Making of — Lachender Tod

Mak­ing-of zur Kri­mi-Antholo­gie „Lachen­der Tod“

„Span­nung ist Kau­gum­mi fürs Gehirn.“
Alfred Hitch­cock

Wenn für einen Kri­mi nur ein paar Seit­en zur Ver­fü­gung ste­hen, sprechen wir von einem Kurzkri­mi. Bisweilen ist der Ich-Erzäh­ler Täter, hin und wieder Opfer. Ein Mord wird minu­tiös geplant oder das Ver­brechen geschieht spon­tan. Mit­tels Revolver, Mess­er, von vorn oder sub­til aus dem Hin­ter­halt. Manch­mal wird nicht die Physis ermordet, son­dern die Seele.
Und sehr viele wer­den für ihre Untat­en nicht bestraft.
Schand­tat­en hat­ten schon immer Bedeu­tung in Lit­er­atur und Film. Und wenn man sich die jüng­sten Best­sellerlis­ten ansieht, feiert das Ver­brechen Konjunktur.

„Es ist der Krim­i­nal­ro­man gewe­sen, der schließlich zur
Geburt ein­er neuen und eigentlichen Roman­form geführt hat.
Schon seine Ini­tialzün­dun­gen durch Poe und Dostojewski
waren ja hochliterarisch …“
Alfred Ander­sch

Zur Kurzgeschicht­en-Auss­chrei­bung „Böse Clowns“ wur­den so viele gute Geschicht­en ein­gere­icht, dass sich Sar­turia zu einem Nach­fol­ge­band entschlossen hat. Der dies­mal unter dem Genre „Kri­mi“ herauskommt.
Denn unsere Clowns sind nicht lustig. Über­haupt nicht! Sie sind Täter und sie sind Opfer. Manch­mal tritt ein­er nicht in der typ­is­chen Mask­ierung auf, son­dern als Charak­terzug: er ver­hält sich wie ein „Kasperl“. Wie ein krim­ineller Kasperl.

Ein Clown darf auch außer­halb des Zirkus seine Späße treiben, ohne dass jemand Bös­es dabei denkt: sei es als Klinik-Clown, im Fasching, bei Kindergeburtstagen.
Unsere Clowns hier treten zum Teil auch im Zirkus auf, zur Bespaßung von Touris­ten oder Kranken — aber sie besitzen eine hohe krim­inelle Energie, sind fies, gemein und bösar­tig. Keine toll­patschi­gen Wesen, keine ver­schmitzten Charak­tere, die einen zum Lachen brin­gen wollen.
Durch ihre „Verklei­dung“ erhal­ten die Ver­brechen, die sie verüben, einen zusät­zlichen Charak­ter: etwas Unheil­brin­gen­des, Unkonkretes; etwas, das sich schw­er greifen lässt.

Und was sagt Patri­cia High­smith dazu, die Meis­terin der Suspense-Story?

„Mich haben immer nur die krim­inellen Anla­gen und Möglichkeit­en des Nor­mal­men­schen beschäftigt, dabei ist mir die Aufk­lärung eines Mord­falls völ­lig gle­ichgültig. Gibt es etwas Lang­weiligeres und Gekün­stel­teres als Gerechtigkeit? Wed­er das Leben noch die Natur scheren sich einen Deut darum, ob einem Geschöpf Gerechtigkeit wider­fährt. Ich erfinde Geschicht­en, und mein Ziel ist es nicht, den Leser moralisch aufzurüsten, ich will ihn unter­hal­ten. Leute ohne Moral, wenn es nicht sture, bru­tale Charak­tere sind, amüsieren mich. Sie haben Phan­tasie, geistige Beweglichkeit und sind drama­tisch nahrhaft.“
Patri­cia High­smith; zitiert aus: Franz Cavigelli/Fritz Senn, Über Patri­cia Highsmith

„Unsere“ Pro­tag­o­nis­ten hier in dieser Antholo­gie nehmen es eben­falls nicht so genau mit der Moral – also hätte Patri­cia High­smith ihre Freude damit gehabt. Auch Phan­tasie­man­gel oder Unbe­weglichkeit kann man ihnen nicht nachsagen.

Sie agieren hin­ter der Clowns­maske im Ver­bor­ge­nen, wollen nicht erkan­nt wer­den. Lösen blankes Entset­zen aus, manip­ulieren und üben Rache. Sind voller Wut oder Gier und erheben sich über die vorherrschen­den, gesellschaftlichen Nor­men. Manche hören Stim­men, die ihnen etwas einflüstern.

Andreas Kro­hberg­er, Autor von „Der Giftzw­erg“ sagt:
„Alle Geschicht­en haben Wurzeln in der eige­nen Geschichte. Diese Wurzeln, von denen es in jed­er Erzäh­lung unzäh­lige gibt, sind im All­ge­meinen zu dünn, um die Hand­lung ‚auto­bi­ographisch‘ nen­nen zu kön­nen. Doch alles, was irgend­wo auf der Welt oder uns selb­st geschieht, und alles, was uns Autoren in irgen­dein­er Weise berührt, kommt in den großen Topf, in dem unsere lit­er­arische Suppe vor sich hin köchelt. Das kön­nen große Ereignisse der Welt­geschichte sein, oder auch nur ein einziges, ver­wirren­des Wort, das der Nach­bar uns im Vorüberge­hen zuwirft. Wenn dann die Suppe gut gewürzt ist und dem Autor schmeckt, fährt er mit sein­er lit­er­arischen Kelle hinein. Der Leser muss die Geschichte dann aus­löf­feln. Sel­ber schuld!“

Die Autoren und Autorin­nen, die in der Antholo­gie „Lachen­der Tod“ schreiben, sind tief in diesen Sup­pen­topf eingetaucht.

Es gibt ein paar starke Motive, um jeman­dem Bös­es anzutun:
Rache. Gier. Lei­den­schaft. Eifer­sucht. Krankheit. Macht.
Rache – sei es aus Eifer­sucht oder weil sich jemand schon zu lange unter­drückt oder ungerecht behan­delt fühlt — da genügt dann der leg­endäre Tropfen, der das Fass zum Über­laufen bringt.
Gier — Abbé Fer­di­nan­do Galiani, ital­ienis­ch­er Schrift­steller aus dem 18. Jhdt. sagte: „Furcht und Gier sind die Ursachen der Grausamkeit.“ Da kön­nen wir ihm wohl recht geben.
Macht – andere manip­ulieren, unter­drück­en, in eine Opfer­rolle drängen.
Geisteskrankheiten.
Sehr oft ist es eine Mis­chung aus mehreren dieser Motive.

John Wayne Gacy, 1942–1994, war bekan­nt als Killer-Clown. Ein US-amerikanis­ch­er Serien­mörder, der für die Verge­wal­ti­gung und Tötung von 33 Jun­gen und jun­gen Män­nern verurteilt wor­den ist. Ein Krim­ineller, der leicht­es Spiel hat­te, weil er im selb­st­genäht­en Clown­skostüm Straßen­feste besuchte und als Pogo der Clown Kinder unter­hielt. Er erhielt 21 Mal lebenslänglich und 12 Mal die Todesstrafe und schaffte es damit ins Guin­ness-Buch der Rekorde.
Im Alter von 24 Jahren begann Gacy als Man­ag­er in einem Ken­tucky-Fried-Chick­en-Restau­rant seines Schwiegervaters zu arbeit­en. Er wurde des sex­uellen Miss­brauchs von Jugendlichen angeklagt und verurteilt, seine Frau ließ sich schei­den, er wurde erneut straf­fäl­lig, heiratete wieder, wurde anerkan­nter Geschäfts­mann, war immer wieder auf der Suche nach Opfern, die er später ermordete.
Auf­grund seines gesellschaftlichen Engage­ments lernte er auch Ros­alynn Carter, die Frau des US-Präsi­den­ten ken­nen. Zu diesem Zeit­punkt hat­te er den Großteil sein­er Tat­en bere­its verübt.

Um Rache — und was passieren muss, damit solche Gelüste entste­hen kön­nen — geht es in „Das Grin­sen“ von Nee­lam Kaur.
John Pey­ton ist ein unlustiger Clown, der auf dem Jahrmarkt Bon­bons verteilt.
Er wird, genau­so wie Gacy, vom Vater mis­shan­delt. Die Mut­ter hat ihm immer, wenn er ihrer Mei­n­ung nach etwas falsch gemacht hat, Kreuz­muster in den Arm ger­itzt. Irgend­wann, als Teenag­er, hat er sie lebendig begraben. Und jed­er im Ort weiß es …
John Pey­ton wird gemobbt. Der Schlimm­ste von allen ist Jackson.
Ein John-Wayne-Gacy-Ver­schnitt? Sein Vorbild …?

„Worte sind geladene Pistolen.“
Jean-Paul Sartre

Das Rachemo­tiv find­en wir auch in „Unhap­py Meal“ von Rafael Alber­to Garciolo.
Auch an dieser Geschichte ist John Wayne Gacy nicht ganz unschuldig.

„‘Unhap­py Meal‘ basiert auf ein­er Idee zu einem Kurz­film, der jedoch nie real­isiert wurde“, so der Autor:
„Der Titel ver­weist dabei natür­lich auf jenen welt­bekan­nten Fast-Food-Konz­ern, dessen Wer­be­fig­ur – ein Clown – mich bere­its als Kind das Fürcht­en lehrte. Daher schien mir die Antholo­gie ‚Lachen­der Tod‘ eine per­fek­te Plat­tform, um dieses frühe ‚Trau­ma‘ nun mit ein­er schriftlichen Aufar­beitung zu würdigen.
Die Idee dabei war, einen gescheit­erten Wer­be­clown blutige Rache nehmen zu lassen für das gestiegene Ernährungs­be­wusst­sein der Gegen­wart. Für den Ver­lust sein­er Exis­tenz macht er den Auf­stieg von Veg­e­taris­mus und Veg­an­is­mus verantwortlich.
Klar stand für diese Fig­ur vor allem der Serien­mörder John Wayne Gacy Pate, auch wenn natür­lich Pen­ny­wise, der Clown aus Stephen Kings Es, als großes Vor­bild nie ganz wegzu­denken ist.
Eine Mes­sage oder tief­er­en Sinn hat­te ich dabei nicht vor Augen.
Unhap­py Meal ist vor­rangig gedacht als ger­adlin­ige kleine Geschichte mit mak­aber­er Pointe, die hof­fentlich eher für Vergnü­gen als für einen erhöht­en Cho­les­terin­spiegel sorgt.“

Dass es auch sym­pa­this­che Mörder geben kann, beweist  Bar­bara Scher­er in ihrer Geschichte „Die Blütenprinzessin“.
Der Clown, Angestell­ter eines Vergnü­gungsparks, has­st seine weiße Schminke, mag aber an sich seinen Beruf.

Auszug: „Ich will schon frus­tri­ert aufgeben, als ein kleines Mäd­chen, vielle­icht sieben Jahre alt, mit ihrer Mut­ter im Schlepp­tau und einem strahlen­den Gesicht auf mich zukommt. Etwa einen Meter ent­fer­nt bleibt sie ste­hen, schaut mich an, tritt von einem Fuß auf den anderen. Das kenne ich gut, wenn Kinder etwas wollen, sich aber nicht trauen.“

Klaus Wern­er-Lobo, Autor und Clown: „Es liegt eine unglaubliche
Befreiung darin, genau für die Dinge, die ich anson­sten immer
zu ver­steck­en ver­sucht habe, von anderen geliebt zu werden –
also für alles, was pein­lich ist, wovor ich mich fürchte, für alles,
von dem ich glaube, dass ich soziale Anerken­nung verliere …
In einem Clown-Work­shop ler­nen wir, mit den anderen Teil­nehmern in
Beziehung zu treten, indem wir ehrlich zu uns selb­st und anderen sind …
Im Laufe von ein oder zwei Tagen lassen die Men­schen ihre Masken fallen.
Die rote Nase – die Clowns­maske – ist die kle­in­ste Maske der Welt;
die nichts ver­steckt, son­dern alles zeigt.“
Klaus Wern­er-Lobo: Frei und gefährlich. Die Macht der Nar­ren. Benen­ven­to Vlg., 2016

Der Psy­chothriller „Clown“ von Jon Watts aus dem Jahr 2014 han­delt von der Meta­mor­phose eines für­sor­glichen Fam­i­lien­vaters zu einem mord­hun­gri­gen Dämon in Clowns­form: Er erwirbt ein Clown­skostüm, um auf der Geburt­stagspar­ty seines Sohnes den Dum­bo zu spie­len. Doch er bringt das Kostüm nicht mehr von seinem Kör­p­er. Fest­gek­lebt. Auch die Perücke.
Es stellt sich her­aus: Es ist die Haut eines Dämons.
Der Film wurde von Max Link im Hor­ror­magazin Virus betitelt als „guter Psy­chothriller mit okkul­tem Ein­schlag, der der Clown-The­matik jeden Humor nimmt und durch viel kalte Angst und etwas warmes Blut ersetzt.“
Der Film spielt mit der Coul­ro­pho­bie, also der Angst vor Clowns, die durch Stephen Kings ES und die FS Serie Amer­i­can Hor­ror Sto­ry oder durch reale Per­so­n­en wie den Serien­mörder John Wayne Gacy ver­bre­it­et wurden.
Wenn ein Clown zum Kinderge­burt­stag geladen ist, kann dies für Heit­erkeit und gute Stim­mung sor­gen. Außer die Verklei­dung dient dazu, die Begle­ichung ein­er alten Schuld einzufordern.

In „Ich, der Clown“ von Dieter König nimmt ein Clown ein­same Rache an einem reichen Mann.

Auszug: „Meine Maske musste wer­den wie die Maske des Meis­ters: schlicht und ver­trauen­er­weck­end. Sie musste mein zutief­st ver­let­ztes, verge­waltigtes Ich ver­ber­gen, musste es gut ver­steck­en, sodass nie­mand jemals uns bei­de miteinan­der in Verbindung brin­gen kon­nte. Vor allem nicht in den Stun­den danach.“

„Frühere Erleb­nisse bes­tim­men, wie ein Men­sch in ein­er Situation
für Außen­ste­hende han­delt … Immer fasziniert uns das Warum;
es ist die Essenz aller großen Lit­er­atur. Nichts geschieht ohne Grund.
Das Motiv ist nötig für den Prozess, der zur Aktion führt,
und es stim­uliert ihn immer wieder neu:
Der eine han­delt aus Liebe, ein ander­er aus Hass …“
Lajos Egri, Lit­er­arisches Schreiben; Autoren­haus Ver­lag, 2002

Im 16. Jahrhun­dert erschienen auch Arlecchi­no – später Harlekin, Han­swurst – und Pedroli­no – später Pier­rot und Pul­cinelle in der ital­ienis­chen Com­me­dia dell’arte.
Bedeu­tende Weit­er­en­twick­lun­gen dieser Fig­uren, ins­beson­dere auch der Fig­ur des Pagli­ac­cio, dessen Name zum roman­is­chen Begriff für den mod­er­nen Clown wurde, fan­den im 17. Jahrhun­dert durch Molière und Mitte des 18. Jahrhun­derts durch Goldoni statt. Die entsprechende deutsche The­ater­fig­ur hieß seit dem 16. Jahrhun­dert Han­swurst. Der Darsteller Franz Schuch näherte seinen Han­swurst um 1750 wieder dem ital­ienisch-franzö­sis­chen Harlekin an.

Ein Kri­mi spielt immer auch mit unseren Ängsten.
In „Kannst du die Stimme hören“ von Simone Preußn­er passieren merk­würdi­ge Dinge in einem noch merk­würdi­geren Museum.

„Da gibt es den Ängstlichen, der unter sein Bett schaut,
und den Ängstlichen, der sich nicht ein­mal traut,
unter sein Bett zu schauen.“
Jules Renard

Simone Preußn­er, die Autorin: „Eigentlich war meine Geschichte für eine andere Antholo­gie gedacht, aber ich denke, hier bin ich dur­chaus richtig aufge­hoben; sollen uns doch Clowns vor allem zum Lachen bringen.
Warum also ein Clown als Schurke? Ist das nicht fast schon ein Klis­chee — möchte man fragen?
Vielle­icht; aber ger­ade wenn man aktuellere Entwick­lun­gen betra­chtet, wie die Hor­ror-Clowns zu Hal­loween (meine Geschichte war allerd­ings schon lange davor fer­tiggestellt), dann zeigt das, dass  diese Fig­uren, die uns in der Regel nur zum Lachen brin­gen wollen, uns Angst machen. 
Ich fürchte mich nicht vor Clowns, aber ich kenne Leute, denen sie mehr als unan­genehm sind.“
Warum aus­gerech­net ein Harlekin?
„…weil ich einen Clown wollte, den man nicht zu sehr mit der Fig­ur aus Stephen Kings Roman ‚Es‘ ver­gle­icht. Außer­dem sind Harlekins für mich die schöneren und anmutigeren Clowns. Sie ste­hen nicht für Toll­patschigkeit oder ein­fachen Witz, son­dern viel mehr für Illu­sion und Tief­gründigkeit. Ich schaue sie gerne an und ich mag ästhetisch ansprechende Schurken, für mich lag also kaum etwas näher als ein Harlekin.
Für das Set­ting wurde ich durch einen Besuch in einem der ‚Dun­geons‘ (Grusel-Labyrinthe, von denen es in Deutsch­land zwei gibt) inspiri­ert und die Idee für eine Hor­ror Geschichte in einem solchen Labyrinth schwebte schon lange in meinem Kopf herum. Dazu kam dann ein Aufeinan­dertr­e­f­fen mit einem als Harlekin gek­lei­de­ten Straßenkün­stler, der für Kinder und auch Erwach­sene zauberte. Was also, wenn dieser in Wahrheit ein Serien­mörder wäre?
Zwei Ideen hat­ten sich gesucht und gefun­den, nur wurde aus dem Grusel-Labyrinth eine Attrak­tion auf der Kirmes und aus dem poten­tiell schurken­haften Pro­tag­o­nis­ten der Antag­o­nist für meine Kurzgeschichte.“

„Es ist nicht zu ändern:
Schurken sind ein­fach aufregender.“
Wolf Wondratschek

Außer Pis­tolen, Messern, Gift und Fäusten gibt es noch andere Waf­fen: Worte.
Wenn jemand über einen län­geren Zeitraum hin­weg gedemütigt und gekränkt wird, hat das fatale Fol­gen. Nicht nur für die Betroffenen.
Denn was, wenn sich diejenige irgend­wann ein­mal wehrt und furcht­bare Rache nimmt?
In „Clown­sche Chirurgie“ von Enri­ca Malfleur rächt sich eine Chirur­gin an ihrem Ehe­mann für alle erlit­te­nen Demü­ti­gun­gen und Misshandlungen.

Auszug: „Da liegt er. Mit­ten auf dem Tep­pich. Lang gestreckt und schlafend. Hil­f­los. Das Rotwe­in­glas liegt umge­stürzt auf dem großen Glastisch. Sein Inhalt hat eine rote Spur der Ver­wüs­tung gezo­gen und beglückt tropfend den auf Hochglanz polierten Holz­bo­den. Ich bin stolz auf meine Voraus­sicht. Dem Rotwein Schlafmit­tel beizu­men­gen, hat sich gelohnt.“

„… Bere­its ein Charak­terzug reicht als Grund­lage für eine
span­nende Geschichte. Eine Gewohn­heit, Pho­bie oder eine
Überempfindlichkeit …“
Aus: Lajos Egri, Lit­er­arisches Schreiben; Autoren­haus Vlg, 2002

Manch­mal ver­birgt sich ein unheil­volles Laster hin­ter dem grotesken Anstrich. Da wirkt die Clowns­maske nicht mehr heit­er, son­dern ver­störend; wird als Vor­wand genutzt, um Gren­zen über­schre­it­en zu kön­nen, die als Tabu‘ gel­ten.
Macht ausüben zu wollen über andere – ein starkes Motiv.</>
Zu lesen in „Mein Vater, der böse Clown“, von Rubi Stephens.

Auszug: „Es ist früh am Mor­gen. Ich liege in meinem Bett und ver­suche noch den Schlaf festzuhal­ten. Aus der Küche höre ich Geräusche. Er ist schon wach, wie immer. Trinkt seinen Kaf­fee, raucht Zigaret­ten. Ich kann es riechen.“

Es ist eine bedrück­ende Gefühlswelt, geschrieben aus der Sicht eines vier­jähri­gen Kindes.

„Ein Blick in die Welt beweist, dass Horror
nichts anderes ist als Realität.
Alfred Hitch­cock

Um einen ähn­lichen Über­griff und Ausübung von Macht geht es auch bei Jen­nifer Arndt in „Clowns wollen dir nichts Böses.“
Ein Mäd­chen im Vorschu­lal­ter trifft auf dem Jahrmarkt auf einen Clown …  dem sie Jahre später erneut begegnet.

Auszug: „Mir stock­te der Atem. Ein Strom an ver­gan­genen Gefühlen sprudelte in mir hoch und ließ das Blut in mir kochen. Mein Puls raste wie wild und das Herz wollte mir aus dem Brustko­rb sprin­gen. Es war Unsinn zu denken, dass er mich noch erkan­nte. Trotz­dem wollte mein Kör­p­er das nicht ganz wahrhaben. Schließlich ver­set­zte ich mir einen Ruck, atmete tief ein und stürmte los.“

„Das Neg­a­tive inter­essiert mehr als das Pos­i­tive. Das hat schon
Shake­speare gewusst. Im Grunde ist das erfreulich; denn es beweist,
dass das Neg­a­tive immer noch die Aus­nahme ist.“
Ten­nessee Williams

Über­griffe durch Mask­ierte im Clownskostüm.
In den USA und zahlre­ichen anderen Län­dern macht­en Grusel­clowns schon vor län­ger­er Zeit die Straßen unsich­er — zulet­zt mehrten sich auch Berichte über Grusel­clowns in Deutsch­land und Öster­re­ich. Als Videos taucht­en die makabren Stre­iche oft im Inter­net auf.

Der Direk­tor des Zirkus Ron­cal­li, Bern­hard Paul, prophezeite jedoch in ein­er öster­re­ichis­chen Tageszeitung, die Grusel-Clowns wür­den so schnell ver­schwinden, wie sie gekom­men seien. Weiters:
„Die Kostümierung dieser Gestal­ten ist die eine Sache. Dass sie sich unges­traft Clowns nen­nen, ist die andere. Aber wenn sie dann auch noch mit Sägen und Knüp­peln auf Leute los­ge­hen, dann sind es Krim­inelle, dafür ist die Polizei zuständig.“
Auch der Geschäfts­führer des Vere­ins „Rote Nasen Deutsch­land“, Claus Gieschen, betonte in Berlin: „Wer Kinder und Erwach­sene erschreckt und sich dabei hin­ter ein­er Maske ver­birgt, richtet nicht nur seel­is­chen Schaden bei den Betrof­fe­nen an, son­dern beschädigt das Bild von Clowns in der Öffentlichkeit.“ Und merk­te an, dass der ther­a­peutis­che Ein­satz von Clowns in Kranken­häusern wegen der Grusel­welle gefährdet sei.

Auch in der Geschichte „Demask­iert!“ von Han­nelore Brack­siek benutzt ein­er die Clowns­maske als Tarnung.

Ein Clown im Kranken­haus ver­bre­it­et gute Stim­mung, trotz­dem fürchtet sich die 4‑jährige, schw­er kranke Sophie vor ihm.

Die Autorin: „Die Beweg­gründe für diese Geschichte sind die fast täglichen Berichte in den Medi­en von miss­braucht­en und mis­shan­del­ten Kindern – unseren Schutzbe­fohle­nen die viel zu oft mit dem Tod bezahlen. Das durch Dro­hun­gen erzwun­gene Schweigen der Opfer und ihr nicht sel­ten lebenslanges Trau­ma. Die Grausamkeit dieser per­fi­den Aus­nutzung kindlich­er Arglosigkeit hin­ter ein­er Maske aus Fröh­lichkeit und Lachen.“

Auszug:
„Hat­te der schon immer so ein komis­ches Gesicht? Auch als er noch klein war?“, will Sophie wissen.
„Nein, das ist nur eine Maske“, antwortet Janine spontan.
„Was ist eine Maske?“
„Etwas, das man über das Gesicht zieht.“
„Warum?“
„Um sich dahin­ter zu verstecken.“
„Weshalb will er sich verstecken?“
„Das weiß ich auch nicht: vielle­icht, weil er ein sehr trau­riges Gesicht hat. Und darüber kann man doch nicht lachen.“

Eine unser­er Autorin­nen beg­ibt sich in eine frühere Epoche – in die 1950er Jahre. Nach Philadelphia.
Katha­ri­na Kern zeigt uns in ihrer Geschichte „Wie du mir, so ich dir“, dass ein ungelöster Krim­i­nal­fall auch noch nach vie­len Jahren aufk­lär­bar sein kann.
Detec­tive Hodges und sein Gehil­fe sind an ein­er schreck­lichen Mord­serie dran. Natür­lich klären sie den Fall auf – und müssen dabei tief in die Ver­gan­gen­heit eintauchen.

„Jede lit­er­arische Fig­ur hat eine Ver­gan­gen­heit, eine Gegenwart
und eine Zukun­ft. Und diese drei Dimen­sio­nen bes­tim­men, wie sie
spricht, sich bewegt, han­delt und wächst. Fig­uren, die nur eine
Gegen­wart und eine Zukun­ft haben, sind flach. Die Gegen­wart ist das Kind
von Gestern und die Mut­ter von Mor­gen. Glaub­würdi­ge Figuren
vere­inen alle drei Gen­er­a­tio­nen in sich.“
Aus: Lajos Egri, Lit­er­arisches Schreiben; Autoren­haus Vlg.

Neben dem Vari­eté bildet vor allem die Zirkus­ma­n­ege die Heimat des mod­er­nen Clowns.
Begonnen hat alles in der zweit­en Hälfte des 19. Jahrhun­derts in einem mit Säge­mehl über­säten Spielzirkel, der durch Philip Ast­ley zum Schau­platz des Clowns wurde. Genutzt wurde dieser vor­erst für komis­che Artis­tik auf dem Pfer­derück­en (deswe­gen auch die Kreisform).
Hier­aus entwick­elte sich im Fol­gen­den der Komik­er mit dem Pferd, wie beispiel­sweise bei „scènes de manège“ oder „Two Eng­lish­men on horse­back“. (Quelle: Wiki)

In der fol­gen­den Geschichte schnup­pern wir echte Zirkusluft.
Im Zirkus ‚Traumkup­pel‘ wer­den dem Haupt­clown Req­ui­siten gestohlen — aber es soll noch schlim­mer kommen.
In  „Der Clown, dem das Lachen verg­ing“  von H.H.Hadwiger ist Gier als Motiv vorrangig.

„Mich hat dazu motiviert, dass ich eine Ergänzung und Bestä­ti­gung zum Sprich­wort: ‚Wer zulet­zt lacht, lacht am besten‘ find­en kon­nte“, so der Autor.

„Ich habe niemals von einem Ver­brechen gehört,
das ich nicht hätte bege­hen können.“
Johann Wolf­gang von Goethe

Mit der Entste­hung fes­ter Spielorte trat der Clown nun als Pan­tomime auf. Stolperte tölpel­haft in der Manege herum und fing sich Fußtritte und blaue Flecke ein.
Hier zeigt sich schon die Ähn­lichkeit mit unserem heuti­gen Zirkus­clown, der ein Sam­mel­suri­um von gebün­del­ter Sinnlosigkeit aufzeigt: er ren­nt gegen Türen, fällt hin, weil er in die falsche Rich­tung schaut, stürzt über imag­inäre Stolper­steine oder auch echte. Er wird zum Real­itätsverspot­ter und bildet die Gesamtheit ein­er Kul­tur mit all ihrer Irra­tional­iät und Ironie ab.

„Der Clown ist der­jenige, der fällt, der scheit­ert, der ver­liert – und der immer
wieder auf­ste­ht …Wir lachen über Clowns nicht, weil sie so lustig sind,
son­dern weil wir unsere eigene Unper­fek­tion, unsere eigene
Lächer­lichkeit, ein­fach all das, was uns belastet, in ihnen erkennen …“
Klaus Wern­er-Lobo: Frei und gefährlich. Die Macht der Nar­ren. Benen­ven­to Vlg., 2016
Auszug aus einem Inter­view mit der öster­re­ichis­chen Straßen­zeitung Apropos

In „Zirkus vor der Schule“ von Jonas Kissel gastiert ein Zirkus im Ort.
Die Clowns sind mehr unheim­lich als lustig, mehr angriff­s­lustig als friedlich, und als die Fre­undin­nen in ein­er Vorstel­lung sitzen, läuft über­haupt alles aus dem Ruder.

„Ich glaube, dass der Krim­i­nal­ro­man keine niedere
Kun­st darstellt, weil er dazu beiträgt, sym­bol­isch natürlich,
eine Lösung für den Umgang mit der Angst zu finden,
mit der wir ständig leben.“
Fred Var­gas, zitiert aus: Tobias Gohlis, Dämo­nen bannen.
In: Buchjour­nal 1/2007

Die Verklei­dung des typ­is­chen (Zirkus-)Clowns beste­ht aus ver­schiede­nen Ele­menten. Er trägt oft zu große, bunte Klei­dung, eine Perücke und eine rote Nase. Häu­fig wird durch Größenkon­traste — wie zu große Schuhe und beson­ders aus­gestal­tete Kostüme — eine komis­che Unangemessen­heit her­aus­gestellt. Beson­ders ist auch das geschmink­te Gesicht, das je nach Typ variiert.
Durch die Ver­größerung oder Verkleinerung ver­schieden­er Gesicht­steile mit Schminke verän­dern sich die Gesicht­spro­por­tio­nen, was wiederum Ein­fluss auf die Mimik hat … (Quelle: Wiki)

Eben­falls in der Zirkuswelt ange­siedelt ist die Geschichte  “Bob­bie der Clown“ von Julia Damer, allerd­ings mit einem psy­chi­a­trischen Phänomen verknüpft: Bob­bie hört Stimmen.

Bob­by im Zirkus Fan­tas­ti­co lebt mit sein­er 9‑jährigen taub­s­tum­men Tochter zusammen.
Es geht ihm finanziell schlecht, kör­per­lich auch.
Eine Stimme sagt ihm, er solle endlich wieder ein­mal Fleisch essen. Lebendfleisch …

„Wir leben in ein­er Gesellschaft, die in Gut und Böse kategorisiert –
und die uns dazu bringt, dass wir uns inner­lich aufspalten,
und jene Anteile ver­drän­gen, die als böse ange­se­hen werden.“
Klaus Wern­er-Lobo, Clown und Autor,
 in einem Inter­view mit der Straßen­zeitung ‚Apro­pos‘, 2017

Auf der Kirmes ler­nen auch die näch­sten Pro­tag­o­nis­ten „ihren“ Clown kennen:

Die viel zu großen Schuhe und die auf­fäl­lige weiße Schminke machen zwei Kindern in „Mamaclown“ von Jes­si­ca Riedel Angst.
ie bei­den besuchen – während ihre Eltern auf Kreuz­fahrt sind — für eine Weile die Großel­tern auf dem Land.
Als Nach­barin die unheim­liche „Tante Beete“. Ein Jahrmarkt mit angst­machen­dem Clown. Merk­würdi­ge Vorkomm­nisse im Haus der Großel­tern. Als die Kinder einen Nach­mit­tag allein ver­brin­gen, eskaliert das Ganze.

„Hor­ror war schon immer mein Ding“, sagt die Autorin. „Ob auf den Seit­en der Büch­er oder auf der Leinwand.“
Auch in ihrer Geschichte ist Rache das Motiv für krim­inelles Geschehen.

„Nur irgend­wann begann meine Fan­tasie, die schon immer recht leb­haft war, ein Eigen­leben zu entwick­eln und hielt mich dazu an, dies auf Papi­er zu brin­gen – und so auch anderen einen Schreck­en über den Rück­en zu jagen.
Der Titel ‚Lachen­der Tod‘ sprach mich aus diesen Grün­den sofort an und ich sah die Möglichkeit, euch an meinen dunkel­sten Gedanken teil­haben zu lassen.
Ein großes Dankeschön an alle Men­schen, die nicht an meinen Traum glaubten und lacht­en. Ihr habt mir den Mut gegeben, ihn in die Tat umzusetzen.“

Wenn ein Beamter der Mord­kom­mis­sion sus­pendiert wird, weil er sich zu sehr in einen Fall ver­beißt, sind wir in der Geschichte „Die Hütte am See“ von Jür­gen Gabel­mann gelandet.
Auch hier ist das Motiv Rache.
Der Kom­mis­sar und Ich-Erzäh­ler ver­hed­dert sich in sein­er eige­nen Biografie, die untrennbar mit dem Fall ver­woben ist. Und in der Hütte, da laufen alle Fäden zusammen.

Der Autor Jür­gen Gabel­mann: „Ich hat­te schon lange vor, eine Hor­rorgeschichte zu schreiben — und was bietet sich da bess­er an als ein Clown und eine ein­same Hütte im Wald, um damit zu beginnen.“

„Span­nung … ist eine Form von Neugi­er. Der Autor wirft
Fra­gen auf, die den Leser neugierig machen … oder der Autor
erweckt mehr als Neugi­er, indem er beim Leser Angst oder
Besorg­nis aus­löst. Span­nung, die den Leser ängstlich oder besorgt macht,
ist ganz bes­timmt stärk­er als bloße Neugier.“
Aus: James N. Frey, Wie man einen ver­dammt guten Roman schreibt, Emons Vlg.

Von Rache und diversen Vor­fällen in einem Freizeit­park han­delt „Der Giftzw­erg“ von Andreas Kro­hberg­er.

 „Genau dort, wo später fik­tionales Blut aus mein­er Fed­er fließen sollte, genau vor diesem bre­it­en Bett im Wohn­wa­gen eines Clowns, bin ich vor vie­len Jahren ges­tanden. Eine Flasche Bier in der Hand, ließ ich mir seine Geschichte erzählen. Er war ein Zwerg und legte größten Wert auf diese Beze­ich­nung. Er genoss es sichtlich, mich mit ein­er ein­laden­den Geste zum Bett hin in Ver­legen­heit zu brin­gen. Es war der Keim für die viel später geschriebene Geschichte vom  ‚Giftzw­erg‘. Der Clown war real. Abso­lut erfun­den sind dage­gen seine Bösar­tigkeit, sein mörderisch­er Hass, seine Tat­en. Doch die Begeg­nung im Rah­men mein­er Jour­nal­is­ten­tätigkeit notierte ich in einem kleinen Büch­lein, das ich schon damals mit mir führte.“

In Andreas Kro­hberg­ers Geschichte ver­set­zt nicht nur der Zwerg-Clown alle in sein­er Umge­bung in ungute Stim­mung; auch die Schim­pansen, die im Freizeit­park ihre Kun­st­stücke vor­führen sollen, reagieren ungewohnt.
Der Autor zeigt auf, dass sich Tiere, die jahre­lang gedemütigt und ver­sklavt wer­den, irgend­wann rächen. Und die Rache fällt übel aus.

„Wie es in einem Freizeit­park zuge­ht, all die Ränke und Allianzen hin­ter den Kulis­sen, erfuhr ich von mein­er Schwest­er, die jahre­lang als Artistin in so einem Park arbeit­ete. Wenn ich sie besuchte und wir vor dem Wohn­wa­gen Kaf­fee tranken, mussten wir nicht sel­ten unseren Kuchen vor den gieri­gen Hän­den der Berber­af­fen schützen … 
Der Clown ist längst gestor­ben, wie ich hörte … Das tut mir natür­lich leid. Aber froh bin ich, dass er so meine Geschichte vom ‚Giftzw­erg‘ nicht in die Hände bekom­men kann. Son­st hätte er ihre Wurzeln wom­öglich zurück­ver­fol­gen kön­nen. Und Dinge auf sich bezo­gen, die allein mein­er Phan­tasie entsprangen. Das wäre mir pein­lich gewe­sen. Schließlich ver­wen­det man als Autor viel Mühe darauf, die Bezüge zur eige­nen Biografie zu maskieren.
Lieber als die Frage ‚bin ich etwa dieser Idiot in dein­er Geschichte?‘ ist es uns schon, wenn der Leser vor unser­er grandiosen Phan­tasie bewun­dernd auf die Knie fällt!“

In „Zweit­er Früh­ling“ von Aşkın-Hay­at Doğan ist Gier ein starkes Motiv. Und lässt die Pro­tag­o­nistin grausam werden.
Hier ste­ht nicht ein Clown, son­dern die geal­terte, clow­neske Bal­lett­tänz­erin Dud­dy im Fokus, die für Geld alles macht und mit der Web­cam aufn­immt – sei es noch so abartig.

Auszug: „Das Inter­net, dieses medusen­hafte Mon­ster, das anonym auch die düster­sten Schlafz­im­mer und ‚Büros‘ über­all auf der Welt erre­icht, hat­te ihr nach Jahren ver­bit­tert­er Vergessen­heit einen zweit­en Früh­ling beschert. Ein treuer Fan hat­te ihr einen Com­put­erkurs spendiert und sie in die Welt des World Wide Web einge­führt. Es war auf ein­mal sehr ein­fach, Fre­unde der gehobe­nen Clowner­ie zu find­en … Stil­volle Nos­tal­gik­er, heim­liche Coul­rophile und Fans ließen in den Foren ein Revival der alten Zeit­en zu und erhoben Dud­dy auf ein virtuelles Podest. Ein paar gekaufte Domains mit Kün­stler­na­men und mar­ket­ingstrate­gisch einge­baut­en Newslet­tern, Rabattshows und hoch fre­quen­tierten Live-Hang­outs hat­ten sie zu ihrem Come­back geführt.“

„Der Glaube an einen über­natür­lichen Ursprung des
Bösen ist nicht notwendig; die Men­schen sind von sich aus
zu jed­er Gemein­heit fähig.“
Joseph Con­rad

Eben­so mit der virtuellen Welt verknüpft ist „Die Online­mar­i­onette“ von Eileen Leist­ner.
Ein Junge, der in der realen Welt nicht klarkommt, fre­un­det sich in der virtuellen mit einem Clown an. Der gibt ihm aber keine Über­leben­stipps, son­dern etwas anderes …

„Clowns sind faszinierende Charak­tere für Lit­er­atur … die es schaf­fen, kindlich­es Vergnü­gen in nack­tes Grauen umschla­gen zu lassen“, so die Autorin Eileen Leist­ner. „Dieses Motiv habe ich in ‚Die Online­mar­i­onette‘ auf einen aktuellen Kon­text, näm­lich dem Sich-Ver­lieren-in-Com­put­er­spie­len bezogen.
Der lustige Geselle und Ret­ter in der Not trägt in der virtuellen Welt die Clowns­maske, doch dahin­ter ver­birgt sich in der Real­ität ein ganz anderes Gesicht, das dem Pro­tag­o­nis­ten zum Ver­häng­nis wird. Span­nend sind zudem Masken, die in den Geschicht­en undurch­dringlich bleiben und so den Leser in rat­losem Schreck­en zurücklassen.“

Aber Clowns sind nicht nur Täter, son­dern auch Opfer.
Im Sezier­saal wird ein tot­er Gauk­ler eingeliefert.
In „Leichen­schau“ von Lau­ra Cabr­era hört der Stu­dent Björn Stim­men, die son­st kein­er hört, und der tote Gauk­ler ver­fol­gt den labilen Mann bis ins Schlafzimmer.

Auszug: „Björns Glieder waren einge­froren. Er schloss die Augen und öffnete sie wieder, doch die For­men waren noch da. Er nahm vor­sichtig einen kleinen Teil Decke in die Hand und riss sie weg.
Das Bett war leer.“

„Es ist viel leichter, sich über die Machen­schaften von Banken
und Konz­er­nen zu empören, weil dabei ja die anderen böse sind
und ich gut. Es ist schmerzhafter und schwieriger zu sagen:
Moment, ich muss mich mit meinen eige­nen Dämo­nen beschäftigen.“
Klaus Wern­er-Lobo: Frei und gefährlich. Die Macht der Nar­ren. Benen­ven­to Vlg., 2016

Nicht nur frühere Epochen son­dern auch ver­sunkene Kul­turen wer­den in unseren Geschicht­en thematisiert.
In „Goldgi­er“ von Peter Splitt berichtet ein Reis­eschrift­steller, dessen Hob­by die Erforschung alter Kul­turen ist. Auch hier ist Gier ein starkes Motiv: die einen gieren nach einem archäol­o­gis­chen Schatz aus wis­senschaftlichen Inter­essen her­aus, die anderen, weil sie sich auf krim­inelle Art damit bere­ich­ern möchten.

Es begin­nt auf ein­er Farm in Cor­ba­cho, Peru. Eine Akten­mappe mit brisan­tem Inhalt. Pyra­mi­den, präkolumbian­is­che Ruinen. Ein unge­hoben­er Schatz aus der Inka-Zeit. Und die Kon­tra­hen­ten haben die Ver­fol­gung bere­its aufgenommen.

Auszug: „Er griff seitlich an der Kalk­stein­plat­te in den Sarkophag hinein und erstar­rte. Es war ein zuck­ender Schmerz, stechend, aber nur ober­fläch­lich, so als hätte ihm jemand mit ein­er Nadel in den Arm gestochen. Vor Schreck schnappte er nach Luft und wollte die Hand her­ausziehen, da spürte er den zweit­en Stich. Der war erhe­blich stärker …
Als er seine Hand her­aus­riss, hing etwas an seinem kleinen Fin­ger, wand und schlän­gelte sich. Er schrie auf und schüt­telte seine Hand, doch das Ding blieb hängen.“

Jede Geschichte braucht einen Kon­flikt; das bedeutet: min­destens zwei Han­del­nde mit unter­schied­lichen Interessen.

„Wer andere beherrschen will, prof­i­tiert davon, dass Menschen
mit sich selb­st in Kon­flikt sind.“
Klaus Wern­er-Lobo: Frei und gefährlich. Die Macht der Nar­ren. Benen­ven­to Vlg., 2016

Ein ver­rück­ter, mor­den­der Clown tritt in „Spiegel“  von San­dra Sil­bach auf.
Eine junge Frau, gefan­gen in einem Spiegellabyrinth – sie find­et wed­er den Aus­gang noch ihre bei­den Fre­unde. Dafür macht sie einen grausi­gen Fund.

Auszug: „Sie hastete um eine Ecke und ihre Füße verfin­gen sich in etwas auf dem Boden.
Lisa fiel weich. Alles war kle­brig und roch nach Blut.
Sie wollte auf­sprin­gen und in die andere Rich­tung fliehen, doch ihre Beine woll­ten nicht mehr. Gaben ein­fach nach und bewegten sich nicht. Sie blieb mit­ten im Gang liegen.“

„Das absurde Ver­brechen ist wie Reli­gion. Unglaublich, aber faszinierend.“
Alfred Hitch­cock

Wir hat­ten bere­its irre Clowns, hier ist noch ein­er: In „Nimm Platz“ von Tibor Lehberg.
Melis­sa und ihre Fre­undin wollen einen beson­deren Abend ver­brin­gen, ein Kün­stler bietet in einem kleinen The­ater eine spezielle Show an. Sie sind ins­ge­samt zwölf Besuch­er, müssen Handys und Taschen abgeben und dür­fen ab jet­zt nicht mehr sprechen.

„Ein unheim­lich­er Psy­chopath, der Angst und Schreck­en ver­bre­it­et, wom­öglich noch an einem Ort, der nicht für die Mordgelüste eines Geis­teskranken sofort in Frage kommt“, so der Autor.
In dieser Form spuk­te mir schon seit Län­gerem eine grobe Fan­tasie durch den Kopf.
Und mit dem Beginn der Auss­chrei­bung ‚Lachen­der Tod‘ entwick­elte sich auch ziem­lich schnell eine Idee und aus den  wirren und grausamen Gedanken formte sich let­z­tendlich diese Geschichte. Angeregt durch Filme wie ‚Hal­loween‘ mit Michael Myers oder Stephen Kings ‚ES‘, stellen für mich mask­ierte Bestien einen beson­deren Reiz dar.“

Der  Clown ist ein Artist, dessen primäre Kun­st es ist, Men­schen zum Lachen zu brin­gen. Der Begriff leit­et sich von einem englis­chen Begriff ab und bedeutet in etwa „Bauern­tölpel“ (16. Jahrhun­dert). Im Englis­chen wird er seit etwa 1600 n. Chr. für „Narr, Spaß­mach­er“ verwendet.
Wahrschein­lich, unter dem Ein­fluss der Shake­speare-Über­set­zun­gen, wird das Wort seit dem 18. Jahrhun­dert auch im Deutschen verwendet.
Ein ver­al­teter, vor allem in Dialek­ten gebräuch­lich­er Begriff, ist Bajaz­zo (vom französichen Pail­lasse, oder ital­ienis­chen Pagli­ac­cio hergeleit­et). (Quelle: Wiki)

Eine frühe Erzäh­lung von Thomas Mann trägt den Titel Der Bajaz­zo und han­delt von einem reichen, selb­st­ge­fäl­li­gen Kauf­mannssohn, der deut­lich spürt, dass er das Zeug zum Musik­er oder Schaus­piel­er hat. Lei­der wird sein Genie von der Gesellschaft, die er verspot­tet, verkan­nt. Nach­dem ihn auch noch die liebreizende Anna ablehnt, fühlt er sich ver­loren und als lächer­liche Fig­ur gebrandmarkt.
Beson­ders fies ist, wenn der Ich-Erzäh­ler dran glauben muss — wie in „La come­dia è fini­ta!“ von Christo­pher Riedmüller.
Er wird tat­säch­lich von einem ver­rückt gewor­de­nen Clown niedergestochen – der stets, wenn er wo auf­taucht in der Geschichte, die schmerz­er­füllte Arie des Canio aus Rug­gero Leon­cav­al­los Oper „Der Bajaz­zo“ rezitiert.
In der Rück­blende erfahren wir die Ursache des Übels. Natür­lich geht es um eine Frau.

Auszug:
„‘Lache, Bajaz­zo, über die zer­broch­ene Liebe, über den Schmerz.‘
Ich springe auf, so schnell es mein Zus­tand zulässt, packe meinen Geh­stock und eile zur Haustür. Ver­schlossen, war ja mal wieder klar. Ich drehe mich um. Direkt vor mir ste­ht er, einen Kopf größer als ich. Wut schießt in mir hoch, als er sein blödes Klappmess­er zückt und von ein­er Hand in die andere wirft.“

Dean Koontz meint in „How to Write Best-Sell­ing Fic­tion“:
99 von 100 uner­fahre­nen Autoren machen auf den ersten Seit­en ihres Buch­es densel­ben Fehler: sie begin­nen ihren Roman nicht damit, dass sie ihren Helden oder ihre Heldin in fürchter­liche Schwierigkeit­en versetzen.“

Die 23 Autoren und Autorin­nen in „Lachen­der Tod“ haben diesn Fehler nicht gemacht.

Am Entste­hen dieser Antholo­gie waren unzäh­lige Men­schen beteiligt: 
vorneweg die Sarturia®-Literatur-Akademie mit ihrem Leit­er, Dieter König, mit all den gewis­senhaften Coach­es, Lek­toren, Lek­torin­nen und Kor­rek­turbeauf­tragten; mit Detlef Klew­er, der das geniale Cov­er gestal­tet hat; mit den fleißi­gen Helfern, die den Arbeits­fluss am Laufen hal­ten, die unter anderem dafür sor­gen, dass unsere Büch­er gedruckt und aus­geliefert wer­den, dass es eine e‑book-Aus­gabe geben wird — und last but not least, die begabten Autorin­nen und Autoren.

Ihr habt unter­schiedlich­ste Fig­uren geschaf­fen — bunt, schillernd, vielfältig — und mit Leben erfüllt.
Diese Charak­tere sind es, die das Papi­er, auf dem sie schwarz auf weiß gedruckt sind, zum Atmen und Leucht­en bringen.
Auf das Ergeb­nis dür­fen wir wirk­lich alle stolz sein!

Chris­tine Jurasek, Her­aus­ge­berin von „Lachen­der Tod“.

„Erwach­sene lieben Geheimnisse. Sie lassen sich gerne möglichst
lange und genüsslich auf die Folter span­nen — bis es zur,
hof­fentlich plau­si­blen, Aufk­lärung kommt. Ein guter Kri­mi entführt
in unbekan­nte Milieus und Land­striche und ist, im besten Fall,
ein Gesellschaft­sro­man par excellence.
Der Extrem­fall Mord und Totschlag lässt das Beste
und die Bestie im Men­schen frei.“

Anne Chaplet

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