Making of — Bestiarium

Mon­ster, Mythen, Ungeheuer
Mak­ing of „Bes­tiar­i­um“

Unheim­liche Begeg­nun­gen mit mys­tis­chen und mythis­chen Geschöpfen beflügeln die Fan­tasie der Men­schen schon seit Jahrtausenden.

Berichte von furchter­re­gen­den Mon­stern, Unge­heuern der Urzeit, mon­strösen Mis­chwe­sen, grausi­gen Gestalt­wan­dlern oder geheimnisvollen Tier­men­schen faszinieren bis in die heutige Zeit.

Was also lag näher eine Geschicht­en­samm­lung zu ini­ti­ieren, die sich mit son­der­baren Men­sch-Tier-Meta­mor­pho­sen, schau­ri­gen Krea­turen und archäol­o­gis­chen Anom­alien beschäftigt. Die Idee, diesen unheim­lichen Wesen eine eigene Antholo­gie zu wid­men, war geboren. Bei der Suche nach einem passenden Titel wurde ich rasch fündig, den bere­its im 1.Jahrhundert n.Chr. gab es  den „Wiener Codex – Mate­ria med­ica“ in dem der Autor Dioskurides die ver­mut­lich erste Abbil­dung eines Basilisken präsen­tierte. „Bes­tiarien“ nan­nte man die wis­senschaftlichen Werke später, in denen bekan­nte Tiere gle­ich­berechtigt neben Wesen aufge­führt wur­den, die man heute ins Reich der Fan­tasie ver­ban­nt hat.

„Die Bes­tiarien waren die Ver­suche der Men­schen der Antike und des Mit­te­lal­ters ihre Umwelt zu erfassen. Wur­den in jene Wesen aufgenom­men, von denen wir heute wis­sen, dass sie einzig ins Reich der Phan­tasie gehören, sollte es unsere Achtung vor jenen Bemühun­gen nicht schmälern. Aber ist die Auf­nahme von Drachen und Ein­hörn­ern, Greifen und Basi­liken und vie­len mehr wirk­lich ein Fehler, oder haben diese Wesen auf Grund ihres Ein­flusses auf Gen­er­a­tio­nen von Men­schen ‑ihren Vorstel­lun­gen und Träu­men- ihren Platz in den Bes­tiarien nicht mehr als ver­di­ent?“, schreibt unser Autor Tim Pol­lock, der sich in sein­er Geschichte der geflügel­ten Harpyie annimmt. „Wie die bere­its genan­nten Wesen, hat auch die Harpyie einen Platz in unser­er Geis­teswelt. Der Kern ihrer Anziehungskraft und der Grund warum ich ihr meine Geschichte gewid­met habe, ist für mich ihre per­fek­te Ver­schmelzung von Men­sch und Tier. Wie groß ist die Frei­heit, die ihr ihre Schwin­gen bieten? Wie groß ihr Zorn, dass Zeus sie zum Voll­streck­er seines Wil­lens machte? Vor meinem geisti­gen Auge sehe ich ein Wesen dessen Anmut und Wild­heit mich gefan­gen nimmt und ich hoffe diesem Bild mit mein­er Geschichte gerecht zu werden.“

In der Neuzeit sind es die oft belächel­ten Kryp­to­zo­olo­gen, die den Fabel­we­sen mit wis­senschaftlich­er Akri­bie zu Leibe rück­en und nach Beweisen für deren Exis­tenz suchen. Dabei geht es um Wesen wie Nessie, den Big Foot, den Yeti oder auch den Chu­pacabra, der wiederum Inspi­ra­tionsquelle für den „Scher­ben­mann“ war, den Johannes Kratzer ver­fasst hat. „Selt­same Bestien und Mon­ster faszinieren mich seit ich denken kann. Als Kind hegte ich zum Beispiel den Ver­dacht, dass im Dachgeschoss eines ver­fal­l­enen Haus­es in unser­er Straße ein schauer­lich­es Etwas lebte. Beson­ders sus­pekt erschien mir auch der nahe Wald und all die Dinge, die bei Nacht möglicher­weise aus seinen Tiefen gekrochen kamen und sich in die Welt der Men­schen wagten.

In mein­er Jugendzeit stieß ich dann auf die Aus­gabe ein­er Zeitschrift, die ganz dem The­ma Kryp­ti­den gewid­met war – Geschöpfen, die ange­blich in ein­sam gele­ge­nen Land­strichen oder den Tiefen des Meeres leben. Auch wenn die Quel­len­lage jen­er Artikel ver­mut­lich eher frag­würdig war, erin­nere ich mich gerne an das wohlige Schaud­ern, dass mir dieses Bes­tiar­i­um bereitete.

Eine ordentliche Por­tion Gänse­haut ver­danke ich auch dem Chu­pacabra, schließlich hin­ter­ließ dieses Wesen nicht die üblichen ver­wis­cht­en und undeut­lichen Fußab­drücke, son­dern gle­ich rei­hen­weise leerge­saugte Tierka­dav­er. Das ominöse Treiben dieses ‚Ziegen­saugers’ diente auch als Vor­bild für meine Geschichte.“

Zu Beginn der 90er Jahre fand der amerikanis­che Hob­b­yarchäologe Frank Pry­or ein Skelett, das sich jed­er Klas­si­fizierung wider­set­zte und daher auch mit dem Chu­pacabra in Verbindung gebracht wurde.

Was aber fasziniert Men­schen der­art, dass sie sich für Feld­forschung sog­ar in die abgele­gen­sten Gegen­den der Welt wie den Himalaya begeben und dabei bisweilen ihr Leben riskieren?  Nur um von ihren Mit­men­schen aus­gelacht zu werde, wenn sie erneut keinen Beweis für die Exis­tenz des Yeti find­en konnten?

Das Wieder­au­fleben des Aben­teur­ertums aus ver­gan­genen Jahrhun­derten oder die Furcht in ein­er Welt leben zu müssen, die alles erk­lärt hat? In der es keine Geheimnisse mehr gibt?

Tino Falke begleit­et einen dieser Aben­teur­er auf sein­er Suche in den Dschun­gel: „Ein­er der wichtig­sten Aspek­te des Gen­res ist natür­lich eine bek­lem­mende Atmo­sphäre, die den Leser schon vor dem Auf­tauchen irgendwelch­er Unge­heuer darauf ein­stimmt, dass nicht alles mit recht­en Din­gen zuge­ht. Meine Geschichte führt den Leser in den tro­pis­chen Urwald Südamerikas, schon ohne Hor­ror-Ele­mente eine frem­dar­tige, unkon­trol­lier­bare Umge­bung, weit weg von allem Bekan­nten, das einem Sicher­heit geben kön­nte. Dazu kom­men das ungewöhn­liche Ver­hal­ten der Tiere dort, ein nicht unbe­d­ingt objek­tiv­er Erzäh­ler und die Ungewis­sheit, ob es sich beim Grauen im Dschun­gel um ein nor­males Raubti­er han­delt oder doch um eine Krea­tur, die eines Bes­tiar­i­ums würdig wäre.

Aus­ge­hend von diesen Gedanken ent­stand ein Text über Fressen und Gefressen­wer­den, den Kon­flikt zwis­chen Jung und Alt (bzw. Uralt), das Mon­ströse im Men­schen und Men­schen, die gern in Mon­stern wären. Denn so faszinierend fan­tastis­che Wesen auch sind, für das wahrhaft Unge­heure sind meis­tens doch wir selb­st verantwortlich.“

Neben dem Dschun­gel, den Eiswüsten oder ver­sunke­nen Kön­i­gre­ichen, sind auch Höhlen voller Geheimnisse und selt­samer Krea­turen, die sich dort ver­ber­gen. Dort fand unser Autor Flo­ri­an Krenn seine Bestie.

„Die Idee über ein Wesen in den Bergen oder Höhlen zu schreiben, beschäftigte mich schon länger. Der Auss­chrei­bung­s­text für das Bes­tiar­i­um passte dem­nach wie die Faust aufs Auge! Aber welch­es Biest sollte es wer­den? Auf der einen Seite sollte es ein bekan­ntes Wesen sein, auf der anderen Seite aber nicht zu ‚Main­stream‘ um nicht den fün­ften Beitrag zu einem Geschöpf beizus­teuern, son­dern die Palette zu erweit­ern. Ide­al­er­weise sollte es in den Alpen behei­matet und Sagen darüber bekan­nt sein.

Nach langem Herum­rät­seln erin­nerte ich mich an ein Buch aus mein­er Kind­heit, das ich auch an dieser Stelle empfehlen möchte: „Der Schatz im Ötsch­er“. Es geht – wie nicht schw­er zu errat­en ist – um einen Schatz, den es tief in den Ötscher­höhlen geben soll. Das Ganze ist als Spiel­buch aufge­baut, bei dem man – je nach­dem wie man sich entschei­det – wo anders weit­er­lesen muss. Dabei kon­nte man je nach Ver­lauf einem Basilisken begegnen.

Nach­dem es auch Höh­len­sagen von Basilisken im Ötsch­er gibt, war meine Suche been­det. Nun ging es mit der Recherche los: Was genau ist bekan­nt? Gibt es Höh­lenkarten und wie ist die Höh­le aufge­baut? Vok­ab­u­lar, ver­wen­dete Aus­rüs­tung, etc. mussten noch erar­beit­et wer­den. Zum Glück ließen sich zahlre­iche Seit­en von Höh­len­forsch­ern und Ver­bän­den find­en und vere­inzelt Kartenmaterial.

Nach dem Wis­sensauf­bau ging es ans Schreiben. Beim Kor­rek­turlesen ist es dann wichtig, das Fach­liche zu Gun­sten der Les­barkeit wieder zu reduzieren. Man prahlt ja (ger­ade wenn man sich viel mit einem The­ma beschäftigt) gern mit dem was man weiß. Meist wird es dann zu viel des Guten — Es soll ja eine Kurzgeschichte und kein Auf­satz zum The­ma Höh­lenkunde werden.“

Auch bei Flo­ri­an Krenn spielt die Furcht vor dem Unbekan­nten eine nicht uner­he­bliche Rolle – und dem Umgang damit. „Furcht ist so alt wie die Welt“, heißt es. Die Autorin Julia Lehn stellt sich dieser Frage: „Wovor fürcht­en wir uns? Diese Frage ist ver­mut­lich so alt wie die Men­schheit selb­st – und doch wird sie ver­mut­lich jed­er anders beant­worten. Dunkel­heit, Höhe und das Unbekan­nte an sich ste­hen in der Regel sehr weit oben auf den Lis­ten. Alles gern bemühte Hor­ror-Stoffe. Doch es gibt noch ein weit­eres Ele­ment, welch­es sich bere­its in den früh­esten Leg­en­den find­et und bis heute seine Fasz­i­na­tion nicht ver­loren hat: das Ver­schmelzen von Men­sch und Tier. Ob dies nun Krea­turen sind, die zwis­chen bei­den Gestal­ten wech­seln kön­nen – bisweilen sog­ar müssen –, oder ob es sich um unheim­liche Mis­chwe­sen han­delt, die entwed­er als Chimären die Welt durchziehen oder um Bestien mit men­schlichem Ver­stand, macht in den Mythen meist keinen großen Unter­schied. Stets stellen sie für die Men­schen eine beson­dere Gefahr dar, die häu­fig nur von Helden geban­nt wer­den kann.

Aber was ist es, das uns solche Schauer über den Rück­en laufen lässt, wenn wir an diese Krea­turen denken? Wahrschein­lich ist es nicht der Glaube, dass hin­ter der näch­sten Ecke das hun­grige Ergeb­nis eines miss­glück­ten Alchemie­ex­per­i­ments auf uns wartet. Ich denke, dass die Geschicht­en von Wer­wölfen, Vam­piren, men­schen­ver­schlin­gen­den Sphin­x­en und stierköp­fi­gen Men­schen eine viel ele­mentarere Angst in uns ansprechen: das Tierische, Unberechen­bare in uns, das tief in den Genen der Men­schheit schlum­mert. Bere­its die antike Mytholo­gie lehrt, dass die besagten Unge­heuer nicht grund­los entste­hen. Sie sind häu­fig das Resul­tat von men­schlichen Ver­fehlun­gen wie Gier, Rache oder Eifer­sucht. Deshalb habe ich mich für den Mino­tau­rus als „Bestie“ in mein­er Geschichte entsch­ieden – seine Leg­ende bein­hal­tet alle Ele­mente. Eine Ver­fehlung führt zur näch­sten, die sog­ar noch schlim­mere Fol­gen nach sich zieht als die vorherige. Hier braucht es wirk­lich einen muti­gen Helden, um diesen Kreis­lauf zu durchbrechen!

Doch was passiert, wenn der strahlende Held ver­sagt oder let­z­tendlich gar kein­er ist? Wenn auch er nur men­schlichen Schwächen unter­wor­fen ist? Hätte sein Ver­säum­nis – seine Lüge – nicht tiefge­hende Fol­gen, die uns die Leg­en­den vorenthalten …?“

Der men­schliche Aspekt im soge­nan­nten Unge­heuer ist ein wichtiger Fak­tor auf der Suche nach dem Grund für die Fasz­i­na­tion am „Mon­ster“. Ist es let­ztlich das „Mon­ster in uns“, das Zer­rbild des Men­schen, das Nicole Grom in ihrer Sto­ry „Die Früchte unser­er Angst“ beschreibt?

„An Mon­stern fasziniert mich deren Zuge­hörigkeit zum Men­schen. Lit­er­arisch hege ich kein großes Inter­esse für Unge­heuer, die aus ein­er Par­al­lel­welt oder den Weit­en des Uni­ver­sums stam­men und uns ‚fremd‘ gegenüber­ste­hen. Schon die tra­di­tionelle Vorstel­lung von ‚mon­stra‘ hängt vielmehr eng mit dem Men­schen zusam­men. Wenn Kirchen­vater Augusti­nus sagte: ‚mon­stra sunt in genere humano’, beze­ich­nete er ‚Mon­ster‘ als Teil des Men­schengeschlechts. Wenn man also äußert, sie seien ‚Aus­ge­burten der Hölle’, ver­weist man das Prob­lem, dass wir als Men­schen – ob wir wollen oder nicht – mit Mon­stern kon­fron­tiert sind, in einen Bere­ich, der (ver­meintlich) nichts mit den Men­schen zu tun hat.

Doch psy­chol­o­gisch funk­tion­iert das nicht so leicht. Denn jed­er Men­sch birgt seine Dämo­nen. Genau – es han­delt sich um die, die manch­mal mit den Fäusten gegen diese Decke aus Stahlbe­ton häm­mern, tief in unserem Innern. Stellen wir uns ihnen (und unseren schlecht­en Eigen­schaften, die sie verkör­pern), nehmen wir uns ihrer an? Begreifen wir sie als Mah­nung? Oder reagieren wir nicht und lassen es zu, dass sie über uns hin­auswach­sen, sich abn­abeln und den Weg ins Freie find­en, wo sie ungestört ihr Unwe­sen treiben können?

Mon­ster sind ein­er­seits Abbild, ander­er­seits aber auch Zer­rbild des Men­schen. Das Gegen­teil des göt­tlichen Eben­maßes, die miss­gestal­tete Ver­sion unser­er selb­st. Mis­chwe­sen, sozusagen. Wir nähren sie mit unseren Tat­en und Gedanken; ohne uns kön­nten sie nicht sein. Sie existieren nur durch die Gedanken­welt des Men­schen. Eine Welt ohne den Homo Sapi­ens bedeutete auch für die Mon­ster das Ende – mit dem let­zten Erdenkind stürbe das let­zte Unge­heuer. Doch auch wir bedür­fen ihrer. Wie kön­nten wir uns ohne sie in ein­er Welt zurechtfind­en, in die wir mit der Geburt hinein- und aus der wir mit dem Tod hin­aus­ge­wor­fen wer­den? Sie stellen die von uns bit­ter benötigte Inkar­na­tion des Unerk­lär­lichen, des Boden­losen und Ver­drängten dar. Wir sind aufeinan­der angewiesen.

Dass es das men­schliche Denken ist, das die Mon­stra gebiert, bildet die ‚Grun­dan­nahme‘ mein­er Erzäh­lung ‚Die Früchte unser­er Angst‘. Zugle­ich betra­chtete ich die mythol­o­gis­che Welt der Süd­slaven etwas genauer, in der die Kynokephalen oder ‚Hund­sköp­fi­gen‘ als Bewohn­er benach­barter Wälder eine bedeut­same Rolle spiel­ten. Diese ‚Pesoglav­ci‘ jagen mir per­sön­lich von allen ‚Mon­stern‘ die meiste Angst ein, weil man sie als Ver­schmelzun­gen des Men­schen mit seinem lieb­sten ‚Hausti­er‘, dem Hund, sehen kann. Dass Hunde aber in der Vorstel­lung viel­er offen­bar doch als nicht voll­ständig domes­tiziert und beherrschbar gel­ten, lässt diese alltäglichen, ver­meintlich ver­traut­en Wesen leicht zu Ver­teufelun­gen men­schlich­er Sün­den und Schwächen wer­den. So ist es in mein­er Geschichte die Angst (let­ztlich als Gegen­be­griff zu ‚Gottver­trauen‘), welche die Kynokephalen her­vor­bringt und sie vervielfacht – mit tödlichem Ende.“

Ist es bei Nicole Grom die Angst, bei Francesco de Goya der Schlaf der Ver­nun­ft, so ist es bei vie­len Anderen die Unwis­senheit, die Unge­heuer gebiert. Oder ganz ein­fach der Men­sch selb­st, wie bei Andrea Timm in „Aus­ge­mustert“.

„Auf der Suche nach ein­er Bestie kamen mir als erstes die Men­schen selb­st in den Sinn“, erk­lärt die Autorin. „Men­schen, die einan­der bekämpfen, ja sich gegen­seit­ig abschlacht­en. Men­schen, die all ihre Begabun­gen und ihren Erfind­ungs­geist in die Zer­störung ander­er steck­en. Men­schen, die Biowaf­fen entwick­eln und dabei andere zu Ver­such­skan­inchen machen. Aus diesem Grund sind die wahren “Bösen” in mein­er Geschichte Men­schen, die eine Bestie erschaf­fen haben, um andere zu vernichten.
´Krieg ist eine blutrün­stige Bestie´ wurde ein­mal im Spiegel zitiert. Es ist doch vorstell­bar, eine lebendi­ge Biowaffe zu entwick­eln, ja sog­ar eine ganze Armee davon. Ob die Sieger dieser Bestie dann noch Herr wer­den wür­den, bleibt dahin gestellt. Diese Möglichkeit­en der Forschung und die Unfähigkeit der Men­schen, sie zu beherrschen, machen mir Angst. Eine Bestie, die die tief­ste Todes­furcht aus­lösen kann, beste­ht sowohl in der Phan­tasie als auch in der Real­ität. Erst die Vorstel­lung von tod­brin­gen­der Geschwindigkeit ein­er Gift­spinne lässt eine harm­lose Schnake ang­ste­in­flößend wirken. Die bemitlei­denswerte Haupt­per­son in
mein­er Geschichte sieht sich einem unbekan­nten Mon­ster­af­fen gegenüber, während sich in seinen Gedanken die Geschichte des Sun Wukong mit dem echt­en Unge­heuer verbindet und es dadurch noch furchter­re­gen­der wirken lässt.”

Selb­stver­ständlich sind Leg­en­den – wie die des Sun Wukong – ein uner­schöpflich­er Fun­dus. Auch das Beispiel der „Per­cht­en“, denen Hans Jür­gen Het­ter­ling nach­spürt, legt Zeug­nis davon ab: „Eine ein­same, ver­schneite Berghütte. Elek­triz­ität gibt es noch lange nicht. Geschweige denn Tele­fon. Das bedeutet, keine Verbindung nach draußen. Keine Möglichkeit, Kon­takt mit irgend­je­man­dem aufzunehmen oder Hil­fe zu holen. Die näch­ste Hütte ist Meilen ent­fer­nt und nur sehr schw­er zu erre­ichen. Wenn die Wege ver­schneit sind, so wie heute Nacht, vielle­icht über­haupt nicht.

Im Ofen knis­tert ein Feuer. Die Kerze auf einem ein­fachen Holztisch stellt die einzige Lichtquelle dar. Draußen fegt ein eisiger Sturm um die schrof­fen Felsen. Fängt sich im Dachfirst und heult schau­rig. Es klingt fast wie Dämonenstimmen.

Eine alte Frau sitzt am Spin­nrad und erzählt, mit leis­er, unheim­lich flüstern­der Stimme. Die jün­geren Frauen, Mägde an ihren Spin­nrock­en, hän­gen geban­nt an ihren Lip­pen. Das Kerzen­licht spiegelt sich in ihren Augen, die vor Angst geweit­et sind.

Auf ein­mal ein dumpfes Pochen an der Türe. Laut wie Schläge mit einem Ham­mer. Schat­ten vor den Fen­stern. Schellen erklingen …

So kön­nte sie sich abge­spielt haben, die arche­typ­is­che Urszene des Erzäh­lens von Geschicht­en über die Welt, das Dunkel, die Träume und die Angst – genauer: der Ver­such, diese Angst zu ban­nen. Die Furcht vor dem Aus­geliefert­sein an eine unheim­liche, über­mächtige Natur, vor allem in der Fin­ster­n­is des Tiefwin­ters, in der geheimnisvollen Zeit zwis­chen den Jahren, den Raunächten.

Lange Zeit bevor Ann Rad­cliffe, Horace Wal­pole, Poe,  Love­craft und viele andere im angloamerikanis­chen Raum das Genre der Schauer­lit­er­atur schriftlich definierten, find­et sich ein Strom lebendi­ger, ursprünglich­er Erzäh­lkraft in den mündlichen Tra­di­tio­nen ländlich-bäuer­lich­er Gemein­schaften, in denen dieses Erzählen vielfältige gesellschaftliche Funk­tio­nen aufweist – und eben immer wieder um die Furcht kreist, der sie stets aufs Neue dämonis­che, doch eben auch: Dämo­nen­ban­nende Gestalt ver­lei­ht. Die eigentlichen Ursprünge dieser Tra­di­tion dürften so alt sein wie die ersten sprach­be­gabten Men­schen,  die sich um ein Feuer scharten, inmit­ten von end­losen Wäldern mit ihren Geräuschen, Dunkel­heit und Kälte. An ihrer Funk­tion dürfte sich nichts geän­dert haben.

Ursprünglich hat­te ich nach hei­d­nis­chen Spuren im etablierten Glaubenssys­tem der Alpen­re­gio­nen gesucht – die sich keineswegs ohne weit­eres nach­weisen lassen – und gefun­den vielfältige an Sagen und Leg­en­den gebun­de­nen Wurzeln der Schauer­lit­er­atur im Masken­brauch­tum des Kram­pus, der Per­cht­en, und der unheim­lichen, und wahrhaft schauer­lichen Erzäh­lun­gen, die sich um jene fell­bek­lei­de­ten Gestal­ten mit ihren Teufels­fratzen ranken.

Versinnbildlichen sie die Tod­sün­den? Die Nacht, die sie aus­ge­spi­en hat, den Win­ter? Sollen sie den „echt­en“ Dämo­nen sig­nal­isieren, ihr müsst nicht mehr kom­men, schaut, ihr seid schon da? Strafen sie mit ihren Peitschen­hieben oder über­tra­gen sie Frucht­barkeit und Segen fürs neue Jahr damit?

Woher rührt ihr Faible für saubere Bauern­stuben? Für junge Mäd­chen? Warum dür­fen nur unver­heiratete, junge Män­ner die Masken tra­gen und so das uralte Brauch­tum lebendig halten?

Die zot­ti­gen, gehörn­ten Gestal­ten bleiben so geheimnisvoll wie das Dunkel, das sie gebar – und am Dreikönigs­fest wieder aufn­immt. Bis zum näch­sten Jahr …“

Eben­so bietet das japanis­che Insel­re­ich eine Fülle an Unge­heuern und Dämo­nen. Gestalt­wan­dler, Mis­chwe­sen oder lang­haarige Mäd­chen, die aus Fernse­hern kriechen … die Liste ist lang und schreck­lich … Tat­jana Beck­mann hat eines dieser Wesen – die Bak­eneko – aus dem „Land der aufge­hen­den Sonne“ in heimis­che Gefilde gebracht: „Hor­ror hin­ter dem Jägerza­un, das Grauen schwärt unter der hüb­sch ordentlichen Fas­sade der Rei­hen­haussied­lung, die Katze sitzt auf der Treppe und grinst tück­isch wie ein Vam­pir mit ihren zwei verbliebe­nen Zäh­nen. Sie meinen, Katzen grin­sen nicht? Sie haben ja keine Ahnung. Mina liegt seit einem Jahr im Garten unter dem Dahlien­beet, aber nachts in meinen Träu­men, da hockt sie auf meinem Bett, klap­prig wie sie war, als sie noch aus der Dose fraß, und erzählt Geschicht­en, die mir das Blut in den Adern gefrieren lassen, während ich mitschreibe. Und ich schwöre Ihnen, dabei grinst sie die ganze Zeit. Sie glauben mir immer noch nicht? Dann lesen Sie ‚und die Katze tanzt allein”’. Aber beschw­eren Sie sich nicht bei mir, wenn Sie nachts vom schleifend­en Geräusch kral­len­be­wehrter Pfoten auf dem Par­kett geweckt wer­den, obwohl Sie gar keine Katze besitzen. Ich habe Sie gewarnt …“

Natür­lich dür­fen in unser­er Samm­lung auch die mod­er­nen Mythen nicht fehlen. Wie etwa die Geschichte vom Jab­ber­wocky, der erst­mals in ein­er Geschichte von Lewis Car­roll auf­taucht. Inspi­ra­tion für die öster­re­ichis­che Autorin Chris­tine Jurasek: „Das Bes­tiar­i­um hat mich vom Namen her schon fasziniert. Ein Wort, in dem eine Bestie steckt. Also eine Krea­tur, der man nicht im Ent­fer­n­testen begeg­nen will und die ger­ade deshalb starke Anziehungskraft ausübt.

Die Alpen, in denen ich mich oft und gern bewege, finde ich auf­bauend und anre­gend. Nicht umson­st liefern sie Füll­stoff für eine Menge Sagen und Legenden.

Der Kon­trast zwis­chen beschaulichen Almen und schrof­fen Ste­in­for­ma­tio­nen beflügelt die Fan­tasie. Über weite Streck­en ist das Gebi­et unwirtlich – also ein ide­al­er Unter­schlupf für ein Geschöpf, das möglichst nicht gese­hen wer­den will.

Deshalb habe ich Jab­ber­wocky dort angesiedelt.

Den Erstkon­takt mit Jab­ber­wocky hat­te ich im Kino in den späten 1970er Jahren. Ter­ry Gilliam in seinem gle­ich­nami­gen Fan­ta­sy­film nahm auf satirische Weise das Mit­te­lal­ter aufs Korn.

Die Par­o­die war als Antwort auf die amerikanis­chen Mon­ster­filme gedacht.

Jab­ber­wocky, ein drachenähn­lich­es Untier, sieht man hier nie zur Gänze – nur seinen Schat­ten und seine Spuren, die er hin­ter­lässt, und die sind unge­heuer blutig und bar­barisch. Es hat mich fasziniert, wie sich das filmisch umset­zen lässt.

Diese und andere unsym­pa­this­che Eigen­schaften Jab­ber­wock­ys – wie jene, dass er unge­mein stinkt und nur nachts mordet –, habe ich für meine Geschichte übernommen.“

Beson­ders zeit­gemäß inter­pretiert Cor­nelia The­da ihren Mythos. Hier wird der men­schen­fressende Zyk­lop zum men­schen­ver­schlin­gen­den Haushaltsgerät …

„Es ist so, dass meine Fan­tasie ständig mit mir durchge­ht und ich mir die irrsin­nig­sten Szenar­ien vorstellen kann, wenn mir jemand ein Stich­wort liefert.
Die Geschichte von dem alles fressenden Staub­sauger ent­stand, nach­dem ein Fre­und erzählte, dass seine Frau einen Staub­sauger­fim­mel hat und sog­ar die Fugen aus den Fliesen saugt. Prompt begann ich mir vorzustellen, was er noch alles anstellen kön­nte und mein Gehirn lieferte mir der­art kranke Bilder, dass ich keine Wahl hat­te. Ich musste sie auf­schreiben. Nach­dem sie fer­tig war, habe ich gedacht “wie bek­loppt muss man eigentlich sein, um sich so etwas auszu­denken?” Ziem­lich – so viel ste­ht fest. Aber jet­zt geht’s mir wieder gut – bis zur näch­sten irren Idee.“

Eine eben­so aus­ge­fal­l­ene Idee beflügelte unsere Autorin Angela Hop­tich zu ihrer Geschichte, denn die gruseli­gen Wasser­speier und stein­er­nen Fratzen an den Fas­saden und Tür­men der großen Kathe­dralen waren ohne­hin immer geheimnisumwit­tert und unheimlich.

„Gar­goyles – Diese kun­stvoll gemeißel­ten Wasser­speier mit den grässlichen Fratzen, die uns seit der Antike begleit­en, sind Wächter­fig­uren. Ihre Auf­gabe ist es, das Böse draußen zu hal­ten, es abzuschreck­en. Sie vertei­di­gen mit aller Macht (der Imag­i­na­tion) die Rein­heit eines Haus­es. Eine absurde Grat­wan­derung zwis­chen Gut und Böse.

Die stein­er­nen Dämo­nen beflügel­ten meine Fan­tasie schon seit der Kind­heit. Ob in mein­er Heimat­stadt oder auf diversen Urlaub­sreisen: die Biester ver­fol­gten mich. Meist saßen sie an Kirchen­fas­saden und blick­ten recht lebendig auf mich herab. Ich kon­nte mich nicht entschei­den, ob sie mir wohl geson­nen waren oder ob ich mich fürcht­en sollte. War ich gut oder böse? Oder bei­des zugleich?

Was lag also näher, als sie in ein­er Geschichte tat­säch­lich zum Leben erwachen zu lassen und es herauszufinden?”

Damit endet unser kurz­er Blick hin­ter die Kulis­sen unseres „Bes­tiar­i­ums“. Es war mein Bestreben eine möglichst vielfältige Auswahl von grausi­gen Mon­stern, bösen Unge­heuern und blutrün­sti­gen Bestien zu tre­f­fen. Auch wenn die neun­zehn Geschicht­en dieser Antholo­gie nur einen kleinen Auss­chnitt aus der großen Welt geheimnisvoller Wesen bieten, so ist es dank des Ein­fall­sre­ich­tums unser­er Autorin­nen und Autoren gelun­gen, eine eben­so span­nende, wie lesenswerte Mis­chung zu kreieren.

Mein Dank gilt daher den Schöpferin­nen und Schöpfern dieser großar­ti­gen Phan­tas­magorien und ihrer Bere­itschaft in Zusam­me­nar­beit mit mein­er Lek­torin Iwo das Beste her­auszu­holen, was möglich war.

Ein beson­der­er Dank geht auch für diese Antholo­gie wieder an Flo­ri­an und Hans Jür­gen, die diesen Band nicht nur um ihre fan­tastis­chen Geschicht­en bere­ichert haben, son­dern durch ihren uner­müdlichen Ein­satz erst gewährleis­tet haben.

Gruseli­gen Spaß bei der Lek­türe wün­scht Euer Herausgeber
Detlef Klewer

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