Making of — Böse Clowns

Ein Clown im Mondlicht ist nicht lustig …

Mak­ing of: Böse Clowns

Clowns sind lustig. „Ein Clown ist ein Artist, dessen primäre Kun­st es ist, Men­schen zum Lachen zu brin­gen.“ So will es „Wikipedia“ und so trifft man diese Gestalt mit seinen Pos­sen, viel zu großen Schuhen oder ein­er in Kun­st­blu­men ver­steck­ten Wasser­spritze, als „Akro­bat schön“ oder „dum­men August“ im Zirkus, im Vari­eté oder auf Jahrmärkten.
Mit „bösen“ Clowns ver­hält es sich anders. Sie sind unheim­lich, weil sie das Ver­traute, die gute alte Zirkus­fröh­lichkeit, in etwas radikal Uner­wartetes verkehren: „There’s noth­ing fun­ny about a clown in the moon­light“, ist ein Zitat des berühmten Hor­ror-Mimen Lon Chaney, dem Mann mit den „tausend Gesichtern“.

Das Unbe­ha­gen, das ein gruseliger Clown aus­löst, entste­ht erst im Auge des Betra­chters, denn der Clown erzeugt die Äng­ste nicht. Er kitzelt sie lediglich her­vor – die Äng­ste sind längst vorhan­den. Unterbewusst.

Der heit­ere Sch­aber­nack, der uns zum Lachen brin­gen soll, ver­wan­delt sich in fratzen­hafte Ori­en­tierungslosigkeit. Das Gesicht bleibt ver­bor­gen. Der verun­sicherte Betra­chter stellt sich die Frage: Was will der Typ hin­ter der Maske?

Eine Frage, die auch den Autor von „Die Berührung des Clowns“ Ben Riebel beschäftigte: „Was macht den Anblick eines Clowns­gesichts so selt­sam und für einige ang­ster­re­gend? Ich denke es die Tat­sache, dass er seine Maske offen trägt und sie nicht ver­leugnet. Wir alle tra­gen Masken. Ein falsches Lächeln hier, etwas geheucheltes Inter­esse dort. Wir denken meist schon nicht mehr darüber nach, wenn wir sie auf­set­zen. Der Clown kon­fron­tiert uns damit und kann so unter der Schminke er selb­st sein, mehr als wir es für uns selb­st auch nur träumen.

Was sehen wir dort? Im Gesicht jen­seits der Maske? Ich denke, es ist die Spiegelung unseres Selb­st, ein kurzes Erhaschen der unaus­geloteten Tiefen in uns, die uns zurück­we­ichen lässt.

Meine Geschichte han­delt von zwei Brüdern, die Geis­ter­bahn besuchen. Auch diese trägt eine Maske, hin­ter der sich unaussprech­liche Dunkel­heit ver­birgt und in ihrem Herzen ertönt das irre Lachen eines Clowns.“

Rät­sel­hafte Clowns erscheinen wie die Alle­gorie auf eine Welt, die sich selb­st unheim­lich gewor­den ist – eine Welt, die derzeit mehr Schreck­en­snachricht­en und Fatal­itäten her­vor­bringt, als das har­moniebedürftige Men­schen­herz auszuhal­ten vermag.

Warum ste­ht er da im Mondlicht? Schein­bar sinn­los, wie ein ein­sames Sym­bol ein­er verun­sicherten Psyche?

Der dämonis­che Clown ver­weigert die klare Zuord­nung. Er ist eine bedrohlich offene und vol­lkom­men unbes­timmte Gestalt, eine Ambivalen­z­fig­ur, die alle Erk­lärungsrou­ti­nen sprengt und sich in kein Deu­tungsmuster pressen lässt. Ein anar­chis­ch­er „Spaß­mach­er“, der sich am Ende jed­er Kon­trolle entzieht.

Oder auch ganz ein­fach böse ist, wie in der Geschichte „Schand­maul“ von Marie-Claire Born. „Der Clown ist ein wech­sel­haftes Wesen. Er trägt eine Maske, wie ein Men­sch. Er spielt falsche Tat­sachen vor, wie ein Men­sch“, erk­lärt die Autorin. „Er braucht Bestä­ti­gung zum Über­leben, wie ein Men­sch. Das Einzige, was er anders macht, ist die überdeut­liche Darstel­lung der eige­nen Gefüh­le. Er hält den Men­schen einen Spiegel vor, den sie manch­mal mögen und manch­mal unheim­lich find­en. Warum? Weil sie ihn hin­ter dem Plas­tik und der Pappe nicht sehen kön­nen. Nicht wis­sen, was er wirk­lich vorhat. Somit find­et der Men­sch im Grunde sich selb­st unheim­lich. Der Clown stellt den Men­schen dar – und der Men­sch fürchtet sich vor ihm.

In mein­er Geschichte ist nicht der Clown das Böse, son­dern das Böse der Clown. Es wählte den Spiegel der Men­schheit, um Lore­na zu zeigen, wer sie ist, mit der klas­sis­chen Übertrei­bung in der Darstel­lung der Gefüh­le und der undurch­sichti­gen Maske, die jed­er Men­sch trägt. Er ist nicht mehr und nicht weniger als eine Stimme aus dem Off. Eine Selb­st­darstel­lung, die nichts anderes tut, als mech­a­nisch zu lachen und somit die Welt eines Men­schen aus den Angeln hebt.“

Die Stunde des Clowns schlägt immer dann, wenn Äng­ste über­hand­nehmen und die ganze Welt ver­rückt spielt. Die Clowns sind Res­o­nanz­fig­uren. Sie betreiben die Spiegelung der Schreck­en, sie bün­deln Bedro­hungs­ge­füh­le und geben sie als spöt­tis­che Gri­masse an die Gesellschaft zurück. Der unheim­liche Clown ist kein Rev­o­lu­tionär, er ruft nicht zum Wider­stand auf und macht keine Vorschläge zur Weltverbesserung.

Der Autor der Sto­ry „Es“, Anton Vogel, denkt: „Der Clown – er ist mehr als ein Pos­sen­reißer mit über­höhter Schmink-Phys­iog­nomie. Er ist ein Spiegel unser­er gesellschaftlichen Stim­mungen, ein Wan­der­er zwis­chen Wel­ten, der das Heit­ere mit dem Tragis­chen, die Komik mit der Trau­rigkeit verbindet. Ich selb­st gehörte nie zu jenen, die sich vor der unberechen­baren, weil alter­slosen und emo­tion­al schw­er ein­schätzbaren Maske des Clowns fürcht­en. Aber manch­mal beschle­icht auch mich das Gefühl, dass sich mehr als Lustigkeit oder etwas ganz anderes als reine Komik hin­ter der weißen Schminke und der fest­ge­mal­ten Mimik ver­ber­gen kön­nte. Eine Welt der Äng­ste und Zweifel, der Hoff­nun­gen und Freuden, die in jedem von uns lebt und die der Clown uns widerspiegelt?“

Ich per­sön­lich mag keine Clowns. Selb­st als Kind kon­nte ich mich beim Zirkus­be­such mit dem oft der­ben Humor nicht anfreunden.

Und ich kon­nte nie ver­ste­hen, dass nicht alle Kinder vor dem Vorzeige­clown ein­er bekan­nten Fast-Food-Kette schreiend davonrannten.

Damit ste­he ich nicht allein. Autor Daniel Hus­ter, der die Idee für „Der Clown in Zim­mer 2.29“ ein­er Umfrage der Uni­ver­si­ty of Sheffield entlehnte, in der 250 Kinder zu den Clowns­bildern in ihren Kranken­hausz­im­mern befragt wur­den (Nicht ein einziges fand sie lustig oder erheit­ernd. Viele emp­fan­den sog­ar Furcht.), beschreibt seine Erfahrun­gen so: „Ich erin­nere mich noch gut daran, wie ich mit acht oder neun Jahren das erste Mal ein Zirkuszelt betrat, umgeben von ein­er schreien­den Horde aufgeregter Kinder. Es wurde geklatscht, es wurde gelacht und dann … tja, dann kam dieser ‚Spaß­mach­er‘ mit leuch­t­end grünem Haar und einem viel zu bre­it­en Grin­sen auf den Lip­pen. Von der ersten Sekunde an mochte ich ihn nicht, und bis heute kann ich nicht genau sagen, woran das eigentlich lag. Er alberte rum, taumelte durch die Manege, stolperte über die viel zu großen Schuhe und klatschte in die Hände. Mein Banknach­bar – vielle­icht vier Jahre älter und das Gesicht voller Pick­el – zeigte auf ihn und kugelte sich fast vor Lachen. Aber ich nicht. Ich saß da und spürte meinen Magen. Irgend­wann begann der Clown mit den Leuten aus dem Pub­likum zu spie­len. Er warf ihnen Bälle zu und bespritzte sie mit Wass­er. Immer wenn er an meinem Platz vor­beis­pazierte, ver­steck­te ich mich hin­ter den Schul­tern meines Vor­der­mannes. Er sollte mich nicht sehen, um keinen Preis der Welt, denn sein Grin­sen machte mich wahnsin­nig. Alle Kinder­au­gen hin­gen an dem Clown. Manche glitzerten vor Staunen und Entzück­en, andere, weil sich Trä­nen der Angst in ihnen bilde­ten. Ich war nicht der Einzige dort, der sich wün­schte, dieser unheim­liche Typ möge ver­schwinden, möge mit­samt sein­er Schminke ein let­ztes Mal stolpern und anschließend zur Hölle fahren. In der darauf­fol­gen­den Nacht schlief ich keine Stunde am Stück. Ich sah sein Gesicht und die rot ver­schmierten Lip­pen. Wahrschein­lich ver­barg sich damals ein ganz harm­los­er Kerl unter der Maske; ein junger Mann, der abends sein Bier trank und froh war, endlich aus den alber­nen Klam­ot­ten rauszukom­men. Wahrscheinlich.“

Der Autorin der Sto­ry „Die Stun­de­nuhr“, Tat­jana Beck­mann, geht es ähn­lich. „Als Kind hat­te ich Angst vor Clowns. So sehr ich den Zirkus liebte, die Musik, das Glitzern, Zuck­er­wat­te, Artis­ten, Pferde und Löwen, so sehr fürchtete ich die unver­mei­dlichen Clowns. Wenn sie in die Manege gestolpert kamen und einan­der Torten ins Gesicht war­fen – das tat­en sie damals in den Sechzigern ständig! -, kniff ich die Augen zu und wartete, bis der Spuk vor­bei war. Wie meine Angst vor Aut­ofried­höfen ver­lor sich auch die Coul­ro­pho­bie (Angst vor Clowns) mit dem Älter­w­er­den von selbst. 

Heute, wo ich mich als Psy­chother­a­peutin beru­flich mit Äng­sten beschäftige, ver­ste­he ich meine Kinderangst als eine Furcht davor, aus dem Rah­men zu fall­en und der Wut zu begeg­nen: mein­er eige­nen und der mein­er Eltern.“

Eben­so sus­pekt waren Clowns unserem „Der große Bono“-Erfinder Hans-Jür­gen Het­ter­ling. „Auch ich hat­te als Kind Angst vor Clowns. Ein weißes Gesicht, in Verbindung mit alten Äng­sten, da drängt sich die Nähe von Totenköpfen, Vam­piren, Spukgestal­ten förm­lich auf. Her­aus­gelöst aus der nor­malen, bun­ten Welt eines Zirkus wirkt ein solch­es Wesen wie ein gestalt­ge­wor­den­er Albtraum.“

Flo­ri­an Krenn – „Wer zulet­zt lacht …“ — schildert: „Mit Clowns ste­he ich seit jeher auf Kriegs­fuß. Schon als Kleinkind habe ich bei Zirkus­plakat­en, auf denen Clowns abge­bildet waren, zu weinen begonnen. Damals dachte ich, sie wür­den mich auslachen.

Clowns sind heute natür­lich kein Prob­lem mehr für mich, aber außer­halb des Zirkus muss ich ihnen nicht begeg­nen. Sie ste­hen für mich für Täuschung und Ver­schla­gen­heit, denn sie ver­suchen uns glauben zu machen, dass sie dumm oder lustig sind – aber wer weiß, wie es unter der Maske wirk­lich aussieht?“

Eben­so deut­lich for­muliert es Andrea Timm, obgle­ich sie die Sache dif­feren­ziert­er betra­chtet – und in „Charmeur in Schwarz“ auch schildert: „Ich has­se Clowns! Schon als Kind fand ich Clowns über­haupt gar nicht lustig, was mit Aus­nahme mein­er Geschwis­ter nie­mand ver­standen hat. Die bun­ten Kostüme waren mir zu albern, und ich mochte mir ihre in meinen Augen grässlich geschmink­ten Gesichter nicht anse­hen. Ich bin heute noch kein Freund
davon, wenn einzelne Gesicht­steile über­groß bemalt wer­den. Größer geschmink­te Lip­pen bei Frauen finde ich über­haupt nicht ästhetisch. Ganz anders ver­hält es sich bei schwarz-weißen Pan­tomi­men. Deren kun­stvolle Erschei­n­ung empfinde ich als sehr ansprechend. Es hat etwas
Edles und Zauberhaftes.“

Ein Clown im Mondlicht ist also nicht lustig. Diese Aus­sage bestätigt stel­lvertre­tend mein Erleb­nis aus den frühen neun­ziger Jahren. In ein­er Vorstel­lung des „Rock­the­ater Nachtschicht“ betrat ein Mann die Bühne. Weiß geschmink­tes Gesicht, schwarz umran­dete Augen, rot­er Mund. Er trug eine blutbe­spritzte Schlachter­schürze und hielt ein Mess­er in der Hand. Minuten­lang stand er da, schweigend, fast bewe­gungs­los und star­rte das Pub­likum an.

Leicht­es Unbe­ha­gen machte sich unter den Zuschauern bre­it, ein Hüsteln hier – ein Kich­ern da. Und dann – in diese nervöse Stille hinein – begann der Mann plöt­zlich gle­ichzeit­ig zu brüllen und drei Schritte in Rich­tung Pub­likum zu laufen. Kann sich jemand vorstellen, wie das auf Zuschauer wirken kann, die Kabarett und Rock­musik erwarten?

Dur­chaus möglich, dass hier bei manchem der Grund­stock für eine Pho­bie gelegt wurde.

Andere unser­er Autoren sehen das gelassen­er. Anton Vogel zum Beispiel. Er sagt: „Für mich war keine Zirkusvorstel­lung ohne Clowns denkbar. Immer wieder lock­erten sie als Spaß­mach­er die Vorstel­lung zwis­chen Akro­batik-Dar­bi­etun­gen auf, bracht­en die Ner­ven wieder zur Ruhe, wenn eine schwindel­er­re­gende Trapez-Num­mer glück­lich mit dem Abschluss-Tusch und dem unversehrten Abgang der ArtistIn­nen geen­det war.“

Son­ja Schird­e­wan – vertreten mit „Der Clown ihrer Träume“ — entschei­det sich für die „Schweiz­er Vari­ante“: „Clowns an sich ste­he ich eigentlich eher neu­tral gegenüber, wed­er find ich sie beson­ders lustig, noch von vorne­here­in direkt gruselig.“

Thomas Williams hinge­gen begeis­tert sich gar für die Grusel­clowns: „Eigentlich mag ich keine Clowns. Sie machen mir keine Angst und unter­hal­ten mich auch nicht, aber bösar­tige Clowns finde ich großar­tig. Vielle­icht wegen diesem ewigen Grin­sen in ihrem geschmink­ten Gesicht, das statt Freude absoluten Hor­ror verbreitet.“

Clowns kön­nen fürchter­lich sein. Furchter­re­gend. Jüngst waren es Hor­ror-Clowns in Frankre­ich, die in Clown­skostü­men arglose Pas­san­ten belästi­gen. Und tat­säch­lich ist aus­gerech­net Pogo der Clown ein Serienkiller mit dem bürg­er­lichen Namen John Wayne Gacy, der in den 70er Jahren 33 Jun­gen und junge Män­ner ent­führt, miss­braucht, ermordet und dann unter seinem Haus ver­graben hat. Gle­ichzeit­ig ist er als Clown in selb­st genäht­en Kostü­men auf Kinder- und Straßen­festen aufgetreten.

Die „dun­kle Seite“ der Clowns führt zu einem Phänomen mit der wis­senschaftlichen Beze­ich­nung: Coul­ro­pho­bie – der Angst vor Clowns.

Die find­et sich auch im Titel der Geschichte von Leif Insel­mann. Sein State­ment: „Kaum jemand find­et Clowns lustig — ich auch nicht. Vielmehr wirken sie unheim­lich, ja ger­adezu Furcht ein­flößend, sodass sie längst zu einem etablierten Stereo­typ der Hor­rorkul­tur gewor­den sind. Vielle­icht liegt es an Schminke und all­ge­gen­wär­tigem Grin­sen, die das wahre Gesicht und seine Emo­tio­nen ver­ber­gen wie eine Maske. Vielle­icht verkör­pern sie durch ihre sinnlosen Späße ein Prinzip der reinen Willkür, welch­es unser­er Leben­sphiloso­phie grund­sät­zlich wider­spricht. Oder sie sind ein überkommenes, nicht totzukriegen­des Relikt aus jenen Zeit­en, als der Humor noch einen anderen Charak­ter hat­te. Ver­mut­lich ist es etwas von allem. Doch dass sog­ar eine ganze Antholo­gie böse Clowns in den Mit­telpunkt stellt und damit unzäh­lige Autoren wie mich anzieht, die sofort ange­tan von diesem kuriosen und doch so dankbaren The­ma sind, beweist vor allem eines: Solange unheim­liche Clowns Film und Lit­er­atur entsteigen, gedei­ht die all­ge­meine Coul­ro­pho­bie, egal woher das neg­a­tive Image ursprünglich stammt.“
Nun, gruselige Clowns begeg­nen uns mit ihrem Goth­ic-Antlitz auf Plat­ten­cov­ern, wie das „Zirkus Zeit­geist“ betitelte Album von „Salta­tio Mor­tis“. Sie geis­tern durch Musikvideos wie „Sto­ry­time“ von „Nightwish“ oder tauchen gar im Band­l­o­go von „Lac­rimosa“ auf.

In dem B‑Movie „Killer Clowns from out­er Space“ geht es um eine Gruppe Außerirdis­ch­er, die als Clowns auf die Erde kom­men. Durch „100 Tears“ stapft ein Psy­chokiller im Clown­skostüm und in einem indone­sis­chen Beitrag mit dem Titel „Badoet“ bege­hen gar Kinder Selb­st­mord, nach­dem sie Zeich­nun­gen von Clowns ange­fer­tigt haben.

Was lag also näher, als den „bösen Clowns“ – den Gauk­lern, die uns nicht nur Spaß bere­it­en, son­dern vor allem Angst ein­ja­gen – eine eigene Antholo­gie zu widmen.

Die Moti­va­tion der Autoren gestal­tete sich höchst unter­schiedlich. Markus Kohler – mit seinem Beitrag „Eigentlich heiße ich Jeff …“ — „hat es gereizt an dieser Antholo­gie mitzu­machen, weil ich schon als Kind immer dachte, was steckt wohl für ein Men­sch hin­ter dieser Maske. Je älter ich wurde, desto mehr kam ich zu der Überzeu­gung, das muss nicht immer ein Spaßvo­gel sein, das kann auch etwas ganz Bös­es sein.“

Andrea Timms „konkrete Inspi­ra­tion war sicher­lich ein Erleb­nis, als mein Sohn vor ein paar Jahren im Kranken­haus lag und dort von Kranken­haus­clowns besucht wurde. Er war eigentlich schon zu alt für die Num­mer mit dem Luft­bal­lon, machte aber gute Mine zu albernem Spiel. Obwohl er den Zauber­trick durch­schaut hat­te, spielte er mit, um nicht
unhöflich zu erscheinen. Erst, als die bei­den das Zim­mer ver­lassen hat­ten, lachte er sich kaputt — tre­f­fend­er for­muliert: machte er sich lustig über die Clowns.“

Einen anderen Ansatz hält Marie-Claire Born bere­it. „Es gibt viele philosophis­che Ansätze den Men­schen zu definieren – von Grund auf böse oder von Grund auf gut sind die meist gewählten Ansätze. Meine Geschichte trägt eine Botschaft in sich. Sie soll den Leser in viel­er­lei Hin­sicht ver­wirren und dazu brin­gen, Fra­gen zu stellen. Ich wollte diese kom­plex­en Denkan­sätze mit etwas verbinden, was der All­ge­mein­heit gefällt: Span­nung und Abenteuer.“

Lit­er­arisch hat Stephen King den „bösen Clowns“ bere­its vor Jahren ein Denkmal geset­zt, indem er „Pen­ny­wise“ zuerst in die Kanal­i­sa­tion von Der­ry und dann in die Alb­träume sein­er Leser schick­te. So ist es nicht ver­wun­der­lich, dass dieser Hor­rork­las­sik­er einige unser­er Autoren inspirierte.
Tat­jana Beck­mann erk­lärt: „In meinen Zwanzigern hielt mich Steven Kings Clown Pen­ny­wise ein ganzes Woch­enende lang in Atem. Ich legte das Buch nur weg, wenn mir die Augen zufie­len, um beim Aufwachen sofort weit­erzule­sen. Ich glaube, ich habe ES sog­ar mit aufs Klo genom­men. In der Vor­bere­itung auf meine Geschichte „die Stun­de­nuhr“ habe ich mich wieder inten­siv mit Clowns beschäftigt, und ES zum zweit­en Mal gele­sen. Wieder mit ähn­lich­er Faszination.“

Nicole Malzahn, die mit „Die Rück­kehr des Ulkpulks“ vertreten ist, erzählt: „Bei ‚Clowns und Hor­ror’ denkt man natür­lich als erstes an den guten, alten Pen­ny­wise. Beim Gedanken an seine Fratze und dem Wun­sch, etwas Neues, Anderes zu schreiben, formte sich irgend­wie die Idee mit den Clownsmasken.“

Auch Nae­mi Bern­er, unsere jüng­ste Teil­nehmerin, die sich mit „Emmas Clown“ dem The­ma psy­chol­o­gisch nähert, schätzt ihr lit­er­arisches Vor­bild: „Ich per­sön­lich hat­te nie ein Prob­lem mit Clowns, fand sie aber wed­er lustig noch ander­weit­ig inter­es­sant. Alles änderte sich, als ich Steven-King-Fan wurde und ES gele­sen habe. Ich lei­de seit­dem unter Clown-Pen­ny­wise-Trau­ma und Gul­ly­deck­el-Pho­bie. Etwa zwei Wochen nach­dem ich ES been­det habe, stieß ich auf die Auss­chrei­bung und habe mir gedacht — echt cool, aber schw­er was Neues aus dem The­ma her­auszu­holen. Abends auf dem Sofa kam dann aber — wie so oft — doch eine Idee, die mir gle­ich gefall­en hat. Es fol­gte eine Recherche über Schiz­o­phre­nie, die ein biss­chen geholfen hat. Inner­halb von zwei Tagen war Emmas Clown dann geschrieben und ich zufrieden. Eine gute Hor­rorgeschichte erken­nt man, mein­er Mei­n­ung nach, daran, dass man sie zwei Wochen später liest und geschockt von den eige­nen Ideen ist.“

Inspi­ra­tion kann aber auch von gän­zlich ander­er Seite kom­men. Hans-Jür­gen Het­ter­ling meint dazu: „Dass mich das The­ma „Böse Clowns“ ganz beson­ders ange­sprochen hat, hängt sich­er mit mein­er Begeis­terung für Zirkus, Jahrmärk­te und Masken­bräuche zusam­men. Dort, in einem Set­ting, das Sozi­olo­gen als „Verkehrte Welt“ beze­ich­nen, sind Direk­ter­fahrun­gen des Fan­tastis­chen, des Grotesken, gar des Mythisch-Numi­nosen möglich, und vorder­gründi­ger Spaß und tiefer Schreck­en liegen so eng beieinan­der, wie eine Maske das wahre Gesicht ihres Trägers ver­hüllt. Clowns sind für viele Men­schen unheim­lich, erst recht für Kinder sind die über­triebene Gestik, das schrille Lachen, das unberechen­bare Ver­hal­ten des Spaß­mach­ers eher schreck­lich als witzig.“

Eine Comic­fig­ur ist Aus­lös­er bei Patrick Zim­mer­schied und sein­er Geschichte „Der Narr“. „Ich fand Clowns nie beson­ders furchte­in­flößend. Aber der Jok­er aus den Bat­man-Comics und Fil­men hat mich schon immer fasziniert. Ich wollte eine Geschichte schreiben, die das zynis­che Ele­ment des Jok­ers stärk­er in der Clowns-Fig­ur zum Vorschein bringt. Deshalb entwick­elte ich sie als Sadis­ten, der sich über das Leid ander­er lustig macht und kein­er­lei Vorstel­lung von Moral hat. Bei mein­er Recherche über die Ursprünge des Clown-Konzepts stellte ich fest, dass die Idee des alber­nen Hof­nar­ren sich aus der viel älteren Vorstel­lung des Nar­ren als Sym­bol der Gottes­lästerung, des Teufels und des Todes entwick­elt hat und dies mit der Fast­nacht ver­bun­den ist.“

Der Jok­er war auch Mitin­spi­ra­tion für eine andere Hor­rorgeschichte namens „Clown-Syn­drom“. Thomas Williams, der Berichter­stat­ter dieser Clown-Epi­demie, erk­lärt: „Als ich von der Auss­chrei­bung las, habe ich über­legt, was für Filme und Geschicht­en es um böse Clowns gibt und wollte dem etwas Neues hinzufü­gen. Ich dachte schnell an den Jok­er von Bat­man, der in den Comics oft Lach­gas ver­wen­det hat, um Men­schen zu töten. Mir gefiel der Gedanke, dass Lachen gefährlich ist. Dass es sog­ar ansteck­end sein kön­nte und die Idee zu ‚Clown-Syn­drom’ war schnell geboren. Als Fan von Fil­men wie ‚28 Days lat­er’ schwebte mir eine etwas andere Ver­sion des Films vor. Statt Wahnsin­niger sollte es um wahnsin­nige Clowns gehen, die Men­schen mit ihren Witzen infizieren.“

Oder bei Nora Spiegel. „Mein Beitrag ‚Die Klaue’ ist inspiri­ert von einem ein­fachen Foto in schwarz-weiß: Eine Gruppe von Zirkusartis­ten um die Jahrhun­der­twende, posierend vor einem alten Zirkuswa­gen. Es sind ern­ste Gesichter — wie es auf den Fotografien dieser Zeit üblich war — deren unheim­lich­er Effekt von der Far­blosigkeit des Bilds nur ver­stärkt wird. Die aus­ge­mergel­ten Gestal­ten lassen uns ahnen, dass diese Clowns hun­grig sind, sehr hungrig.“

Auch Flo­ri­an Krenn ließ sich von ver­schiede­nen Ereignis­sen inspiri­eren: „Die Ambivalenz des Clowns stellt sich am deut­lich­sten und tragis­chsten in der Per­son des US-amerikanis­chen Serien­mörders John Wayne Gacy dar. Zum einen Spaß­mach­er Pogo der Clown, der Kinder unter­hält, zum anderen bru­tale Bestie, die mordet, foltert und vergewaltigt.

Die Idee zu mein­er Kurzgeschichte ‚Wer zulet­zt lacht’ ist mir auf ein­er lan­gen Zug­fahrt gekom­men, wozu mich die in den let­zten Jahren im Inter­net recht beliebten Killer­clown-Pranks (Stre­ich mit ver­steck­ter Kam­era). Dazu ein biss­chen Gacy und Pen­ny­wise… nun ja, lesen Sie selbst.“

Um ein Musikvideo von Deutsch­lands Hor­ror-Punk-Band Nr.1 als Aus­lös­er han­delte es sich bei Son­ja Schird­e­wan: „Auf die Idee mit dieser Geschichte bin ich gekom­men, als ich während der Suche nach Inspi­ra­tion für die ‚Böse Clowns’ Geschichte neben­bei auf YouTube ein Video ein­er mein­er Lieblings­bands ange­se­hen habe, ‚Pup­pet on a String’ von ‚The Oth­er’. Hat erst mal über­haupt nichts mit Clowns zu tun, aber die Band­mit­glieder laufen in dem Video als Mar­i­onet­ten herum und tun — mehr oder weniger frei­willig — böse Dinge. Und dann ist mir qua­si schon die ganze Geschichte durch den Kopf geschossen.“

Oder gän­zlich uner­wartete lit­er­arische Quellen wie bei M. W. Lud­wig: „Böse Clowns im Hor­ror lassen natür­lich sofort an Kings Pen­ny­wise oder den ver­störend realen John Wayne Gacy denken.

Meine Geschichte geht außer­dem auf das Märchen von Pinoc­chio zurück, wo auch Kinder in einem traumhaften Park ver­führt wer­den, um sie gefan­gen zu nehmen. Zudem gibt es auch dort schon den Anti­helden. Wenn auch unter anderen Bedin­gun­gen. Der Deal mit dem Teufel schließlich ist so alt wie der Glaube an das Böse.“

Den geneigten Leser erwartet also eine eben­so vielschichtige, wie vielver­sprechende Hor­ror-Antholo­gie, die ihr The­ma so vielfältig vari­iert, das alle „Coul­ro­pho­bik­er“ genü­gend Stoff für Nächte voller Alb­träume find­en werden.

Zum Abschluss hält Nae­mi Bern­er, die Autorin unser­er Siegergeschichte, noch einen Rat für die Leser parat: „Sollte dir ein Clown, der zufäl­lig in einem Gul­ly sitzt, einen bun­ten Luft­bal­lon anbi­eten, renn ein­fach weg.“

In diesem Sinne … angenehmes Gruseln.

Detlef Klew­er

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