Making of — Erbe der Alten

Taschen­buch-Aus­gabe — Weird Fic­tion — Autor Hans Jür­gen Het­ter­ling — Her­aus­ge­ber: Dieter König.

Wohl kaum ein Genre ver­mag das mak­aber-wohlige Kitzeln im Bauch so sehr anzure­gen wie die Sparte Hor­ror. Vor allem Howard Phillips Love­craft, ein amerikanis­ch­er Schrift­steller, gilt als ein­er der weltweit ein­flussre­ich­sten Autoren im Bere­ich der fan­tastis­chen und anspruchsvollen Hor­ror-Lit­er­atur. Wen nimmt es Wun­der, dass viele der mod­er­nen Autoren ihm nacheifern. Der Meis­ter jedoch bleibt unerr­e­icht, auch wenn sich auf seinen Spuren recht bemerkenswerte Autoren tummeln.

Hans Jür­gen Het­ter­ling erzählt: Ich schrieb die Rohfas­sung meines Textes „Erbe der Alten“ vor ca. drei bis vier Jahren in zunächst mehreren Teilen. Die Ideen, die mich dazu führten, waren zum einen sicher­lich for­maler Natur.

Ich hat­te – wieder ein­mal – einige Geschicht­en des Love­craft-Kreis­es genossen – Robert E. Howard, Robert Bloch, August Der­leth, Hen­ry Kut­tner, Fritz Leiber und natür­lich den Meis­ter selb­st – und mich gefragt: wie funk­tion­iert so eine Geschichte über­haupt, was macht ihren beson­deren, nahezu hyp­no­tis­chen Reiz, auf for­maler Ebene, aus?

Ich fand den Text in vie­len Fällen zusam­menge­set­zt aus Motiv­en und Topoi, die Love­craft selb­st auf orig­inäre Weise in den frucht­baren Boden der fan­tastis­chen Lit­er­atur eingepflanzt hat­te. Namentlich den Mythos um die Großen Alten. Nen­nen wir das mal den imma­nen­ten Mythos.

Daneben fand sich eine Schicht aus dem, was HPL gerne als „Folk­lore“ beze­ich­net – örtliche Mythen, Sagen, Leg­en­den, vor­wiegend der nor­damerikanis­chen Kul­tur sein­er Heimat Neueng­land. Vielle­icht: äußer­er oder extern­er Mythos.

Die fer­tige Geschichte las ich als Mix­tur aus jenen bei­den Ebenen.

Und genau dieses Konzept wollte ich, da ich mich ger­ade, auf der Suche nach den Wurzeln und Ursprün­gen der unheim­lichen Fan­tastik mit heimatkundlichen Sagen beschäftigt hat­te, in die eigene Kul­tur übertragen.

Deshalb auch das Motiv ein­er Weißen Frau, die alten Bur­gen und Ruinen, die in mein­er Geschichte auf­tauchen, die Hin­weise auf Druidenkulte und Hexerei …

Tat­säch­lich hat man zu der Zeit auch einen Bach in mein­er Heimat­stadt aus seinem unterirdis­chen Kanal befre­it, und durch den Kur­park geleit­et, wo er heute deko­ra­tiv, ja, malerisch vor sich hin fließt. Ich stand da vor den Schächt­en, die die Bautrup­ps freigelegt hat­ten, und wie so oft bezog ich da meine Inspi­ra­tio­nen aus dem ganz nor­malen All­t­ag, fragte mich: „Was kön­nte da unten leben, was in der feucht­en Dunkel­heit lauern, wie würdest du das in eine Geschichte ein­bauen …?“ und schon war ich auf der inhaltlichen Ebene. Eine Haupt­fig­ur, ein echter Son­der­ling, ‚a stranger in a strange world’, war schnell gefun­den, und der Rest ergab sich dann von alleine.

Ich finde es immer wieder faszinierend, wenn einem beim Schreiben die Fig­uren irgend­wann ganz von selb­st sagen, wo sie hin wollen. Ich hätte ja selb­st am Anfang niemals gedacht, dass der gute Herr Molokas­tor … aber ich will ja jet­zt nicht vorgreifen …

Da gibt es auch die Szene mit dem Affen, der die Zuschauer eines mehr als eige­nar­ti­gen Fes­tumzuges umher­wirbelt, was diese zu genießen scheinen. Diese Szene hab ich selb­st geträumt. Ich träume lei­der ziem­lich sel­ten spek­takulär, aber da stand ich nun in ein­er Men­schen­menge und wartete darauf, dass die riesi­gen schwarzen Pranken mich pack­en und wie einen Jonglier­ball benutzen. Ich bin echt froh, aufgewacht zu sein, bevor das passiert ist.

Dieses Szenario erin­nert mich etwas an den Begriff der „Angstlust“ des Ana­lytik­ers M. Balint. Man wird als Kind von einem Erwach­se­nen hochge­hoben und sog­ar in die Luft gewor­fen, genießt das trotz oder wegen der Aufre­gung und ver­langt nach mehr. Angstlust, das kön­nte vielle­icht die Hal­tung beschreiben, mit der wir Fre­unde des Unheim­lichen und Makabren den uns ange­bote­nen Stoff genießen …

Bleibt noch zu erwäh­nen, dass auch der unheim­liche Wald, mit dem alten Forsthaus etc., seine reale Entsprechung hat. Ich blicke auf ihn, wenn ich aus dem Schlafz­im­mer­fen­ster schaue, und noch immer, vor allem, wenn es dämm­rig wird und sich seine Hügel in weiße Dun­stschleier hüllen, bevölk­ert ihn meine Fan­tasie mit allem Möglichen, wie sie es schon getan hat, als ich noch zur Schule ging.

Ich weiß nicht, was das Beson­dere an ihm ist. Ich glaube allerd­ings nicht, dass es dort eine buch­stäblich steinalte Frau namens Hebz­ibah gibt, aber ich schreibe mir ganz genau auf, was mir meine Fan­tasie zuflüstert, was es dort noch so alles geben kön­nte – für die eine oder andere neue Geschichte …

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