­nist Paul eben­falls Fehler macht und let­z­tendlich daran wächst, kann man wieder dur­chaus als Spiegel meines eige­nen Daseins ver­ste­hen. Obwohl (Gott sei Dank) meine eigene Mut­ter nach wie vor wohlauf ist!

Auch wenn ich mich immer wieder zu nöti­gen ver­suche, bin ich irgend­wie ein­fach kein  Schrift­steller, der nach einem fes­ten Skript arbeit­et. Ich habe kein streng durch­struk­turi­ertes Drehbuch, das im Detail von Anfang bis Ende alle Szenen der kom­menden Geschichte aufweist. Vielmehr ste­ht als Inspi­ra­tion bei mir zu Beginn meist nur ein einziger Impuls. Ein Gedanke, um den sich dann schnell weit­ere Gedanken zu drehen begin­nen, aus­gelöst durch irgen­dein Erleb­nis, ein Gespräch oder einen länger gehegten Traum.

Während der Gedanken-Stern geboren wird und langsam Form annimmt, um kurz eine Meta­pher aus der Astronomie zu wagen, fer­tige ich Noti­zen an, welche die Wiege für weit­ere Szenen wer­den. Was kön­nte im aus­gedacht­en Szenario gut funk­tion­ieren, welche bes­timmte Szene wäre cool und wom­öglich sog­ar bish­er noch nicht dagewe­sen? Manch­mal fall­en mir tat­säch­lich gle­ich Namen für Charak­tere und Orte ein, manch­mal passiert das erst während des Schreibens oder ganz zum Schluss.

Um dieses vage Kon­strukt beginne ich dann zu schreiben. Am lieb­sten von Anfang an, beim »Sprin­gen« zwis­chen zeitlichen Hand­lungsebe­nen komme ich durcheinander.

Die Noti­zen wer­den mehr und mehr, und langsam entste­ht dann sog­ar wirk­lich eine Art Skript, an dem ich mich ori­en­tiere. Aber alles erst, nach­dem die Grundpfeil­er im Kopf bere­its Gestalt angenom­men haben.

Worauf ich mich immer beson­ders freue, sind die Dialoge. Ich glaube, dass lebendi­ge Dialoge etwas sind, dass mir mit am besten liegt. Daher schreibe ich sie auch beson­ders gerne. Vielle­icht sollte ich mich ein­mal an einem The­ater­stück ver­suchen; die wer­den ja meist von den sprechen­den Per­so­n­en getra­gen. Idee ist notiert …

Ich habe schon einige Gen­res aus­pro­biert, doch bei “Aus dem Dunkeln” war eigentlich von Anfang an klar, dass es Hor­ror wer­den sollte. Diese eine Gat­tung liegt mir mit eins, zwei weit­eren ein­fach am besten. Manch­es habe ich ver­sucht und schnell wieder ver­wor­fen – ich kön­nte zum Beispiel nie einen Krim­i­nal­ro­man schreiben, mit all der Foren­sik und den ver­wor­re­nen Hand­lungsebe­nen der Polizeiar­beit, die bei einem guten Kri­mi-Autor total flüs­sig ineinan­der greifen. Respekt an dieser Stelle an die Kol­le­gen aus dieser Sparte.

Meine Pro­tag­o­nis­ten sind bevorzugt Kinder. Ich kenne das von vie­len tollen Autoren wie Joe R. Lans­dale oder Stephen King, um nur zwei zu nen­nen. Kinder weck­en beim Leser den Beschützerin­stinkt und sind oft ein­fach sym­pa­thisch. Ihre Wahrnehmung lässt viel Fan­tastis­ches zu, wozu Erwach­sene meist schon zu abgek­lärt sind (Paul und Ker­stin hat­ten ja echt auch genug Mühe, Anni­ka zu überzeu­gen …). Ich liebe bei Kindern ihre Affinität zu Über­natür­lichem. Durch sie als Hand­lungsträger wirken die Geis­ter- oder Gruse­lele­mente immer noch ein Stückchen authen­tis­ch­er, finde ich.

Was mich zu mein­er Lieblings­fig­ur von “Aus dem Dunkeln” bringt: Ker­stin. Sie ist die Summe (und etwas mehr) aus den besten Eigen­schaften wirk­lich stark­er Frauen­per­sön­lichkeit­en aus meinem eige­nen Fre­un­deskreis. Ein­er­seits ver­let­zlich, sodass man sie in den Arm nehmen will, ander­er­seits tapfer und wirk­lich schlagfer­tig. Ein Mäd­chen, mit dem man – so abge­droschen dieser Spruch ist – Pferde stehlen kann.

Ich weiß nicht mehr, wie Ker­stin genau ent­stand. Vielle­icht anfangs nur als Stütze für Paul und als Möglichkeit, junge Liebe zu brin­gen – ein The­ma, das mir eben­falls gut liegt. Doch schnell steck­te ich viel Herzblut in die Fig­ur, gab ihr einen eige­nen Hin­ter­grund und eine Stärke, die dem Pro­tag­o­nis­ten selb­st manch­mal ein­fach abge­ht. Ich hätte gerne noch mehr Szenen mit Ker­stin geschrieben, doch ich wollte auch den Fokus nicht zu sehr auf sie leg­en. Den­noch ist sie das typ­is­che Beispiel für eine sich verselb­st­ständi­gende Sache in einem Manuskript: Ehe sich´s der Autor ver­sieht, dreht sich viel mehr um diesen Charak­ter, als er ursprünglich geplant hatte.

Natür­lich mag ich auch die anderen Fig­uren. Ger­ade bei Pauls Vater wurmt es mich ein klein wenig, dass ich nicht noch weit­er auf ihn einge­gan­gen bin. Er wuchs mir näm­lich auch ans Herz, wie er so vom Gries­gram zum Helden wird. Er hat Paul let­ztlich doch weit mehr gegeben, als man anfangs gedacht hätte.

Ins­ge­samt war der Entste­hung­sprozess von “Aus dem Dunkeln” lang­wierig und voller krum­mer Wege.

Das lag nicht zulet­zt daran, dass auch meine eigene (schreiberische) Entwick­lung so fest damit ver­woben ist. Während das Manuskript ent­stand, zog ich mit mein­er Part­ner­in zusam­men und verän­derte mich per­sön­lich eben­falls drastisch – nicht nur beru­flich. Ich arbeite im sozialen Bere­ich und betreue Kinder. Zu dieser Zeit durfte ich einen neuen Beruf­szweig für mich ent­deck­en und in einem Bren­npunkt meine Gren­zen ausloten.

In der­sel­ben Epoche – ich habe vergessen, ob davor oder danach – schrieb ich beina­he gle­ichzeit­ig an mein­er Hom­mage an H.P. Love­craft »Der Fall Scheib«. Dif­fizil an diesen fast par­al­lel ablaufend­en Prozessen war, dass jedes Werk einen vol­lkom­men anderen Stil erforderte. Während bei der Vernei­gung vor dem »Her­rn der Weird Fic­tion« meine Vor­liebe für fremd­wort­ge­spick­te, ellen­lange Schach­tel­sätze aus­gelebt wer­den kon­nte, brauchte es für “Aus dem Dunkeln” eher einen schnelleren, flüs­sigeren Satzbau. Mehr dazu gleich.

“Aus dem Dunkeln” wurde begleit­et von ein­er immensen Verbesserung mein­er Fähigkeit­en als Autor, die ich tat­säch­lich zu vie­len Teilen dem gemein­nützi­gen Fördervere­in Sar­turia® Autoren­schule e.V. zu ver­danken habe, obwohl ich auch Kurzgeschicht­en in exter­nen Antholo­gien veröf­fentlichte und dort Feed­back bekam.

Diese ansteigen­den Fähigkeit­en bracht­en immer wieder neue Per­spek­tiv­en mit sich, sodass ich mit jedem Blick auf das wach­sende Manuskript kri­tis­ch­er wurde. Selb­st nach­dem die Rohfas­sung lange fer­tig gestellt war, wurde sie (tat­säch­lich bis zulet­zt!) immer wieder Neugestal­tun­gen unterzogen.

Bis ich wirk­lich meine geistige Arbeit so von mir abzun­abeln in der Lage war, bis ich sie ruhi­gen Gewis­sens auf die Reise schick­en kon­nte, erlebte ich so manche Phase der Sorge und Unsicher­heit. Erst in der aller­let­zten Woche ein­er jahre­lan­gen Entste­hungs­geschichte, war ich mir sich­er, dass das Werk so weit geschlif­f­en und verbessert war, dass man sie auf die Leser loslassen konnte.

Es ist faszinierend, wie sehr man während dieses Prozess­es immer wieder auf neue Aspek­te stößt, die man am Anfang als gut befun­den hat, später jedoch beina­he gar nicht mehr als Teil der eige­nen Arbeit erken­nen kann oder will. Man verän­dert sich stets dynamisch, und dabei ist es sehr schw­er, ein Werk irgend­wann als »wirk­lich vol­len­det« zu beze­ich­nen. Ich denke, das Beste ist ein­fach, es dann wegzugeben zur Her­aus­gabe, sobald man ein­mal sich­er ist, es aktuell nicht fein­er schleifen zu können.

Meine Geschichte ist zum Zeit­punkt der endgülti­gen Abgabe so weit »vol­len­det«, wie es in meinem Meti­er irgend möglich ist. Sowohl zeit­gemäß, als auch meine Möglichkeit­en betr­e­f­fend. Ich denke, dass ich es geschafft habe, das Set­ting und die Charak­tere lebendig wer­den zu lassen. Und erst am Schluss habe ich — der gerne zu ein­er ver­schachtel­ten und kom­plex­en Sprache neigt — es geschafft, den Lese­fluss so geschmei­dig wie möglich zu gestal­ten. Ich hoffe, dass die Sto­ry für möglichst viele Leser zum Vergnü­gen wird.

Zulet­zt noch etwas über drama­tis­che Wen­dun­gen: Viele mod­erne Fernsehse­rien haben die uner­wartete Wen­dung per­fek­tion­iert, doch »Das Lied von Eis und Feuer (Game of Thrones)« treibt es auf die Spitze. Super umge­set­zt, keine Frage. Doch manch­mal wirken die vie­len Wen­dun­gen dann durch ihre schiere Über­be­las­tung doch etwas arg aufgesetzt.

Das soll nicht heißen, dass ich für mich nach ein­er Ausrede suche. Nein, ich geste­he stattdessen, dass ich ein­fach kein großer Erfind­er von Wen­dun­gen bin. Das mag man meinen Werken oft­mals anmerken, manch ein­er mag es sog­ar kri­tisieren. Ist in Ord­nung. Ich bin der Mei­n­ung, dass eine solide erzählte Geschichte eben­falls span­nend genug sein kann. David Gem­mell hat es immer wieder bewiesen. Lieber erzäh­le ich hand­fest und stecke meine Kraft in gute Szenen, als dass ich immer die Augen nach der näch­sten Wen­dung offen halte.

Das soll nicht heißen, dass ich bei der näch­sten Geschichte nicht vielle­icht ver­suche, den Leser etwas mehr an der Nase herumzuführen. Wom­öglich sind Sie ja auch wieder darunter. Und wom­öglich sind wir dann bei­de über­rascht von der uner­warteten Wen­dung, die die Sto­ry nimmt …

Simon Heis­er

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