Making of — Horror-Cocktail

Die Grusel-Mis­chung macht’s

“Keine Wonne kommt der des Grauens gle­ich”, behauptet Kul­tau­tor Clive Bark­er – und trifft damit den Nagel auf dem Kopf seines Cenobiten.

„Wie all­ge­mein bekan­nt, ist Angst und in sein­er Potenz Hor­ror ein von Urin­stink­ten ges­teuertes unwillkür­lich­es Gefühl des Men­schen als Reak­tion auf reale Bedro­hun­gen, (noch) nicht erk­lär­bare bzw. ver­ständliche Ereignisse und Phänomene oder irreale Wahrnehmungen, die den Anschein von Gefahr erweck­en (möglicher­weise nur im eige­nen Gehirn). In allen Kul­turkreisen gibt es Mythen, die sich mit der­ar­ti­gen Erschei­n­un­gen befassen. Häu­fig wer­den dabei beson­ders aus­geprägte Äng­ste auf spezielle Wesen pro­jiziert, wie Mon­ster und Dämo­nen, und so für den men­schlichen Ver­stand begreif­bar gemacht“, erk­lärt B.B.Beard – Autor der Geschichte „Rache“ – seine Sicht der Horror-Dinge.

Tat­säch­lich lebt die Hor­rorgeschichte von dem, was unter der Ober­fläche des Lebens brodelt.

„Pagliaccio“-Autor, Simon Heis­er, denkt: “Das Hor­ror-Genre ist mitunter eines der pack­end­sten. Gut gemacht, lässt eine Geschichte oder ein anderes Medi­um den Gour­mand des Grusels nicht wieder los. Ich liebe die Konzen­tra­tion, das Mit­fiebern, das bei Hor­ror entste­ht — man lebt im Moment und ver­gisst alles um sich herum. Zudem glaube ich, dass man mit dem Kon­sum von Hor­ror­lit­er­atur auch so manch­es über sich selb­st ler­nen kann: Wie würde ich selb­st in der einen oder anderen Extrem­si­t­u­a­tion reagieren, wenn ich der Pro­tag­o­nist ein­er dieser Geschicht­en wäre?“

Patri­cia Dole­jsi, die den „Roten Applaus“ beis­teuert, ergänzt: „Hor­rorgeschicht­en bieten Platz für Real­ität und dun­kle Fan­tasie, und je mehr sie in unser­er angreif­baren Welt vorstell­bar sind, umso schreck­lich­er und faszinieren­der sind sie. Ich habe in mein­er Geschichte den Schau­platz eines Jahrmark­ts gewählt, die Stim­mung kann hier sehr schnell kip­pen, her­vor­ra­gend für ein Horrorszenario.“

Die zahlre­ichen Ein­sendun­gen zu unseren Hor­ror-Auss­chrei­bun­gen bestäti­gen das alles eben­so ein­drucksvoll, wie die Band­bre­ite der makabren The­men. Und die haben es in sich.

Die Ambivalenz des Bösen etwa treibt Mar­co Callari um: „Mich hat schon immer die Art von Kampf fasziniert, in dem eine Gruppe von Men­schen gegen etwas über­natür­lich­es Bös­es antritt. Selb­stver­ständlich gewin­nen immer die Men­schen, und wir Zuschauer/Leser ler­nen, wie das Böse zu besiegen ist. Davon ange­tan nahm ich Stift und Papi­er zur Hand und schrieb meine eige­nen (Hor­ror-) Geschicht­en nieder, in denen es genau darum geht: wie das rein Gute gegen ein rein bös­es Wesen kämpft. Doch je älter ich gewor­den bin, desto erschreck­ender stellte ich fest, dass es nichts Über­natür­lich­es bedarf, um das Böse darzustellen. Der Men­sch selb­st ist böse genug und schreckt vor keinen grauen­vollen Tat­en seinen Mit­men­schen gegenüber zurück. Weshalb ich in meinen aktuelleren Geschicht­en, wie auch in Der Herzens­brech­er, gern den Spieß umdrehe und einen Kampf beschreibe, in dem nicht ganz ersichtlich ist, auf welch­er Seite Pro­tag­o­nist und Antag­o­nist ste­hen – denn nicht immer sind die über­natür­lichen Wesen (wie grauen­voll sie auch ausse­hen mögen) die Bösen, und nicht immer ist der Men­sch der Gute.“

Mythen und Leg­en­den sind weit­ere Triebfed­ern, um die schau­rige Fan­tasie in Gang zu setzen.

„Als beson­ders reizvoll erscheinen mir per­sön­lich einige mythis­che Krea­turen der nor­damerikanis­chen Indi­an­ervölk­er: Wendi­go, der wer­wolfähn­liche Gestalt­wan­dler, weitver­bre­it­et in den nördlichen Regio­nen des amerikanis­chen Kon­ti­nents, Baykok, ein fliegen­der Zom­bie, der das Gebi­et um die Großen Seen, z. B. bei den Ojib­we, unsich­er macht, Piasa, ein men­schen­fressender Drachen­vo­gel im Mis­sis­sip­pi Delta bei den Chah­ta Völk­ern oder Achiyalatopa, ein mord­lustiges Vogel­we­sen bei den Zuni im Süd­west­en der USA“, erzählt B.B.Beard. „Für die hier vor­liegende Sto­ry „Rache“ habe ich Piasa aus­gewählt, da er mit seinem ungewöhn­lichen Erschei­n­ungs­bild: Vogelkopf, bunt gefiedert­er Drachenkör­p­er, Fis­chschwanz sowie sein­er abgrundtiefen Bosheit (Lieblingsspeise: Men­schen­fleisch) ein ide­ales Objekt darstellt im Span­nungs­feld zwis­chen Gut und Böse. Was geschieht, wenn ein kleines unbe­darftes Indi­an­er­mäd­chen einem der­ar­ti­gen Mon­ster Empathie ent­ge­gen bringt und ihm das Leben ret­tet? Was geschieht, wenn skru­pel­lose Ver­brech­er die Fam­i­lie des Kindes ermor­den und so das Böse in sein Bewusst­sein heben? Was geschieht, wenn sich nach vie­len Jahren der Ruhe die erwach­sene Frau getra­gen von der eige­nen Wut und unter­stützt vom befre­un­de­ten Piasa für Rache entschei­det? Horror!“

Nicht zu unter­schätzen sind auch die Ein­flüsse der lit­er­arischen Vor­bilder. Clive Bark­er wurde schon zitiert, Edgar Allen Poe ist ein „Muss“ und beson­ders H.P. Love­craft, der 1937 ver­stor­bene Ein­siedler aus Prov­i­dence, gilt als ein­er der Urvater des Hor­rors. Let­zter­er ist dann auch Ideenge­ber für die Sar­turia-Antholo­gie „Der schwarze Gott des Wahnsinns“ gewe­sen, in der zehn Autoren ihrer Hor­ror-Ikone Trib­ut zollen. Mit dabei in dieser erfol­gre­ichen Kurzgeschicht­en­samm­lung waren schon Karsten Beuchert, der dies­mal mit „Im Fluss der Ermit­tlun­gen“ vertreten ist und Hans Jür­gen Het­ter­ling, dessen „Wenn dich der N‘anthook holt“ in diesem „Cock­tail“ eben­falls Love­craftschen Spir­it atmet.

Doch seine Ein­flüsse gehen noch weit­er: „Hor­ror fasziniert mich buch­stäblich von Kindes­beinen an. Bilder, Comics (wer von den ‚Alt­fans’ erin­nert sich nicht an das ‚Selt­sam? Aber so ste­ht es geschrieben’ am Ende ein­er Sto­ry…), Hefte, Büch­er, Filme und deren Plakate, Schausteller­malerei auf Geis­ter­bah­nen. …Was habe ich die ‚Großen’ gelöchert, die sich schon gewisse Filme anschauen durften, was genau da passiert, und warum. Unvergesslich, als mir eine Nach­barin nach dem Besuch von Polan­skis ‚Tanz der Vam­pire’ auf meine Frage, wie genau die Vam­pire denn ausse­hen, sagte: ‚Ihre Haut ist so ble­ich wie das Mondlicht.’ Wow!! … und so begann ich, lange vor der Beschäf­ti­gung mit Psy­cho­analyse, Tiefenpsy­cholo­gie etc. meine Träume aufzuschreiben. Wahre Fund­gruben für meine Fab­u­lier­lust! Auch begann ich bald die Spuren alter Über­liefer­un­gen, Sagen und Leg­en­den in den mod­er­nen Geschicht­en zu erken­nen … So wur­den Vam­pire und Wer­wölfe, Mumien und kün­stliche Men­schen meine ständi­gen Begleit­er, später auch die ‚Großen Alten’ der erfun­de­nen Mythen. Beim Schreiben ver­spürte ich nun das Bedürf­nis, etwas zu kreieren, das so noch nicht da war. Ein Wesen, wed­er Gestalt­wan­dler , noch Blut­sauger, noch Bewohn­er ein­er fer­nen Dimen­sion, zwar all das, aber eben anders. Da dachte ich an eine frühe Vorstel­lung von mir, dass Kinolein­wände, Plakate etc. Tore zu Reichen darstellen, die sie zwei­di­men­sion­al repräsen­tieren. Por­tale zu Wel­ten hin­ter der Welt, voller Schreck­en und dun­kler Geheimnisse. Eine Art Par­al­lelu­ni­ver­sum, in der unsere schlimm­sten Gedankenge­burten und Alp­träume wahr sind. Und was nun, wenn es möglich wäre, jene Tore zu passieren, oder, weitaus schlim­mer noch, die bizarren und über­aus tödlichen Bewohn­er jen­er frem­den Dimen­sion einen Weg fän­den, zu uns zu kom­men … Was würde passieren, was wür­den diese Krea­turen mit uns anstellen …? Das war die Geburt des N’anthook …“

Ein Name darf natür­lich nicht fehlen, der seit der Erstaus­gabe von „Car­rie“ Gen­er­a­tio­nen auf­streben­der Hor­ro­rautoren inspiri­ert: Stephen King.

„Ich kann mich noch gut erin­nern, wie ich als sieben jähriges Mäd­chen mit den Kindern aus der Nach­barschaft, meinen ersten Hor­ror­film gese­hen habe“, berichtet Jas­min Mödl­ham­mer. „Es war kein ander­er als Stephen Kings ES. Der Film hat mich damals so trau­ma­tisiert, dass ich dank des Meis­ters des Hor­rors, sei­ther eine Coul­ro­pho­bie habe. Nach­dem ich dann älter wurde – ich weiß es ste­ht im Wider­spruch – hat sich meine Nei­gung zu Hor­ror immer mehr ver­stärkt und ich kam erneut mit Stephens Geschichte des bösar­ti­gen Clowns in Berührung.
Seit­dem ist Stephen King mein Lieblingsautor und hat mich zum Schreiben mein­er eige­nen Geschicht­en inspiri­ert. Wie die Auss­chrei­bung bei Sar­turia dann aufkam, wollte ich es wagen und meinen eige­nen bösar­ti­gen und mor­den­den Clown erschaf­fen. In mein­er Geschichte ‚Cirque d’horreur - Vari­eté des Schreck­ens’ spielt der Clown ‚Empoté’ als Fre­und und Spaß­mach­er der Kinder eine zen­trale Rolle. Doch sobald er das Ver­trauen der Kinder für sich gewon­nen hat, zeigt er ihnen sein wahres Gesicht.“

Und Son­ja Schird­e­wan, die uns mit der Geschichte „Das böse Erbe“ gruselt, erk­lärt: „Ange­fan­gen hat es bei mir mit den Gruselgeschicht­en durch die Stephen King Büch­er meines großen Brud­ers und die damals aktuellen Film-Rei­hen wie z.B. Hal­loween und Night­mare on Elm­street. Wenn man sich also von früher Jugend an mit Gruselgeschicht­en auseinan­der set­zt, ist es wohl eher unwahrschein­lich, dass man selb­st über Roman­tik schreibt, wenn man irgend­wann anfängt selb­st Geschicht­en zu ver­fassen! Die Idee zu dieser kam mir — wie so manch andere Inspi­ra­tion auch — tat­säch­lich beim Joggen, dabei kann ich richtig abschal­ten und den Kopf frei bekom­men. Ich lief also um den See herum und sah auf ein­er Bank am Strand eine junge Frau sitzen, die offen­sichtlich ger­ade ganz in Gedanken ver­sunken den Son­nenun­ter­gang genoss. Der Anfang war gemacht und alles andere kam dann nach und nach dazu.“

Manch­mal kom­men die Ideenge­ber aber auch von ein­er gän­zlich uner­warteten Seite. Etwa beim Anblick des „Manns“ – oder bess­er – des „Clowns im Mond“. So wie bei Sophia Roppes „Mond­babys“: „Wenn ich nachts zum Mond hin­auf schaue, sehe ich schon seit ein­er Weile dort oben einen hageren Clown, der in ble­ichem Licht durch die karge Land­schaft wan­dert und etwas ausheckt. Ich habe beschlossen, ihn auf die Erde zu lassen um her­auszufind­en, was er vorhat.“

Auch ein sim­ples Fahrrad kann Ini­tia­tor ein­er Erzäh­lung sein. So bei Simon Heis­er: „Ein guter Fre­und von mir — Andreas C. — nahm mit seinem Fahrrad oft­mals beträchtliche Wege auf sich, um zu mir heim zu gelan­gen, sodass wir gemein­sam mit Fre­un­den Filme anschauen kon­nten. Irgend­wie spuk­te mir sei­ther eine Inspi­ra­tion einen Meldere­it­er oder Boten betr­e­f­fend im Kopf herum — jemand, der größere Reisen und sicher­lich auch Gefahren auf sich nimmt, um an einen bes­timmten Ort zu gelan­gen oder einen bes­timmten Auf­trag zu erfüllen.

Als dann noch das The­ma “Böse Clowns” aufkam (für das die Sto­ry ja ursprünglich gedacht war), stellte ich sofort eine Verbindung her: Was wäre, wenn diesem ein­samen Boten die Wirren sein­er Reise plöt­zlich zuviel wür­den? Wenn man so lange alleine ist und durch unbe­wohnte Land­schaften reist, bekommt man es dann vielle­icht mit den Abgrün­den des eige­nen Ver­standes zu tun? Oder noch schlim­mer: Was, wenn jemand dem Boten vor seinem Auf­bruch einen Fluch ange­hängt hätte, um ihn in den Wahnsinn zu treiben (wie es in mein­er Erzäh­lung let­ztlich ja geschah)?“

Oder der Hor­ror entste­ht im See­len­leben ein­er Haus­frau – wie bei Eva Mühlberg­ers Story.

„Der seel­is­che Morast mein­er Pro­tag­o­nistin ver­birgt sich im Schein ihrer Hausar­beit“, sagt sie. „Jeden­falls ist ihr Leben ‚Kein Kinderge­burt­stag’! Nach und nach ver­schwinden Kinder auf mys­ter­iöse Weise. Doch wer ist für die bes­tialis­chen Morde verantwortlich?“

Anja Bahle, die Autorin unser­er Siegergeschichte „Der Phleg­ma­toid“, erzählt, dass sie nor­maler­weise keine Hor­rorgeschicht­en schreibt und auch nicht beson­ders gerne Hor­ror­filme sieht:  „Warum? Weil ich viel zu ängstlich bin. Die gele­se­nen Stephen Kings mein­er Jugend wirken heute noch nach …Trotz­dem bin ich überzeugt, dass jed­er Men­sch seinen ganz eige­nen ‚Hor­ror’ mit sich herumträgt. Das kann der Job sein, der Part­ner oder die Angst, einen Vor­trag vor vie­len Men­schen zu hal­ten. Oder eben ein Phleg­ma­toid. Dieses Schauer­we­sen ver­fol­gt mich bere­its seit mein­er Kind­heit, zum Glück bish­er nur in meinen Träu­men. Dafür immer und immer wieder. Eigentlich müsste ich dem Wesen dankbar sein, denn es zeigt mir an, wenn ich nicht so lebe, wie ich eigentlich leben sollte. Mein Unter­be­wusst­sein, meine Seele, mein Hirn, was weiß ich — schickt mir dann den Phleg­ma­toiden vor­bei. Und ich wache schweißge­badet auf. Nun habe ich ihm einen eige­nen Platz zugeteilt, eine Geschichte, in der er sein Unwe­sen treiben darf. Wer weiß, vielle­icht lässt er mich jet­zt ja in Ruhe?“

Hor­ror als Kathar­sis? Auch das ist eine Möglichkeit. Oder die Ver­ar­beitung von Albträumen.

„Wenn man sich entschei­det eine Geschichte zu schreiben, dann stellt man ein paar grund­sät­zliche Fra­gen“, glaubt Ver­e­na Kreutz. „Zu Beginn geht es dabei um Gefüh­le, die unter­gründig ein The­ma sein sollen. Will man über Liebe, Mut oder Angst und Grauen schreiben. Meine Arbeit­en sind in vie­len Gen­res zu find­en und han­deln von noch mehr Gefühlen. Die Begeis­terung sich mit Angst zu beschäfti­gen wird im Genre Hor­ror bis an die emo­tionalen Gren­zen des Autors aufgear­beit­et, in einen ansprechen­den Text einge­woben und bis auf eine kernige Struk­tur verdichtet. Am Ende ist das Ziel den LeserIn­nen eine aufre­gende Geschichte zu bieten, doch auch der Autor durch­lebt einen gewis­sen Ner­venkitzel. Ich lasse mich ungern erschreck­en, aber forciere gerne Angst und Span­nung. Die Idee für die Geschichte ‚Der Graphit­mann’ entstammte einem Alp­traum, der selb­st anders aus­ging. Dieser wiederum wurde von einem Sci­ence-Fic­tion Film ini­ti­iert … Die Erzäh­lung beschäftigt sich nicht mit dem The­ma Gut und Böse. Sie han­delt vielmehr von ein­er gewis­senslosen und per­son­ifizierten Dunkel­heit, die sich zu ein­er gefräßi­gen Bedro­hung entwick­elt. Meines Eracht­ens lautet in ein­er Hor­rorgeschichte die gestellte Auf­gabe an die Darsteller nicht das ver­meintlich Böse zu besiegen, son­dern einen Weg zu find­en mit der eige­nen Angst fer­tig zu wer­den und das Beste aus der bedrohlichen Sit­u­a­tion zu machen. Daher wird man nicht erfahren wer der Graphit­mann ist oder woher er kommt, es geht um die Pro­tag­o­nistin­nen und wie sie die Begeg­nung mit ihm meistern.“

Sci­ence-Fic­tion ist, nicht zulet­zt seit Rid­ley Scott in Zusam­me­nar­beit mit H.R.Giger sein Hor­ro­ralien auf die Filmzuschauer los­ge­lassen hat, eben­falls ein Betä­ti­gungs­feld der grausi­gen Visionen.

Ein Crossover bietet Karsten Lorenz, der sich eigentlich im SF-Bere­ich zu Hause fühlt: „… genauer gesagt, in der unmit­tel­baren Zukun­ft, die schon fast von der Gegen­wart einge­holt wor­den ist. Bei der ‚Blutab­gabe’ wird es beson­ders deut­lich, dass Zukun­ftsvi­sio­nen sehr beängsti­gend sein kön­nen. Zum Hor­ror wer­den sie, wenn man diese Zukun­ft möglicher­weise bald selb­st erleben wird und nichts gegen diese Entwick­lung tun kann. Dass die all­ge­meine DNA-Erfas­sung in weni­gen Jahren schon Real­ität sein wird, ist sehr wahrschein­lich. Es ist wohl meine Art, mit dieser Angst umzuge­hen, indem ich den erkennbaren Trend auf­greife, ihn bis ins Absurde über­höhe und damit wiederum Abstand gewinne. Ich sperre meinen ganz per­sön­lichen Hor­ror in die Geschichte ein.“

Und meist geht die Lust am Hor­ror bis in die Kind­heit zurück. So auch bei Thomas Williams, der die Feengeschichte „Oper­a­tion Hal­i­to­sis“ beisteuert.

„Schon als Kind war ich begeis­tert von Mon­stern. Ganz beson­ders in Fil­men. Ich kon­nte mich gar nicht sattse­hen an Godzil­la, King Kong und den Ray Har­ry­hausen Fil­men. So kam ich auch über Umwege zu Hor­rorgeschicht­en. Es macht mir Spaß sie zu schreiben, weil ich so meinen Phan­tasien Leben ein­hauchen kann und mich dabei vol­lkom­men frei füh­le. Es macht mir Spaß in diese Welt hin­abzu­tauchen und den All­t­agsstress für ein paar Stun­den zu vergessen.“

Meine erste Begeg­nung mit dem Unheim­lichen fand während eines Kinderge­burt­stags statt. Die ältere Schwest­er des Geburt­stagskindes gab im abge­dunkel­ten Wohnz­im­mer Gruselgeschicht­en zum Besten und erk­lärte ger­ade mit Grabesstimme: „… und der Geist trat durch die Tür …“, als sich tat­säch­lich die Zim­mertür knar­rend öffnete. Natür­lich han­delte es sich nur um die Mut­ter, die zum Aben­dessen bit­ten wollte, aber das durch­drin­gende Gekreisch entset­zter Sech­sjähriger kon­nte man ver­mut­lich noch drei Straßen weit­er vernehmen …

Nun, mein Grund­stein für die Liebe zum Genre wurde hier gelegt und es bere­it­et mir große Freude, diese Affinität zum Hor­ror als Her­aus­ge­ber mit anderen zu teilen. Das Kind­heit­ser­leb­nis wurde später auch Teil ein­er auto­bi­ografisch ange­haucht­en Kurzgeschichte mit dem Titel „Stadt­ge­spen­ster“. Gier allerd­ings ergänzt um reale Geis­ter, denen ich aber bish­er (lei­der?) noch nicht „in real­i­tas“ begeg­net bin.

Eigene Gesund­heit­ser­fahrun­gen sind auch in Flo­ri­an Krenns Geschichte “Der Herr der Fieber und Pla­gen” einge­flossen, obwohl er sich an alle Einzel­heit­en, die zu dieser Geschichte führten nicht mehr erin­nern kann. „Fakt ist jedoch, dass ich früher in Wien in dieser Gegend gewohnt habe und oft (auch im Regen) mit der U‑Bahn von der Sta­tion Michelbeuern/AKH nach Hause gefahren bin. Zudem plagten mich in der Zeit in dieser Woh­nung gesund­heitliche Prob­leme, Asth­ma und Bluthochdruck wur­den diag­nos­tiziert. Beim Schreiben visu­al­isierte ich unser Wohn­haus und die Woh­nung. Während der Zum Glück war mein Ziel nicht das Kranken­haus, son­dern die Woh­nung eines Fre­un­des, in der wir regelmäßig Pen and Paper Rol­len­spiele gespielt haben. Haupt­säch­lich böse Grup­pen mit hohem Dämo­nenan­teil — ein weit­eres Puzzel­stück. Pazuzu, ein assyrisch-baby­lonis­ch­er Gott ist mir schon wesentlich früher begeg­net: mit dreizehn Jahren begann ich Met­al zu hören, haupt­säch­lich Death und Thrash. Eine mein­er Lieblings-CDs war ‚Altars of Mad­ness’ von Mor­bid Angel, die Pazuzu auf dem Album das Lied ‚Lord of all fevers and plague’ wid­me­ten. Dieses Lied hat mich sehr inspiri­ert, wenn mir auch erst im Nach­hinein bewusst gewor­den ist, wie gut die zweite Stro­phe des Liedes passt. Weit­er­hin ist Pazuzu auch Bestandteil des Love­craftschen Mythos, welch­er mich sehr fasziniert, vertreten. Im Sam­mel­band ‚Das Necro­nom­i­con / Die Goe­tia / Der kleine Schlüs­sel Salomo­nis’ wird er unter anderem mit den bekan­nten Namen wie Aza­thoth, Cthu­lu oder Shub Nig­gu­rath genannt.Und das ist es, was für mich das Schreiben von Hor­rorgeschicht­en aus­macht: die Ver­schmelzung per­sön­lich­er Äng­ste und Erfahrun­gen mit der Fik­tion, die den Faden aufn­immt und weit­er­spin­nt. Die realen Äng­ste in die Fan­tasie abschieben. Stephen King schrieb in ‚Danse Makabre: die Welt des Hor­rors’, dass Hor­ror in Zeit­en real­er Angst — in seinem Beispiel Ameri­ka während des Korea und Viet­nam Kriegs — immer beson­ders boomt und eine willkommene Abwech­slung ist. Das Schreiben von Hor­rorgeschicht­en wirkt bei mir manch­mal ähn­lich, nur im kleinen Rah­men, auf per­sön­lich­er Ebene.Ebenso schreibt King, dass die Angst vor dem Ungewis­sen, die Größte ist. Love­craft war ein Meis­ter darin, nur anzudeuten und dem Leser genug platz für seine per­sön­lichen Dämo­nen und Vorstel­lun­gen zu lassen. Unter diesem Gesicht­spunkt ver­hält es sich mit gutem Hor­ror wie mit einem guten Cock­tail: sind die Zutat­en per­fekt aufeinan­der abges­timmt, ist das Ganze mehr als die Summe sein­er Teile und die Wirkung kann sicht voll entfalten.“

Wie wahr: Das Ganze ist mehr, als die Summe sein­er Teile und so lebt auch unser „Hor­ror-Cock­tail“ von der Vielfalt der enthal­te­nen Geschicht­en. Unser Autor Ben Riebel gibt uns den Bar­keep­er des Mor­biden – vielle­icht inspiri­ert von Stephen Kings Lloyd aus ‚Shin­ing’: „Wert­er Dame, wert­er Herr, was kann ich Ihnen anbi­eten? Empfehlung des Haus­es ist heute ein Stephen King. Zerge­ht auf der Zunge. Nein? Wie wäre es mit einem Dean Kootz? Mal etwas anderes? Joe Hill ist recht neu, während Love­craft an die klas­sis­chen Geschmäck­er appel­liert. Alles schon bekan­nt? Dann lassen sie mich Ihnen einen Cock­tail mix­en, der aus bekan­nten etwas Neues erschafft. Es ist eine Eigenkreation von der ich hoffe, dass sie Ihnen gefällt. Pro­bieren Sie es aus. Sie müssen es sich nur wagen nicht ganz ver­lassene Bur­gen und fin­stere Wälder zu besuchen, sowie sich in die Geheimnisse ein­er Fam­i­lie ein­führen zu lassen.“

Der „Hor­ror-Cock­tail“ ist nun – nach „Der schwarze Gott des Wahnsinns“ und „Böse Clowns“ —  meine dritte Antholo­gie. Sie ent­stand aus den Ein­sendun­gen zu den „Bösen Clowns“, die alle Erwartun­gen übertrof­fen hatten.

Da ein guter Teil der ein­gere­icht­en Geschicht­en mehr dem Krimi‑, als dem Hor­ror­genre zuzuord­nen war, über­nahm die dama­lige Sar­turia-Krim­i­her­aus­ge­berin einen Teil der Geschicht­en für die Antholo­gien „Humor ist, wenn man trotz­dem stirbt“ und „Lachen­der Tod“. Einige sehr gute Geschicht­en, die aus unter­schiedlichen Grün­den nicht für die „Bösen Clowns“ aus­gewählt wur­den, mussten aber unbe­d­ingt ihren Weg zwis­chen zwei Buchdeck­el. Sie waren ein­fach zu gut, um unberück­sichtigt zu bleiben. Und so find­en sie die geneigten Leserin­nen und Leser, ergänzt um einige weit­ere lesenswerte Geschicht­en, nun in dieser Anthologie.

Fred­erik  Elt­ing, der seinen durch väter­liche Gewalt miss­gestal­teten Pro­tag­o­nis­ten auf eine Hor­ror­reise schickt,  fast es tre­f­fend zusam­men: „Cock­tails und Büch­er zeigen einige Par­al­le­len. Je nach Vor­liebe wählt man nach eini­gen Ver­suchen die Geschmack­srich­tung, die man bevorzugt. Manch­er mag es süß, der andere scharf oder auch bit­ter. Dazu kommt dann noch das Tal­ent des Bar­tenders. Ich mochte stets die bit­teren Geschmack­stöne des Hor­rors am lieb­sten. Der Rausch kann kommen.“

Beschließen wir unseren Streifzug durch die Entste­hung unseres Hor­ror-Cock­tails mit der Aus­sage der Autorin Ina-Alexan­dra Dünkeloh: „Für mich ist Hor­ror die Möglichkeit, tief in die Seele/ Psy­che der Men­schen zu blick­en. Angst, Macht, Lust und Begehren: Ein betören­der Cock­tail und hoch explo­siv. Boom.“

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Ausgenom­men ein paar Danksa­gun­gen vielle­icht. Natür­lich gilt mein Dank an dieser Stelle allen beteiligten Autorin­nen und Autoren, ohne deren großar­tige Geschicht­en – und ihrer unvor­ein­genomme­nen Bere­itschaft den­noch hart daran zu arbeit­en – diese Antholo­gie gar nicht möglich gewe­sen wäre.

Mein­er Lek­torin Iwo, die in redlichem Bemühen ver­suchte, sich bei der Zusam­me­nar­beit mit den Ver­fasserin­nen und Ver­fassern, an das son­st übliche, lit­er­arische Niveau bei Sar­turia® anzunähern.

Und Flo­ri­an und Hans Jür­gen, die nicht nur zwei tolle Geschicht­en beiges­teuert haben, son­dern auch durch ihren uner­müdlichen Ein­satz das Erscheinen dieses Buch­es mit gewährleis­tet haben.

Gruseli­gen Spaß bei der Lek­türe wün­scht Euer Herausgeber
Detlef Klewer

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