Schneefall — Barbara Siwik

SCHNEEFALL (Beste Geschichte Train­ingsauf­gaben Dezem­ber 2014)

© 2014 – Bar­bara Siwik

Es schneite.
Der Schnee bescherte den grauen Wiesen und den trau­rig zit­tern­den Ästen der Bäume eine weiche, weiße Decke.
In der Däm­merung fie­len zögernd die let­zten Flock­en und am Him­mel erschien ein klar­er Mond. Sein Licht ver­wan­delte den Schnee in ein Meer aus glitzern­den Kristallen und warf die Schat­ten der Bäume und Sträuch­er als Muster über die flim­mernde Landschaft.
Ring­sum herrschte Stille.
Ein Ast brach im Wald mit hartem Ton unter sein­er Last und eine Wolke aus fein­stem Schneestaub schwebte von dort herab, wo das Eich­hörnchen seinen Kobel hatte.
Als flink­er Schat­ten flitzte es in Spi­ralen um den Stamm der Tanne nach unten, sprang auf den Wat­teschnee, tanzte in ele­gan­ten Sprün­gen kreuz und quer über die makel­lose Fläche und hin­ter­ließ ein Gewirr von winzi­gen Abdrücken.
Der Hunger hat­te es aufgeweckt. Doch verge­blich suchte es nach der angelegten Vor­ratskam­mer, die irgend­wo unter dem Schnee ver­bor­gen lag.
Unverse­hens wurde die Stille von Krachen und Stampfen durchbrochen.
Eine unför­mige Gestalt walzte über die kleine Lichtung.
Der Wald­schrat war dabei, die Eich­hörnchen­fall­en zu prüfen. Blind für die Schön­heit der glitzern­den Pracht pflügte er mit ein­er gewalti­gen Schaufel eine Bahn in den Schnee.
Laut­los huschte das Eich­hörnchen am Stamm der nahen Tanne empor und beobachtete das bär­tige Ungetüm aus sicher­er Höhe.
Der Schrat schien gefun­den zu haben, wonach er suchte. Er bück­te sich schnaufend.
Unter seinem heißen Atem schmolz der Schnee. Eine Falle kam zum Vorschein. Sie war leer. Heute würde er wohl keinen Brat­en mehr aufs Feuer bekommen.
Grum­mel­nd und brum­mend ent­fer­nte er den zer­quetscht­en Hasel­nussköder und warf ihn in hohem Bogen von sich. Darauf hängte er die Falle an den bre­it­en Bauchgurt und stapfte heimwärts.
Es wurde wieder still.
Zurück­ge­blieben waren ein hässlich-brauner Fleck und eine Spur, die den Schnee wie eine Wunde verunzierte.
Da flitzte wiederum ein flink­er Schat­ten in Spi­ralen um den Stamm der Tanne nach unten und sprang ziel­stre­big dor­thin, wo die Hasel­nuss im Schnee ver­sunken war.
Eifrig knab­bernd hielt das Eich­hörnchen ein Festmahl.
Als es längst satt in seinem Kobel schlief, begann es erneut in dicht­en Flock­en zu schneien. Sie deck­ten alles zu – die winzi­gen Pfötchen­spuren, die Hasel­nuss-Schalen, den Fleck und die unför­mi­gen Fußspuren des Waldschrats.

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